Christian Ulmen - „Der Shitstorm gehört zum Gesamtkunstwerk“

CICERO ONLINE schaut zurück auf ein Jahr voller interessanter, bewegender, nachdenklicher oder einfach schöner Texte. Zum Jahreswechsel präsentieren wir Ihnen noch einmal das Beste aus 2013:Für seine neue Fernsehshow muss Christian Ulmen bereits Wochen vor der ersten Ausstrahlung harte Kritik einstecken. Feministinnen laufen Sturm gegen die Sendung „Who Wants To Fuck My Girlfriend?“. Das Konzept dafür hat sich Uwe Wöllner, Ulmens Alter Ego, ausgedacht. Ein Gespräch über Satire, Fremdscham und sexistische Kackscheiße

Christian Ulmen über Uwe Wöllners Who Wants To Fuck My Girlfriend?
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Autoreninfo

Marie Amrhein ist freie Journalistin und lebt mit Töchtern und Mann in der Lüneburger Heide.

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Die Geschichte: Uwe Wöllner, sozialisiert als Kind heutiger Fernsehunkultur hat sich eine Sendung ausgedacht, in der zwei Männer gegeneinander antreten. Der Preis: Ein Kranz mit einer goldenen Schärpe auf der steht „Everybody wants to fuck my girlfriend“. Die dazugehörigen Freundinnen erspielen sich Punkte, indem sie Annäherungsversuche, erotische Angebote oder anzügliche Blicke fremder Männer sammeln. Ein quotengeiler Fernsehredakteur, Gero Schorch, der Uwe Wöllner schon seit Jahren begleitet und vermarktet, hat ihm nun einen Sendeplatz und auch die Moderation der Sendung verschafft. Während Ulmen den Moderator Uwe Wöllner nur spielt, sind die Kandidaten reale Personen.

Herr Ulmen, von Ihrer Sendung „Who Wants To Fuck My Girlfriend“ gibt es noch fast nichts zu sehen. Der Aufschrei im Netz ist trotzdem gewaltig. Was haben Sie da vor?
Das Konzept der Sendung ist im Gehirn der Figur Uwe Wöllner entstanden. Die Show funktioniert nur mit Uwe. Wöllners komplette Sozialisation fand ausschließlich als Konsument statt. Neben Spielekonsolen und Softpornos im Wesentlichen als Konsument von Fernsehen. Wöllners Muttermilch war „Dismissed“, „Girls Camp“, „Big Diet“.

Wöllner wirkt nicht nur falsch ernährt, sondern auch geistesgestört, krank?
Nein, Uwe Wöllner ist nicht behindert. Man muss ihn sich als Medien-Kaspar-Hauser vorstellen. Statt in Dunkelheit ist er ausschließlich mit dem Fernsehen aufgewachsen. Krank ist er überhaupt nicht. Er hat ja auch Anflüge von Reflexionsvermögen. Das Dschungelcamp findet Uwe zum Beispiel menschenverachtend.

Aber warum ist das Dschungelcamp oder der Bachelor – in dem sich Frauen einem Mann andienen – anders als das, was Sie da machen? Wo ist der Unterschied?
Wir sind sehr viel lustiger als der Bachelor. Und wir überhöhen maßlos, so, wie es nur über eine Kunstfigur möglich ist. Es ist Wöllners Formatidee. Wir stellen sie als Konzentrat seiner Einflüsse in die Welt und nennen das Ganze glasklar so wie es ist. Das ist der Unterschied. Der Bachelor sagt nicht: „Who wants to be fucked by the horny rich man?“, wer will vom reichen geilen Mann beschlafen werden? „Die Schöne und der Freak“ (auch eine menschenverachtende Sendung von Pro Sieben, Anm. d. Red.) heißt auch nicht „Wer ist der größte Vollhonk und wessen Individualität machen wir heute platt?“ Diese Formate tragen alle recht schöne Mäntlein, sie schillern und leuchten mit ihrem hübschen Vorspann, so dass viele Zuschauer gar nicht checken, was daran scheiße ist. Uwe ist einer dieser Zuschauer. Die Versuchsanordnung lautete: was würde sich einer wie Uwe für ne Show ausdenken, nachdem er sein Leben vor dem Fernseher und mit all diesem Kram verbracht hat? Das Ergebnis ist „Who Wants To Fuck My Girlfriend“. Ich finde das plausibel und folgerichtig.

