Der letzte Tatort mit den zweien aus MünsterKölnMünchenBremenWasweißich hat sich ganz gut verkauft - aber muss er deswegen gut sein? Nein, stoßseufzt der Ex-Tatort-Kommissar Gregor Weber im Cicero
Man könnte denken, dass ich Schauspieler bin. Oder Autor. Beides falsch. Ich bin Tatort-Kommissar. Beziehungsweise Ex-Tatort-Kommissar, aber das soll hier egal sein.
Tatort-Kommissar ist eine gültige Berufsbezeichnung an der Grenze zur persönlichen Eigenschaft. Jemand, der, bevor die Zeitungen melden, dass er Tatort-Kommissar wird, Schauspieler war, hat wahlweise: einen Ritterschlag erhalten, ist in große Fußstapfen getreten, wird der neue Schimanski, auch gerne der neue weibliche Schimanski oder – mittlerweile ein großer Renner – ist der jüngste Tatort-Kommissar aller Zeiten.
Fest steht: Das Label wird man nicht mehr los. Nie. Und es darf als Konsens gelten, dass es ein Schauspieler geschafft hat, wenn er Tatort-Kommissar wird. Aber was genau hat man denn da geschafft?
Nun, man ist Hauptdarsteller in der renommiertesten Krimireihe des deutschen Fernsehens, zu sehen auf dem besten Sendeplatz, vor dem aufgeschlossensten und klügsten Publikum. Die Redakteure, die die inhaltliche Verantwortung für die Filme der Reihe tragen, sind durch die Bank ausgewiesene Film- und vor allem Krimiexperten mit genauem Gespür sowohl für die drängenden Themen des bundesrepublikanischen Augenblicks als auch die ganz allgemeinen sozialen, zwischenmenschlichen und psychologischen Dramen der Gegenwart. Nur die besten Autoren und Regisseure arbeiten für dieses Format, Letztere wiederum suchen sich die innovativsten Kameraleute, was sich in den Qualitätsansprüchen an jeden Einzelnen in den Teams fortsetzt.
Dann engagiert die Produktionsfirma die bestmöglichen Schauspieler für die Episodenrollen, jeder von ihnen weiß, dass der sonntägliche Auftritt von Millionen Zuschauern gesehen wird und wie ein Nachbrenner im Jet-Triebwerk seiner Karriere unaufhaltsam Schub verleiht. All das zu finanzieren, ist unproblematisch. Die Budgets sind hoch, und die Produktionsfirmen stecken nahezu jeden Cent in die Steigerung der Qualität. Beim Tatort wird zu Spitzengagen gearbeitet. Und deswegen sitzen die Zuschauer an gut 35 Sonntagen des Jahres um 20:15 Uhr auch immer wieder atemlos vor diesen fesselnden Filmen; Getränke und Salzstangen bleiben unberührt, der Anrufbeantworter ist eingeschaltet, und die kleinen Kinder, sonst von permissiver Pädagogik sanft geschaukelt, fliegen an jenen Abenden kommentarlos und unter strikten Schweigegeboten spätestens um 20:10 Uhr in die Federn.
Okay.
Die meisten in den letzten Absätzen aufgestellten Behauptungen waren leider unwahr oder zumindest eine, na ja, „optimierte Version“ der Wirklichkeit. Eine Sprachregelung, würde man es in Kommunikationsabteilungen nennen. Sprachregelungen erstellen solche Abteilungen zu für die Firma heiklen Themen, die von so eindeutig öffentlichem Interesse sind, dass man sie nicht elegant beschweigen kann. Der Tatort gehört wahrscheinlich zu den Lieblingsspielwiesen der Sendersprecher des ARD‑Verbunds, weil es hier, ihrer Meinung nach, nie Katastrophen zu beschönigen gilt, sondern stets Rekorde und Verdienste zu verlobhudeln.
Man soll von Kommunikationsabteilungen nicht erwarten, dass sie Produkte ihrer Firma objektiv bewerten, das ist nicht ihr Job. Und kein Abteilungs- oder Projektleiter – sprich Tatort-Redakteur – wird dem Firmensprecher in zur Veröffentlichung gedachten Stellungnahmen ernsthaft von Qualitätsproblemen erzählen. Würde ja den eigenen Stuhl in Flammen setzen! Was beim Fernsehen allerdings niemandem bewusst zu sein scheint: Das Produkt selbst stellt eine Kommunikation des Senders mit der Öffentlichkeit dar. Und die acht bis zwölf Millionen Zuschauer, die der Tatort vor die Glotze lockt, haben eine gegen null tendierende Schnittmenge mit der Nachmittagsmeute vor RTL und Co. Will sagen, der Tatort-Zuschauer kann in der Regel Filme lesen und beurteilen.











