Ist sie ein Mythos, ein Phantom, eine Hollywood-Phantasie? Wer nicht aus Italien kommt, verbindet mit der «Cosa Nostra» in der Regel jene kriminelle italo-amerikanische Organisation, die durch Mario Puzos Roman «Der Pate» und Francis Ford Coppolas Verfilmung 1972 weltweit bekannt wurde. Der Name, so heißt es, sei von italienisch-stämmigen Amerikanern erfunden worden. Und weil diese die Einwanderer anderer ethnischer Herkunft aus ihrer Verbrecher-Vereinigung ausschlossen, hätten sie sie «unsere Sache» genannt, eben «Cosa Nostra».
In Wahrheit ist die «Cosa Nostra» kein amerikanischer Import. Mit diesem Terminus technicus bezeichnen heutige Kriminologen die sizilianische Mafia. Schon um 1890, als der italienische Staat längst gegründet war, existierte auf Sizilien eine hoch entwickelte kriminelle Vereinigung, die sich auf Schutzgeld-Erpressung, Mord und illegalen Handel spezialisiert hatte. Von einer «mafia» oder «maffia» ist in den zeitgenössischen Quellen die Rede, und alles spricht dafür, dass der Staat schon damals über sämtliche notwendigen Informationen verfügte, um das organisierte Verbrechen auf der Insel zu bekämpfen. So die These John Dickies.
Der britische Historiker und Journalist verfolgt in seinem voluminösen Band «Cosa Nostra. Die Geschichte der Mafia» die Entwicklung des sizilianischen Verbrechersyndikats von den Anfängen im frühen 19. Jahrhundert bis heute. Und räumt gleich mit mehreren Mythen auf. Zuallererst mit dem leinwandtauglichen Bild einer blutrünstigen, aber letztlich sympathischen Räuberbande, die sich bei all dem Morden doch an einen Ehrenkodex hält. Dann mit der verbreiteten Vorstellung, die Mafia sei in erster Linie eine besondere Denkungsart des sizilianischen Charakters. Und, last but not least, mit der vom italienischen Staat immer wieder angeführten Fabel, dass erst die Aussagen des 1984 festgenommenen Ehrenmannes Tommaso Buscetta Einblick in die Strukturen der sizilianischen Mafia-Organisation gewährt hätten.
Gewaltindustrie im 19. Jahrhundert
Bereits 1877 veröffentlichten der spätere Politiker Sidney Sonnino und Leopoldo Franchetti eine Studie über die sizilianische Gesellschaft, die auch die Mafia im 19. Jahrhundert analysiert. An den florierenden Küstenstreifen der Insel, wo Orangen- und Zitronenplantagen für reichliche Erträge sorgten, hatte sich die Organisation bereits etabliert.
Offenbar wies sie die Merkmale auf, die sie bis heute charakterisieren: Sie war ein Staat im Staate, ein illegales Unternehmen sowie eine Geheimgesellschaft, die durch ein Initiationsritual, einen Ehrenkodex und eine eigene, chiffrierte Sprache den Zusammenhalt und die Verschwiegenheit ihrer Mitglieder sicherstellte. Um an den Umsätzen der Plantagenbesitzer teilzuhaben, baute die Mafia eine Art Gewaltindustrie auf. Den Ursprung der Malaise sahen die Verfasser der Studie in dem Versäumnis, nach der Abschaffung des Feudalismus auf Sizilien das Gewaltmonopol des italienischen Staates durchzusetzen.
Mit Verweisen auf diese und andere Zeitzeugen belegt John Dickie die Mitverantwortung der Politik bei der Entstehung und Verbreitung der Mafia. Er betont die Verflechtung von mafiösen und politischen Interessen, die sich wie ein roter Faden durch die Geschichte der «Cosa Nostra» zieht. «Von 1876 an wurde die Mafia zu einem integralen Bestandteil des italienischen Regierungsystems», heißt es im Kapitel über «Die Entstehung der Mafia». Die Lokalpolitiker, die sich auf Sizilien zur Wahl für das italienische Parlament stellten, nutzten die Mafiosi als Stimmensammler. Im Gegenzug erhielten diese nicht nur einen privilegierten Zugang zur Macht, sondern auch Gefälligkeiten jeglicher Art, etwa Straflosigkeit und den Zuschlag für staatliche Aufträge. Ein Kuhhandel, den die Partei «Democrazia Cristiana», die Italien 45 Jahre lang fast uneingeschränkt regierte, bis zu ihrem Zusammenbruch im Jahre 1993 betrieb.










