MacBook. Einmal habe ich versucht auf einem Windows-Rechner zu schreiben. Ich habe die absurden Bezeichnungen der Menüs in Word nicht verstanden, es war alles sehr hässlich. Auf dem Mac benutze ich «Scrivener», klar, schnörkellos, perfekt. Musik. Bach natürlich, alles andere geht nicht. Gould spielt, er spielt die englischen Sonaten, das wohltemperierte Klavier, Goldberg Variationen. Oder die Cello-Sonaten, aber nur die Jian-Wang-Aufnahme. Es gibt technisch bessere (Casals oder Yo Yo Ma), aber ich liebe sie so, wie er sie spielt, er trifft es. Dann alles andere. Auf meinem Computer sind 5.000 Obduktionsbilder gespeichert, tausende von Beschuldigtenvernehmungen, Zeugenaussagen, Hauptverhandlungs-protokollen, Strafakten, Fotos von Angeklagten und Vergleichspersonen zur Identifizierung. Es gibt Berge von psychiatrischen Sachverständigengutachten, Analysen von Haaren und Fingerabdrücken, von Blut und Sperma und allen anderen. Bilder von Tatorten, von Waffen und von Gegenständen, mit denen unangenehme Dinge gemacht wurden. Kurze Filme von Überwachungskameras und riesige Dateien von Telefonüberwachungen. Die Rechtsprechung, hunderttausende Seiten Kommentare, Entscheidungen, Fälle. Gott-sei-Dank ist alles digitalisiert – ich müsste sonst in einer Bibliothek leben. Möchte ich aber nicht. Und die Erinnerung. Ich erinnere mich an die Mandanten, die Gerüche in den Gerichtsfluren, die Geräusche in den Gefängnissen, die Schlüssel der Wachtmeister, an die Bilder von nackten Mädchen an den Schränken der Gefangenen und an unendlich viele Einzelheiten. Ich kann mir keine Namen merken, auf Veranstaltungen brauche ich immer jemanden, der mir souffliert. Aber ich sehe Gesichtsausdrücke, Bewegungen, ich höre sie sprechen, es ist das Unscheinbare, was haften bleibt.
Ferdinand von Schirach, geboren 1964, ist seit 1994 Anwalt in Berlin. Als Strafverteidiger hat er sich auf auf komplexe Großverfahren spezialisiert. Im August erschien sein literarisches Debüt «Verbrechen» (Piper, München 2009. 205 S., 16,95 €).
Nikotin. Es gibt so ein Bild von Jack Nicholson wie er auf dem Rücken im Meer schwimmt während er raucht. «Natürlich habe ich schon mal mit dem Rauchen aufgehört. Es waren die schlimmsten 10 Minuten meines Lebens», sagt er. Ohne Zigaretten kann ich nicht schreiben. Ein berühmter Gerichtspsychiater meinte, Strafjustiz ohne Nikotin sei nicht denkbar. Schreiben auch nicht. Schreiben schon gar nicht. Ich rauche zu viel. Ich schreibe nachts und rauche und wenn mir die Zigaretten ausgehen, muss ich zur Tankstelle, auch um vier Uhr.
Das alles erklärt nicht, warum ich schreibe. Offen gesagt: ich weiß es nicht. Die Dinge sind schneller als wir, sie entgleiten uns, wir laufen ihnen hinterher und wir können sie nicht erreichen. Wenn wir älter werden, verstehen wir, dass wir nichts halten können. Wir sind einsam, die Welt ist nichts, unser Sonnensystem gibt es 100.000.000 mal in dieser Galaxie und es soll 100.000.000 solcher Galaxien geben. Dazwischen ist es kalt und leer. Alles ist eitel. Alles. Das komische ist, ich schreibe trotzdem. Vermutlich bin ich doch Romantiker. Und die haben alle geschrieben. Genutzt hat es natürlich nichts. Aber das Schöne ist ja, dass das doch gar keine Rolle spielt.
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Die Anwaltskammer
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Ferdinand von Schirach braucht zum Schreiben viel Nikotin und 5000 Obduktionsbilder
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