Billigflieger und Speedy Boarding machen es möglich: In wenigen Stunden erreichen wir die Metropolen und Urlaubsdomizile dieser Welt. Zwischen Sicherheitskontrolle und Paketband bleibt kaum Zeit für besinnliche Gedanken. Wann hat das Reisen seinen Stil verloren? Ein Plädoyer für Reisen à la William Turner
Reisen bedeutet Horizonterweiterung. Im eigentlichen, wie im übertragenen Sinne: Heute wie vor ein paar hundert Jahren erwarten den Reisenden in der Fremde Neues, Ungewohntes und die Erkenntnis, dass die Kultur, die Menschen, die Sprache, das Licht an anderen Stellen der Erde anders sind. Diese Erwartung hat von jeher dazu geführt, dass die hoffnungsvolle Neugier der Menschen über die Angst vor dem Fremden siegte und sie sich auf den Weg machten. Denn nur wer weggeht, kann wiederkommen und Geschichten aus der Ferne erzählen.
Heutzutage hat das Reisen diesen philosophischen Feenstaub verloren. Im Sinne des Vom-Fleck-Kommens ist es eine einzige Hast: Stunden vor dem Abflug muss man sich am Flughafen einfinden, beim Check-In, bei der Sicherheitskontrolle, beim Boarding Schlange stehen. Innerhalb einiger Stunden voll Fluglärm, Ohrendruck und gegebenenfalls Thrombosestrümpfen wird der Passagier ans gewünschte Ende des Kontinents verfrachtet. Dort heißt es erneut warten beim Aussteigen, an der Passkontrolle und am leidigen Gepäckband. Alle „Über-den-Wolken“-Romantik bleibt bei dieser Prozedur notgedrungen auf der Strecke. Und ganz gleichgültig, wie erholt der Tourist am Ende seines Urlaubs noch war: Spätestens der nervige Rückweg wird ihn wieder auf den Boden der Tatsachen zurückholen.
Wie vorteilhaft ist das Reisen im 21. Jahrhundert wirklich? Ist schneller immer besser? Man wird es nie mit Sicherheit wissen, trotzdem kann man ahnen, dass der englische Maler William Turner diese Frage verneint hätte. Schon in Zeiten, in denen das Reisen nicht nur beschwerlich, sondern ohne Zweifel auch (lebens)gefährlich war, machten sich vor allem die abenteuerlustigen Kreativen und Intellektuellen auf den Weg: Für Erfahrung und Inspiration nahmen Künstler wie Johann Wolfgang von Goethe, Hermann Hesse, Paul Gaugin oder Paul Klee das Risiko in Kauf. Auch Turner, so schreibt die Autorin Inge Herold, hätte „nicht zum „Entdecker des Wetters“, zum Maler von Atmosphäre und Licht werden können, wenn er sich der Natur und ihren Erscheinungen auf seinen Reisen nicht ständig ausgesetzt hätte.“
1775 in London geboren, lebte Joseph Mallord William Turner zu einer Zeit, in der das Reisen vor allem für Engländer ein Volkssport war: „Wenn man jenes blonde, rotbäckige Volk mit seinen blanken Kutschen, bunten Lakaien, wiehernden Rennpferden, gränverschleierten Kammerjungfern und sonstig kostbaren Geschirren, neugierig und geputzt, über die Alpen ziehen und Italien durchwandern sieht, glaubt man eine elegante Völkerwanderung zu sehen“, amüsierte sich Heinrich Heine über dieses Phänomen. Auch die literarischen Reiseerinnerungen und Veröffentlichungen von Reisetagebüchern erlebten im 18. Jahrhundert ihren ersten Höhepunkt.
Für einen jungen englischen Mann aus gutem Hause gehörte es damals zur Bildung, die so genannte Grand Tour anzutreten, die ihn mehrere Monate durch Europa und manchmal bis ins Heilige Land führte: Der Fokus lag dabei vor allem auf den Baudenkmälern der Antike, des Mittelalters und der Renaissance. Mit dem Ausbruch der Napoleonischen Kriege auf dem europäischen Festland 1792 wurde der englischen Reiselust jedoch jäh Einhalt geboten. Auch Turner musste sich deshalb zunächst auf die verschiedenen Teile Großbritanniens beschränken.
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