Da will eine Romanheldin aus lauter Weltekel zum Baum werden: In „Frauen ohne Männer“ dreht die iranische Autorin Shahrnush Parsipur den Titel des Hemmingway-Klassikers um. Sie reflektiert den Schrecken, der von den Männern im Iran ausgeht — und vor allem Frauen trifft
Zwei Frauen ziehen in die Welt und schreiben. Die Welt ist gegen die Frauen, wenn auch auf jeweils sehr verschiedene Weise. Die eine bringt sich mit ihrem Schreiben in Lebensgefahr und verbringt Zeit im Gefängnis. Die andere lebt in einer Welt, in der eigentlich alles, dann aber doch nicht alles erlaubt ist, und protokolliert die zermürbenden kleinen Kämpfe des weiblichen Berufslebens. Die eine schreibt poetisch, die andere fast bürokratisch. In der Welt der einen wird man so grausam attackiert, dass man sich in lyrische Traumfantasien retten muss; in der Welt der anderen fühlt man sich eher langsam im Rahmen der Vorschriften zermahlen.
Nummer eins: Iran. Shahrnush Parsipurs Buch „Frauen ohne Männer“ macht einen geradezu aberwitzigen Vorschlag, wie man größtem Leid und politischer Bedrängnis begegnen kann: mit Schönheit und Poesie. (Shahrnush Parsipur: „Frauen ohne Männer“; aus dem Farsi von Jutta Himmelreich; Bibliothek Suhrkamp, Berlin 2012; 137 Seiten, 19,95 Euro) Die Autorin kann sich dabei auf Traditionen der persischen Literatur berufen, die zweieinhalbtausend Jahre zurückreichen. Davon verstehen wir nichts. Beim Lesen können wir nur staunen vor den dreisten Brüchen und Wendungen der Erzählung. Oft sind sie von geradezu clownesker Komik.
Der Titel ist eine bewusste Umkehrung von Hemingways „Männer ohne Frauen“. Das Buch spielt im Iran der fünfziger Jahre. Es gibt darin eine Frau, die aus Weltekel und Enttäuschung beschließt, ein Baum zu werden. Sie rammt sich in die Erde und schlägt Wurzeln. Im Garten rund um diesen Menschenbaum finden sich andere Frauen ein, Männerflüchtige und Vertriebene, ein kleines Häuflein, das dort einen Sommer verbringt. Eine von ihnen ist schon zweimal gestorben, was ihren Blick auf die Welt natürlich prägt. Eine andere wird in der Schwangerschaft durchsichtig: „ganz kristallen …, transparent, eins mit dem Licht“. Alle haben Tragisches erlebt – Ehrenmord, Vergewaltigungen –, aber sie sind keine Herzchen, und nach der Zeit im verzauberten Garten leben sie wieder ganz normale kleine Leben und arrangieren sich.
Das ist eine struppige, wie von einem Vogel dahingezwitscherte Geschichte. Sie enthält Sätze wie: „Bei Gott, glaub mir, Jungfräulichkeit ist völlig unwichtig.“ Sie empfiehlt Frauen, ihre Körper kennenzulernen und ihre Sexualität auszuleben. Das Buch wurde Ende der siebziger Jahre geschrieben, 1990 im Iran veröffentlicht und verboten. Da hatte die Autorin schon viel Zeit hinter Gittern verbracht. Heute lebt sie in den USA. Shahrnush Parsipurs Erinnerungen an ihre Haft im Iran sollen im kommenden Jahr auf Englisch im Verlag Feminist Press erscheinen. Auszüge kann man schon im Netz lesen.
Aus dem Stoff des Romans hat die bildende Künstlerin Shirin Neshat einen geradezu prunkvoll süffigen und trotzdem seltsam vergurkten Film gemacht, für den sie im Jahr 2009 auf den Filmfestspielen von Venedig preisgekrönt wurde. („Women without Men“; Regie: Shirin Neshat; DVD, Euro Video, 2011; Farsi mit deutschen Untertiteln; im Online-Handel zwischen 6 und 19 Euro) Die Frau als Baum ist gestrichen, dafür wird plötzlich ganz viel politisches Geschehen nacherzählt, was den mystischen Bildern, in die Kamera und Regie viel verliebter zu sein scheinen, seltsam das Wasser abgräbt. Ein Film, der sich selbst nicht kennt.











