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Medienforschung„Der Tatort ist ein profanisierter Gottesdienst“

Interview mit Dennis Gräf30. August 2012
Statt in den Gottesdienst zum gemeinesamen Tatort-Schauen
Schrift:

Früher ist man in den Gottesdienst gegangen, heute schaut man Tatort - dort lernt man zwischen gut und böse zu unterscheiden. Dabei vermittelt der Tatort absolut konservative Lebensmodelle, meint der Medienwissenschaftler Dennis Gräf

Seite 1 von 2

Herr Dr. Gräf, Sie haben fast 30 Jahre „Tatort“ untersucht. Wie hat sich das Format verändert?
Strukturell hat sich nichts verändert. Der Tatort läuft immer noch sonntags um 20:15 Uhr und daran orientiert sich auch die Darstellung ­­– es werden keine extremen Ansichten vertreten, sondern konsensuelle Weltmodelle. Man spricht die gesellschaftliche Mitte an. Am Ende eines Durchschnitts-Tatorts können viele Zuschauer sagen, dass sie damit einverstanden sind, was dort abgebildet wurde.

 

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Was meinen Sie damit?
Wenn man heute also acht Millionen Menschen vor den Bildschirmen versammeln möchte, dann muss man auf Konsens setzen. Das gilt für die filmische Darstellung und das vertretene Weltbild. Das ist beim Tatort eher konservativ. Vor einigen Jahren lief zum Beispiel eine Folge, in der zu Beginn zwei Lesben auftauchten. Ich habe direkt gesagt: Die werden sicherlich sterben.

Und, sind die beiden gestorben?
Ja, natürlich sind sie gestorben - weil sie am stärksten von dem dargestellten Weltbild abwichen. Und zumindest der Durchschnitts-Tatort duldet keine Abweichung. Die Figur wird ausgegrenzt oder stirbt wie in diesem Fall. Der Mörder kommt selbstverständlich ins Gefängnis, aber erst mal sterben die beiden.

Das klingt stark generalisiert.
Wie gesagt, das ist ein Durchschnitts-Tatort. Es gibt selbstverständlich Ausnahmen und leuchtende Gegenbeispiele.

Aber der Tatort gibt sich heute doch liberal. Die Kommissare ermitteln in Brennpunkten oder beschäftigen sich mit Asylrecht…
Die Themenauswahl an sich sagt ja nichts darüber aus, welche Einstellungen zu einem Thema vermittelt werden. Der Tatort erweckt den Anschein des Liberalen, im Kern ist er in der Regel konservativ.

Das heißt die Normen und Werte haben sich nicht verändert?
Nein. Oberflächlich gibt sich der Tatort offener und liberaler, eigentlich ist er in seiner Struktur aber immer noch sehr konservativ. Das Bestehende soll bewahrt bleiben. Am Sonntag zum Beispiel kam eine Folge aus der Schweiz: Da sollte aus einer Almhütte, die über Generationen bewirtschaftet wurde, ein Wellness-Hotel werden. Schuld waren böse Investoren und Lokalpolitiker, die sich gegen die traditionsbewussten  Almbesitzer wandten. Am Ende konnte die Familientradition, typisch Tatort, fortgeführt werden.

Ist das so schlecht?
Nein, schlecht ist das nicht. Aber es geht stets ums Bewahren. Vor einiger Zeit erst war das so ähnlich, filmisch eine ausgesprochen gute Folge ­–  „Der alte König“, ein Tatort aus München. Es ging um einen traditionsreichen Metallwarenladen, der zugunsten eines neuen großen Baumarkts verschwinden sollte. Die Geschichte wird so erzählt, dass es ganz schrecklich ist, dass das gute Alte viel zu schnell verschwindet. Nur in der Lebenswirklichkeit kann es durchaus sein, dass der Baumarkt besser ist als der Metallwarenladen. Filme konstruieren eben ein eigene Weltmodelle und treffen so Aussagen über Wünschenswertes.

In verschiedenen Beiträgen ist vom „Tatort als Volkserziehung“ die Rede. Erzieht der Sonntagskrimi also zum Bewahren von Werten?
Ein Kollege von mir hat es so ausgedrückt: Der Tatort ist eine Art profanisierter Gottesdienst. Früher sind die Leute sonntags um 10 Uhr in die Kirche gegangen, heute schauen sie um 20.15 Uhr Tatort. Da lernt der Zuschauer, was richtig und was falsch ist. Er kann die vertretene Meinung mit seiner eigenen abgleichen und schauen, wie er sich zu Themen positioniert. Man kann das Erziehung nennen, man kann es auch perfide Beeinflussung nennen. Auf jeden Fall werden Normen- und Wertesets präsentiert, die, mal mehr, mal weniger, nicht gerade zur Integrativität unserer Gesellschaft beitragen.

Seite 2: Der Tatort ist ein Seismograph, kein Spiegel

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  • Antworten
jonas30.08.2012 | 11:03 Uhr

Quatsch!

' Tatort ' war fuer lange Zeit das einzige Program dass man sich noch ohne Reue ansehen konnte.Leider wurde die Serie immer oefter als soziale
Umerziehungs Massnahme verwendet und ich schaue es mir nicht mehr an.
Mit Gottedienst hat das Fernseh Program wenig zu tun und so manches waere besser wenn die Leute mal oefter den AUS Schalter benutzen wuerden.

  • Antworten
Lill-Karin Bryant30.08.2012 | 14:17 Uhr

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