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 > Die „Generation Kostenlos“ gibt es nicht

Salon

CSU-NetzpolitikerinDie „Generation Kostenlos“ gibt es nicht

Von Dorothee Bär5. Juni 2012
picture alliance
Piraten, Urheberrecht, Computer, digitale Welt, Papierschiffchen
Babylonisches Chaos einer digitalen Gesellschaft
Schrift:

Dass Künstler Geld für ihre Werke erhalten sollten, bezweifelt niemand mehr, sagt die CSU-Netzexpertin Dorothee Bär. In einem Beitrag für Cicero Online plädiert sie für ein moderneres Urheberrecht

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Ende Mai machte der Amerikaner Isaak Lamb seiner Freundin Amy einen der wahrscheinlich schönsten Heiratsanträge der Mediengeschichte – und dokumentierte diesen mit einer Handycam. Nachdem er ihn dann bei Youtube eingestellt hatte, erreichte der fast vierminütige Clip innerhalb einer Woche knapp 10 Millionen Klicks. Man sieht darin Freunde und Verwandte des Bräutigams in Spe, die zu dem Song „Marry You“ von Bruno Mars tanzend einem offenen Wagen hinterherlaufen, in dem die Angebetete sitzt.

Ich möchte das jetzt gar nicht weiter beschreiben: Man muss es einfach gesehen haben, um den ganzen Charme, den diese Szenerie ausstrahlt, nachvollziehen zu können. Das Video ist ein weiteres Beispiel dafür, welch zauberhafte Geschichten das digitale Zeitalter schreibt, und wie einfach Millionen von Usern unabhängig von Zeit und Ort an diesen Geschichten teilhaben können. 

Bruno Mars, der Urheber des verwendeten Songs fand die Aktion des jungen Amerikaners übrigens ebenso gelungen. Er twitterte: „Glückwunsch für Isaac Lamb und seine zukünftige Frau. Ich selber hätte kein besseres Musikvideo für diesen Song machen können. Danke schön.“

Soviel zum schönen Teil dieser Geschichte. Der unschöne ist, dass ein solcher Liebesbeweis in Deutschland vermutlich nicht erbracht werden könnte. Würde man ein solches Video hierzulande veröffentlichen wollen, würden die potenziellen Zuschauer beim Klick auf den entsprechenden Link die eher unterkühlten Zeilen „Dieses Video ist in Deutschland leider nicht verfügbar, da es möglicherweise Musik enthält, für die die erforderlichen Musikrechte von der GEMA nicht eingeräumt wurden. Das tut uns leid“ sehen. Romantik stelle ich mir anders vor.

[gallery:Vergesst das Urheberrecht! Acht Lektionen kreativer Geldgewinnung]

Warum sehen wir also immer nur ein frustriertes rotgesichtiges Emoticon, wo andere neue Musikvideos, Trailer oder selbstgedrehte Clips von Menschen aus aller Welt (außer aus Deutschland) sehen können? Warum fühlen wir uns schon fast kriminell, wenn wir ein Familien-Video vom ersten Schultag unserer Kinder mit „Everybody‘s got to learn sometime” von The Korgis aus dem Jahre 1980 unterlegen und dann auf unseren Youtube-Channel laden möchten?

Die Antwort ist einfach: Weil wir die digitale Revolution noch nicht verarbeitet haben. Weil, um einmal in diesem Bild zu bleiben, die Paläste des vordigitalen Zeitalters zwar weitgehend gestürmt, aber noch nicht neu möbliert wurden. Und weil wir bei der Auswahl der neuen Inneneinrichtung sehr sorgfältig vorgehen müssen, da es gilt, teilweise diametral zueinander stehende Geschmäcker auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen. Dabei muss uns aber klar sein, dass, sollte uns dies nicht gelingen, die bloße Fassade bliebe, und sich die Menschen ihre eigenen Häuser bauten. Dann liefen wir Gefahr, in einem babylonischen Chaos einer digitalen Gesellschaft zu landen, durch die ein Riss ginge, der die Menschen dieses Landes in Diggies und Internetausdrucker, in Cracks und Beckenrandschwimmer teilte.

