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Die Republik der Träume

von 
Ralph Dutli
6. Juli 2009
«Die Zimtläden» von Bruno Schulz sind neu zu besichtigen, und eine Biografie beschwört den galizischen Erzähler und Zeichner aus Drohobycz als Weltautor
Seite 1 von 3

Wo, um Gottes willen, liegt Drohobycz? Die heute zur Ukraine gehörende Stadt in der Nähe von Lemberg war bis zum Ersten Weltkrieg ein galizisches Provinzkaff am schartigen Tellerrand der k. u. k. Monarchie. Biografisch und künstlerisch jedoch war sie für den Schriftsteller und Grafiker Bruno Schulz (1892–1942) nicht weniger als – die Welt. Zwar versuchte er mehrmals, ihrem Mief zu entkommen, doch die Stadt verschluckte ihn immer wieder wie ein schwarzes Loch, das zuweilen in paradiesbunten Farben schillern konnte. Er wollte ihr entfliehen und verwuchs mit jedem Fluchtversuch mehr mit ihr. Sie war für ihn der beste Ort für Kindheitsträume voller wohliger Schauder, zarter Verschmelzungswünsche und ins Weltall ausgreifender Angst- und Wortphantasien.

Das sonst monumental unbedeutende Drohobycz wurde dank Bruno Schulz zu einem weltliterarischen Ort. Die Prosa-Moderne des 20. Jahrhunderts, die auch deshalb faszinierend ist, weil sie kein wirkliches Zentrum hatte und selbst an den äußersten Rändern blühen konnte, mochte auf den galizischen Beitrag nicht mehr verzichten. Dass Schulz sein Leben als Opfer totalitärer Gewalt auf absurde und tragische Art verlor, macht ihn umso mehr zur exemplarischen Figur.

Bruno Schulz wurde 1892 in einer kleinbürgerlichen jü­dischen Kaufmannsfamilie geboren. Er war das dritte, letzte, kränklichste, sensibelste Kind. Der von ihm abgöttisch verehrte Vater Jakub hatte ein Seiden- und Tuchwarengeschäft, ging bankrott, erkrankte an Schwindsucht und Krebs und starb langsam vor sich hin. Überhaupt ist die Schulz’sche Familiengeschich­te geprägt von Verarmung, Krankheit, Depression und vorzeitigem Tod. Des Vaters Ende kam 1915, und für den 23-jährigen Bruno Schulz zerbrach eine Welt. Ach, dieser Vater! Er wird im Werk seines Sohnes ein so imposantes postumes Leben führen dürfen, wie er es sich nie hätte träumen lassen.

Ab 1910 folgten, nach dem Gymnasium, ein Architektur-Studium in Lemberg, das Schulz wieder abbrach, sowie einige Aufenthalte in Wien, aber das übermächtige Drohobycz war der stärkere Magnet. Also nahm Schulz Mitte der zwanziger Jahre eine Stelle als Zeichen- und Handarbeitslehrer am Gymnasium der Stadt an, ernährte die ganze Sippe, hasste seinen Brotberuf als das ewig drückende Joch, das ihn an der rückhaltlosen Ausübung seiner Kunst hinderte. Neben seiner eigentümlichen Grafik begann er zu schreiben, 1934 erschien «Die Zimtläden», drei Jahre später der zweite Flügel des Diptychons, «Das Sanatorium zur Todesanzeige». Schulz wird für immer ein Wortgläubiger sein. In einem theoretischen Essay schrieb er: «Die Wirklichkeit ist der Schatten des Wortes.»


Herrische Frauen und kluge Brieffreundinnen

Die Frauen spielen eine verwirrend doppelte Rolle in diesem Künstlerleben. Sie erscheinen in Schulz’ grafischem Werk ab den zwanziger Jahren als schöne, nackte, hochnäsige und kalte Herrscherinnen, vor denen wasserköpfige, zwergenhafte Männer kriechen und sich von ihnen peitschen lassen. Schulz selber führte diese eklatant masochistischen und fetischistischen Phantasien auf frühe Züch­tigungen durch seine Kindermädchen zurück. Doch er hatte immenses Glück. Im wirklichen Leben gab es eine ganze Reihe kluger, verständnisvoller, talentierter Frauen, die mit Schulz Briefe und Freundschaftsgesten tauschten. Sie waren intelligente Musen, brillante Trösterinnen, geistige Krankenschwestern. Aus den Briefen an die Kunsthistorikerin und Dichterin Debora Vogel wuchs nach und nach «Die Zimtläden» hervor. Immer wieder tauchen inspirierende Brieftauben am Horiont auf, aber der Brief ist auch eine galante Methode, sich die realen Frauen vom Leib zu halten.

Dann war Schulz einmal sogar verlobt, mit Józefina Szelinska, doch zu einer Heirat kam es nie. Schulz war zu tief mit der Einsamkeit verlobt, zu schüchtern und kauzig, völlig «den unmenschlichen Sphären, dem unfruchtbaren Hades der Phantasie verfallen», wie er selber schrieb. Er war in lebenspraktischen Belangen von seltener Unbeholfenheit, dafür umso begabter für die Werke des Traumes, der Mythen, der Phantasmagorien. Er proklamierte die «Republik der Träume» und wurde selber deren loyalster Bürger.

«Die Zimtläden» erscheinen nun fast ein halbes Jahrhundert nach der deutschen Erstübersetzung durch Josef Hahn – 1961 ebenfalls im Hanser Verlag, der sich wie kein anderer um den galizischen Träumer verdient gemacht hat – in einer Neuübersetzung. Es ist gleichsam eine zweite Gelegenheit (Schulz mochte das Konzept der «zweiten Demiurgie»), «Die Zimtläden» zu besichtigen. Doreen Daumes geglückter Versuch, dieses Schlüsselwerk der Moderne in einer strengeren und genaueren, auf Ausschmückungen verzichtenden Neuübersetzung zu vermitteln, ist eine Einladung, die man nicht ausschlagen sollte: Ein Besuch in dieser farbigen, für alle sinnlichen Wahrnehmungen offenen Welt voller kurioser Metamor­phosen und grotesker Bilder lohnt jeden Umweg. Auch sprachmusikalisch vermag die Neuübersetzung zu überzeugen («das faselnde Geflasche, das Blubbern der Bouteillen und Ballone»). «Das Sanatorium zur Todesanzeige» soll 2010 in einer Neuübersetzung folgen.

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