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 > Die Insel der Geschichtenerzähler

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Kristof Magnusson

Die Insel der Geschichtenerzähler

von 
Kristof Magnusson
21. Juli 2011
Die Insel der Geschichtenerzähler
Kristof Magnusson (geb. 1976), Sohn deutsch-isländischer Eltern, studierte am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig und lebt als Autor und Übersetzer in Berlin. 2005 erschien sein Debutroman «Zuhause», 2010 sein zweiter Roman «Das war ich nicht», beide bei Antje Kunstmann. Mehrere Jahre Aufenthalt in Island und zahlreiche Übersetzungen aus dem Isländischen, darunter Romane und Prosatexte von Autoren wie Einar Kárason und Steinar Bragi sowie isländische Theaterstucke und Lyrik, machen ihn zu einem der besten Vermittler und ausgewiesensten Kenner isländischer Literatur in Deutschland. Im März dieses Jahres erschien im Piper Verlag sein Buch «Gebrauchsanweisung fur Island». Magnussons Neuubersetzung der «Saga von Grettir» erscheint im Herbst in der funfbändigen Ausgabe der «Isländersagas» im S. Fischer Verlag.
Seite 1 von 4

Wer vor einigen Jahren in den Filialen des isländischen Billigsupermarktes Bónus einkaufte, konnte sich davon uberzeugen, dass die Isländer noch immer ein besonderes Verhältnis zu ihrer Literatur haben. Neben den ublichen Schokoriegeln und Kaugummis stand dort an den Kassen ein Gedichtband im Regal, dessen Einband dasselbe rosa Sparschwein zierte, das auch auf die Verpackung des gunstigen Bónus-Orangensafts oder des Kuchenpapiers gedruckt war. Es handelte sich um die «Bónus-Gedichte» von Andri Snær Magnason, eine von Dantes «Göttlicher Komödie» inspirierte Reise durch eine Supermarktfiliale, vom Paradies (Obstabteilung) uber das Inferno (Fleischwaren) bis ins Fegefeuer (Haushaltsreiniger). Der Erfolg dieser Gedichte war so uberwältigend, dass es wenig später eine Neuauflage gab –mit 33% mehr Inhalt.

Naturlich lieben auch die Isländer ihre Fernsehserien, surfen im Internet und haben wenig Zeit, dennoch ist das Land eine Literaturnation geblieben. Jeder Isländer kauft im Durchschnitt acht Bucher pro Jahr, und wenn im Dezember eine vorweihnachtliche «Bucherflut» uber das Land rollt, sind sogar in Tankstellen die gebundenen Neuerscheinungen ernstzunehmender literarischer Autoren zu finden.

Die Wurzeln dieser Literaturbegeisterung liegen tief in der Vergangenheit. In Island gibt es keine romanischen Kirchen, keine Burgen, keiner der Urahnen aus dem 15. Jahrhundert hatte das Geld, sich in Öl malen zu lassen. Es sind einzig und allein die mittelalterlichen Handschriften, die den Isländern etwas uber ihre Vergangenheit erzählen. Durch diese Texte haben die Isländer auch uber Jahrhunderte dänischer Kolonialherrschaft ihre kulturelle Identität bewahrt – ohne die alten Sagas gäbe es das gegenwärtige Island nicht.

Bis heute haben sich die Isländer eine große Freude am Erzählen und Aufschreiben von Geschichten bewahrt. Vom Sitznachbarn in der heißen Quelle uber den Reiseleiter bis zum Schriftsteller erschaffen sie ein erzähltes Island, ein Land der Geschichten, das wesentlich größer ist als die eigentliche Fläche der Insel. Und vielleicht ist diese Erzählfreude auch heute noch, zumindest unterbewusst, von der Sorge getrieben, die Welt könnte diese 320.000 Leute am Rand des Polarkreises sonst schlichtweg vergessen.

 

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