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Die Künste der anderen

von 
Christoph Bartmann
11. Dezember 2009
Rainald Goetz erkundet in «Loslabern» die Nullerjahre
Seite 1 von 2

Als Band 2 aus Buch 6 («Schlucht») liegt nun «Loslabern» vor uns, Rainald Goetz’ «Bericht» aus dem Herbst 2008. In den Jahren zwischen Buch 5 («Heute Morgen») und Buch 6, also zwischen 2000 und 2007, hatte Goetz einen Roman in Angriff genommen und wieder fallen lassen. Die Spur dieses «Scheiterns» zieht sich auch noch durch das neue Buch mit dem programmatischen Titel «Loslabern». Einmal spricht hier Goetz sehr prägnant von seinem «Aufstand gegen die primäre Welt», davon, dass er ein «ganz originäres Primärinteresse an Sekundarität» habe, und dass ein Buch, wie es ihm vorschwebe, «Text» und «Kritik» in einem sein müsse. Das «ultimative Buchideal» wäre die Verschränkung und Verwicklung von Erzählen und Berichten, «Handlung und Absicht», «Erfahrung und Gedanke, Ereignis, Theorie, Erleben, Sache, Kommentar und Reflexion».

Man sieht, warum es bei Goetz mit dem «großen Zeitroman», den manche von ihm erwar­teten, nichts werden kann. Man sieht außerdem, dass der Roman niemals (mehr) die Antwort auf die Fragen und Probleme geben kann, die Leute wie Goetz beschäftigen. Rainald Goetz ist nicht unterwegs zum Roman. Ihn interessiert, wie die Romantiker oder später etwa Mallarmé, das totale und naturgemäß ewig fragmentarische «Buch». Was heißt dann «scheitern»? Gegen «Loslabern» jedenfalls wirkt das Allermeiste, das heutzutage unter «Roman» firmiert, altbacken und problemscheu.


Textflächen, Listen, Fragmente

Fast jeder Journalist träumt davon, Schriftsteller zu werden. Hier haben wir den seltenen Fall eines Schriftstellers, der davon träumt, Journalist zu werden. Geradezu demütig nähert sich Goetz den Granden des Hauptstadtjournalismus, unermüdlich schreibt er auf den Tribünen des Bundestages oder auf der Frankfurter Buchmesse mit, was dort geredet wird, um daraus dann doch nicht die großen Reportagen zu machen, die man von ihm ebenso erwartet wie den großen Roman. «Loslabern» kündet von einem doppelten Scheitern in der Form: Weder kann Goetz Romane schreiben, noch beherrscht er die journalistischen «Formate». Einen Parteitagsbericht, den er für den «Spiegel» verfasst hat, reicht ihm der Büroleiter mit dankendem Bedauern zurück.

Warum setzt sich Goetz so bereitwillig derlei Enttäuschungen aus, fragt man sich. Hat er nicht, mit seinen Blogs und eben auch in «Loslabern», längst die Form der reflexiven Zeitmitschrift gefunden, die ihm allein angemessen ist? Ist Goetz nicht, wie der von ihm verehrte Peter Handke, im Grunde ein Tagebuchschreiber und Notizbuchführer? Aber auch das sind Formen, mit denen Goetz im Streit liegt, die er überwinden und mit anderen synchronisieren will. Hinzu kommt, dass Goetz’ Schreiben von einer unbedingten Bewunderung für die Künste der Anderen angetrieben wird. So war es mit dem techno-basierten Nachtleben, dem er in «Heute Morgen» ein Denkmal errichtete, und so ist es nun mit dem Feuilleton, besonders dem der FAZ, mit dem Literaturbetrieb und fernerhin mit jeder Art von kulturellem und medialem Betrieb.

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