Haben wir durch die sozialen Netzwerke verlernt, was Freundschaft ist? Nicht unbedingt. Wer auf Facebook & Co. unterwegs ist, pflegt keine Freundschaften, sondern bedient seinen Narzissmus
Als Karen im Instant Messenger las, dass der Vater ihres Freundes gestorben war, war sie erleichtert. Nicht über die Todesnachricht selbst – sondern darüber, dass sie davon per Computer erfuhr. „Das machte es einfacher, es zu hören. Ich brauchte keinen erschüttert anzusehen.“
Der Philosoph Arthur Schopenhauer schrieb einmal: „Wahre, echte Freundschaft setzt eine starke, rein objektive und völlig uninteressierte Teilnahme am Wohl und Wehe des anderen voraus.“ Freunde lachen miteinander, trauern gemeinsam, nehmen sich auch mal in den Arm. Freundschaft heißt Geben und Nehmen. Eigentlich.
Doch mittlerweile ist das, was Karen da berichtet, längst kein Einzelfall mehr, wie die US-Psychologin Sherry Turkle in ihrem Buch Verloren unter 100 Freunden berichtet. Das Internet sei zum sozialen Abstandhalter geworden. Es ergänzt nicht die interpersonale Kommunikation – also das Vier-Augen-Gespräch –, sondern ersetzt sie, schreibt die Autorin. Das früher noch alltägliche Telefongespräch ist heute fast verschwunden, zumindest, wenn man sich unter Teenagern umhört. Statt Streitgesprächen gibt es Statusmeldungen, es wird gechattet und gesimst, gepostet und geliked. „Wenn wir allein sein können, während wir Kontakt herstellen, können wir mit dem Zusammensein umgehen“, schreibt Turkle.
Ist Freundschaft also eine soziale Kategorie der Vergangenheit? Ein Mythos unverbesserlicher Optimisten?
Mitnichten. Es ist eher so, dass Turkle an die Cyberwelt einen Maßstab anlegt, den das Internet als komplexes Medium weder erfüllen kann noch dessen Zweck es ist. Und die Psychologin lässt auch das Henne-Ei-Problem ungeklärt: Sind es eher die einsamen, kontaktscheuen Menschen, die sich im Netz engagieren – oder ist es andersherum eher das Internet, das die soziale Isolation verstärkt?
Vor rund 2.000 Jahren stellte Aristoteles fest: „Die Neigung zur Freundschaft entsteht (…) oft plötzlich, die Freundschaft selbst aber braucht Zeit.“
Die Idee von Facebook-Gründer Mark Zuckerberg ist deshalb so genial, weil er es verstanden hat, diese uralte Sehnsucht zu bedienen. Das Versprechen von Facebook ist das Versprechen von „billiger“ Freundschaft. Die Kosten: gleich null, der Nutzen: viele Freunde, (scheinbar) hohe Beliebtheit. Und doch zeigt die Statistik, dass auch diese Art der „Freundschaft“ nicht ohne Zeiteinsatz funktioniert: Der durchschnittliche deutsche Facebook-Nutzer verbrachte im vergangenen Jahr monatlich rund 15,5 Stunden auf dem Portal. Das war mehr als ein Sechstel der gesamten Online-Zeit – so lang wie kein anderes Ziel im Internet, wie eine Studie ergab.
Doch das Nutzungsverhalten suggeriert, dass Facebook längst kein Kanal mehr zur Freundschaftspflege ist – wenn es das je war – als vielmehr der Selbstdarstellung dient. Internetnutzer – vor allem minderjährige – geben immer mehr Geld aus, um ihr digitales Ich zu füttern. Sogar Turkle beschreibt die verzweifelten Versuche, sich Aufmerksamkeit mit permanenter Kontaktbereitschaft zu erkaufen.












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