Der Tod ist eine höchst private Angelegenheit, sollte man meinen. Doch fast wäre er zur Staatsaktion geworden. Der vorzeitige Tod als Dienstleistung für alle, ausgeführt von staatlich geprüften Fachleuten
Am Ende dieses Monats sollte der Bundestag ein Gesetz zur Sterbehilfe beschließen. Weil der Entwurf der Justizministerin in den Reihen von CDU, CSU und FDP nicht mehrheitsfähig war, wurde die Abstimmung auf unbestimmte Zeit verschoben. Was nach dem üblichen kleinen Karo streiterprobter Koalitionäre aussieht, könnte sich langfristig als menschenfreundlichste Tat dieser Legislaturperiode herausstellen. Das Gesetz hätte nämlich verrechtlicht, was noch gar nicht begriffen ist: die Sterbehilfe. Das Gesetz hätte Fakten geschaffen, ohne die Abgründe dieser Fakten auszuloten.
Keineswegs leuchtet es ein, warum das Sterben zu Beginn des 21. Jahrhunderts ein Vorgang sein soll, der der Hilfe bedarf. Zu Tode kommt jeder Mensch – und dank avancierter Palliativmedizin fast nie unter schlimmen Qualen. Das Schreckensszenario, das die Sterbehilfebefürworter grell ausmalen, bleibt in weiten Teilen Fiktion, und Anteilnahme lässt sich sowieso nicht kodifizieren. Noch weniger leuchtet es ein, weshalb eine Gesellschaft, der es so gut geht wie nie zuvor und vielleicht nie wieder, den Tod von einem intimen, höchst individuellen Abschied zu einer Staatsaktion machen soll. Das im gescheiterten Gesetzentwurf intendierte Verbot „gewerblicher“ Sterbehilfe hätte die „organisierte“ Sterbehilfe als Königsweg der Lebensbeendigung inthronisiert. Dadurch, so der Medizinethiker Axel W. Bauer jüngst im „Deutschlandfunk“, hätte man die organisierte Suizidbeihilfe geradezu geadelt. Ein flächendeckendes Netz staatlich geprüfter Sterbeexperten und Tötungsspezialisten entstünde.
Der neu gefasste Paragraph 217 im Strafgesetzbuch würde zur „diskreten Ermahnung, sich jederzeit zu überlegen, ob man nicht bald gehen sollte“ – befürchtet der Publizist Andreas Krause Landt in seinem soeben erschienenen Essay „Wir sollen sterben wollen“. Warum aber will der Staat mit diesem Ansinnen an seine Bürger herantreten? Laut Landt sind „Pflegenotstand, Fachkräftemangel und explodierende Krankenkosten“ die wahren Treiber der Bestrebungen, den vorzeitigen Tod zur Dienstleistung für alle zu machen. „Wer wird noch weiterleben wollen“, fragt er, „wenn er erfährt, dass die Verwandten bereits ‚unverbindlich‘ Kontakt zu einem Sterbehilfeverein aufgenommen haben?“ Offenbar soll die Sterbehilfe ein kollabierendes Gesundheitssystem entlasten.
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