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Netzexpertin?!

Was genau macht die gute Dame denn zur "Netzexpertin"?

Das Politologiestudium, die Rolle des Sprechers im der CDU/CSU-Bundestagsfraktion für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, die Mitgliedschaft im Ausschuss für Kultur und Medien oder die Mitgliedschaft in der CSU?
Gemäß ihrer Eigendefinition erscheint sie mir eher als "Beckenrandschwimmerin" in der Materie. Oder kann ich jetzt als diplomierter Wirtschaftsinformatiker auch Herzchirurgie betreiben, sozusagen als Experte? Die Inflation des Begriffs Experte nimmt immer wildere Formen an.

Inhaltlich bietet Frau Bär keine neuen Erkenntnisse. Dass sich Grundrecht auf Internet und "Three-Strikes"-Konzepte nicht vertragen, die Selbstbestimmung der Künstler unterlaufen wird und Jugendliche sich in der Abmahnmaschinerie wiederfinden dürfte auch vor dem Artikel bekannt gewesen sein.

Was also schlägt die Frau Bär vor? Wo ist der eigene Beitrag und wie zum Teufel hat sich Rilke in dieses Machwerk verirrt?

Fragen über Fragen...

Achja, bevor es untergeht: Frau Bär ist auch diejenige, die der guten alten Urlaubspostkarte nachtrauert. http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-80267019.html

Willkommen im digitalen Zeitalter, Frau Expertin.

  • Antworten
Nurmalso05.06.2012 | 15:51 Uhr

Generation Kostenlos nur eine angstvolle Projektion?

Schon erstaunlich, ein solches Statement aus den Reihen der CSU zu hören. Allerdings schätzt sie es m. E. zu optimistisch ein, wenn sie behauptet, es gäbe keine "Generation Kostenlos" - auch wenn solch 'Gutmenschen'-Argumentation oft aus anderen politischen Lagern kommt.
Es geht ja nicht darum, allen Usern zu unterstellen, sie würden sich quasi böswillig fremder Inhalte bemächtigen; aber wenn die GELEGENHEIT da ist bzw. die UMSTÄNDE es zulassen, stellt kostenloses Downloaden u.ä. für viele im Hinblick auf die heutige ethische Verfasstheit unseres Staats- und Sozialwesens eine Offerte dar, die sie nicht abschlagen können. Wer das bestreitet, ist schlicht weltfremd. Dazu kommen viele Musik- und baldigst sicher auch Literatur-Liebhaber, die sich eine andere als die kostenlose Nutzung kaum noch erlauben können. Hier könnte man allerdings über ein Gratis-Kontingent für bestimmte Nutzergruppen nachdenken, falls eine derartige Bereitstellung irgendwie machbar sein sollte, ohne die Menschen wiederum völlig - d.h. bis an die Demütigungsgrenze - auszuspionieren bzw. ausspionieren zu wollen.

  • Antworten
Ion Javelin05.06.2012 | 16:25 Uhr

Hammond, 2012

Ich verweise hier mal ganz flott auf einen Artikel von Herrn Hammond, der dieses Jahr herauskam, der wissenschaftlich untersucht hat wie sich Filesharing auf Verkaufszahlen von Musiktiteln auswirkt. Das Resultat: Die Verkaufszahlen STEIGEN! Kein Witz. Is so.
Also muss man sich gründlich überlegen, wie diese Industrie auf solche irrwitzigen Zahlen kommt, mit denen sie uns seit Jahren gehirnwäscht und uns ein schlechtes Gewissen einredet. Sicherlich muss man differenzieren; bei Computerspielen und Software im Allgemeinen sieht das schon wieder ganz anders aus. Games wie Starcraft haben von dem Kopieren sicherlich profitiert, aber andere, kleinere Firmen leiden darunter. Andererseits, gibt es Indiegames die sich über Crowdfunding finanzieren, und Humblebundle etc.

Mich langweilt es ehrlich gesagt sehr, wie die Deutschen es wieder schaffen nach dem Gesetzgeber zu rufen, er möge doch bitte mal Ordnung machen, anstatt die neuen Möglichkeiten dieser Technologie erstmal auszuschöpfen; in 5 Jahren wird wieder gemault, dass die LSR-Einzugszentrale zuviel Geld kostet, und der Verwaltungsaufwand zu groß ist....

  • Antworten
Florian Diehl05.06.2012 | 21:18 Uhr

Politik gibt Denkanstöße

Das war ja klar. Der "Nurmalso" geht auf die Person, die "Expertin".

Dabei spielt es inhaltlich überhaupt keine Rolle, wer schreibt. Und dass Frau Bär anerkannte Netzpolitikerin ist, sagen sogar die Piraten!

Also, Denkanstöße anerkannter Politiker sind sehr willkommen. Immerhin bildet sich davon die Gesellschaft eine Meinung, was allgemein nicht als schlimm angesehen wird.

Im Übrigen finde ich auch die gute, alte Urlaubspostkarte sehr persönlich, wenn inhaltlich nicht nur schönes Wetter und alles gute drauf steht;)

Also, Frau Bär, danke für Ihre Denkanstöße - ich finde sie gut!
Mir sagt sogar Rilke etwas....

  • Antworten
clete_05.06.2012 | 18:10 Uhr

Fachlicher Unsinn

Zitat:

"Auch die Politik muss ihre Hausaufgaben machen. So können wir nicht auf der einen Seite fordern, dass der Zugang zum Internet einem Grundrecht gleich kommt, und auf der anderen Seite beim sogenannten „Three-Strikes-Modell“ damit drohen, den Menschen genau dieses Grundrecht auf bestimmte Zeit zu entziehen. Auch müssen wir beispielsweise darauf achten, Internetprovider nicht mit Aufgaben zu betreuen, die eigentlich im Bereich der Exekutive angesiedelt sind – im Sinne unserer demokratischen Gewaltenteilung."

Richterliche Berufsverbote und Freiheitsentzug greifen auch in Grundrechtspositionen ein, und die Frage des Überwälzens hoheitlicher Aufgaben auf Private hat mit der Frage der Gewaltenteilung nichts, aber auch gar nichts zu tun.

Die CSU sollte sich ein politisches Fachlektorat zulegen für die schriftl. Veröffentlichungen ihrer Funktionsträger.

  • Antworten
Regierung4tel05.06.2012 | 18:16 Uhr

Zivil und Strafrecht

...und sie sollten mal den Unterschied zwischen Zivil und Strafrecht herausfinden...

Ja, gut ich mach's für Sie: Freiheitsentzug ist die Umsetzung eines Strafrechtlichen Verfahrens. Abmahnungen und der ganze Urheberrechts-Käse ist Zivilrecht (weshalb ja Kim Schmitz wohl doch nicht hinter Gitter muss); also, wie war das nochmal mit dem Fachlektorat?

Nix zu danken..

  • Antworten
Florian Diehl05.06.2012 | 21:20 Uhr

Danken - wofür?

Wofür sollte man Ihnen auch danken? Wenn schon schulmeistern, dann richtig: Freiheitsentziehungen sind keineswegs nur Maßnahmen aus dem Strafrecht, der Bereich der Gefahrenabwehr wird hier von Ihnen ebenso ausgeklammert wie das Zwangsvollstreckungrecht nach der Zivilprozessordnung (!), um nur zwei Beispiele zu nennen.

  • Antworten
someone06.06.2012 | 13:55 Uhr

punkt

an Sie.
Na schon, dann darf ich also zur Not auch eingesperrt werden, wenn ich Filesharing mit Daten betreibe die ich nicht selbst verurhebert habe...

Frau Bär hat aber Recht wenn sie sagt, dass einer Industrie die ihre Interessen zu wahren scheint zuviel macht bekommt; dieses ganze Abmahngesocks verdient ja auch nur aufgrund der Annahme das Filesharing dieser Industrie schadet - das hat Hammond in seinem Artikel eindeutig widerlegt.

Ganz abgesehen davon, dass die ISPs Vollstrecker und Richter zugleich wären, wenn sie solche 3-strike regeln durchsetzen müssten.

Ist das auch rechtskonform?

  • Antworten
Florian Diehl06.06.2012 | 18:56 Uhr

In Sachen Urheberrecht: Wer

In Sachen Urheberrecht: Wer von ihnen glaubt denn, dass Frau Baer den Artikel selber geschrieben hat?

  • Antworten
Urhebaaa05.06.2012 | 18:52 Uhr

Butter bei die Fische

Die politische Couleur von Frau Bär ist ganz sicher nicht meine Lieblingsfarbe, dennoch finde ich, daß ihr Beitrag ganz gut zusammenfasst und zumindest teilweise begründet, worum es geht: Um Integration und Modifikation des alten Offline-Urheberrechts ins Online-Zeitalter - und das nicht in Form von Hoppla-Hopp-Ergänzungen und Verschlimmbesserungen, sondern bitteschön als grundsätzliche Neu-Programmierung unter Einbezug dessen, was bisher schon als sinnvoll gelten kann.

Ich finde es sogar höchst erstaunlich, wenn ausgerechnet eine CSU-Politikerin feststellt, daß es die "Generation Kostenlos" nicht gibt: Bravo! Und wenn dieser Beitrag hilft, daß auch die Internet-Ausdrucker der schwarz-gelben Betonkoalition - wie beispielsweise Herr S. Kauder - langsam begreifen, worum es geht, ist das doch schon ein Fortschritt; sie scheint jedenfalls die Piraten-Programmfragmente zum Thema gelesen und sich ihre eigene Meinung gebildet zu haben. Nochmals: Bravo! Ein erster Schritt in die richtige Richtung...

... aber: Wie, liebe Frau Bär, sieht Ihr zweiter Schritt aus? Welche konkreten Vorschläge haben Sie? Wagen Sie sich doch mal ran: Wie definieren, bewerten und gewichten Sie die Interessen von Urhebern, Verwertern, von kommerziellen und privaten Nutzern? Welche systematischen Verbindungen und Beziehungen gibt es zwischen den genannten? Und bitte: Tun Sie's nicht mit Hilfe der Triebtäter-gesteuerten Lobby, sondern mit genau dem gesunden Menschenverstand, den ich in Ihrem Artikel habe aufblitzen sehen...

  • Antworten
Jo Baisch06.06.2012 | 11:46 Uhr

Gut, dass der Rilke schon

Gut, dass der Rilke schon über 70 Jahre tot ist, einfach zitieren ist nämlich auch nicht mehr drin: http://t.co/iXxjvMfJ (900Euro für ein Karl-Valentin Zitat)

  • Antworten
Sooker06.06.2012 | 11:49 Uhr

@nurmalso Mit ihrer

@nurmalso Mit ihrer erfrischenden Einschätzung steht Frau Bär sicher weitegehend auf einsamer Flur innerhalb der CSU, deshalb sollte ihr der Rücken gestärkt werden, anstatt Vorwürfe zum fehlenden Neuigkeitsgewinn an den Kopf zu werfen.

Thematisch trifft der Text den Nagel auf den Kopf. Umso mehr gehen die Lautsprecher der Regierungsparteien komplett an mir vorbei, weil das mit den wirklichen Lebensumständen (Frau Bär nennt zahlreiche dieser Realitäten) nichts gemein hat. So wie insgesammt eben die Mehrheit des politischen Diskurs auf Bundesebene, der an den Menschen vorbei geht.

  • Antworten
Daniel06.06.2012 | 14:27 Uhr

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