Inwiefern ist „Who Wants To Fuck My Girlfriend“ diesem Kram moralisch überlegen?
Zuallererst ist unsere Show ein Kapitel in der großen Uwe-Wöllner-Saga, und die ist hochmoralisch. Dabei arbeiten wir seit jeher mit der absoluten Überschreitung moralischer Grenzen. Ganz genau so wie es das aktuelle Fernsehen jeden Tag macht, bloß lassen wir den Weichzeichner weg. Was dabei raus kommt, nennen wir so, wie es ist, nämlich „Fuck“, eben damit uns und dem Zuschauer ab und zu das Lachen im Halse stecken bleibt. Niemand regt sich über den Bachelor auf. Universitätsprofessoren sagen, Big Brother sei eine soziologische Studie. „ Who Wants To Fuck My Girlfriend “ löst sofort Empörung aus. Weil es so heißt, wie es heißt. Weil es so heißt, wie alle diese Formate eigentlich heißen müssten. Die Öffentlichkeit hat sich einheitlich dazu entschieden, diese Sendungen gelten zu lassen. Sie laufen seit Jahren, ohne dass es einen Shitstorm im Internet gibt. Den gibt es jetzt bei uns. Dafür hat es sich gelohnt.

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Die Kritik, die von feministischer Seite kam, hat Sie schon überrascht?
Es war interessant, mit welcher Kraft von persönlichen Attacken bis hin zu Morddrohungen diese erste Reaktion kam, ja. Vor allem weil die Show ja noch gar nicht lief. Selbst wenn es ein institutionalisierter Shitstorm von ein paar sehr professionellen Shitstormerinnen war: Es gab sofort eine scharfe Diskussion. Das ist erhellend. Obwohl es einen natürlich sticht, als Sexist bezeichnet zu werden. Bei den Drehs haben sich viele Männer in unserem Team mitunter für ihr eigenes Geschlecht geschämt: Eine Kandidatin steht spätabends an einer beliebigen Berliner Straßenkreuzung rum, die gar nicht als „Straßenstrich“ gilt, und es dauert trotzdem keine zwanzig Minuten bis das erste Auto anhält und die Frau „nach dem Preis“ gefragt wird. Das war tatsächlich die Regel. Unfassbar. Wenn sich eine Kandidatin im Internetcafé ins Chatroulette einloggt, muss sie nur einmal freundlich in die Webcam winken und ihr Gegenüber legt sofort sein Gemächt auf den Tisch und fängt ungefragt an, dran zu rubbeln – einfach so, weil da eine Frau vor der Webcam sitzt. Klickt sie den weg, macht’s der Nächste ohne viele Worte ganz genauso. Das geht unendlich. Wir erleben eine so peinlich stupide Sexualität, die vom Mann ausgeht, dass es weh tut. Die Sendung hat dadurch auch eine dokumentarische Qualität.

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Sie versuchen einen Drahtseilakt. Ist der möglicherweise misslungen? Haben Sie keine Zweifel?
Natürlich. Ich zweifle dauernd, völlig wurscht, was ich mache. Natürlich läuft man Gefahr, dass man aufs Maul kriegt für solche Ideen oder daran scheitert. Aber so verstehe ich eben meinen Job. Hätten wir das Ding als Satire angelegt, die durchweg inszeniert ist, wäre das wahnsinnig langweilig geworden. Wenn in der „heute show“ eine Frau an den Herd gefesselt ist, dann hat das überhaupt keine Wirkung. Das tut keinem weh. Es ist Unterhaltung für den Moment, ein guter Sketch, der ganz klar als Comedy verortet wird und darum null Debatten auslöst. „Who Wants To Fuck My Girlfriend“ mit echten Frauen und echtem Balzgebaren, das tut wirklich weh, darüber ereifert man sich bis hin zum Shitstorm. Der gehört dann sozusagen zum Gesamtkunstwerk.

Gero Schorch, der überzeichnete Fernsehredakteur, sagt über Wöllners Showidee: „Spastihirn, Spastiidee. Ich bin eben darauf angewiesen, Zuschauer zu haben.“…
Ich glaube nicht, dass die Typen, die „Schwer verliebt“ machen, Respekt vor den Herrschaften haben, die sie da in schmutziger Unterwäsche abbilden. Sie behandeln diese Menschen respektlos. Ein dafür verantwortlicher Redakteur muss davon ausgehen: „Das sind halt Unterprivilegierte, die wohnen in Höhlen, die sehen scheiße aus und können nicht richtig sprechen, voll lustig, genau so was wollen die Leute sehen, warum sollen wir das nicht zeigen?“ Wenn er Respekt hätte, würde er sagen: „Pass auf, wir filmen morgen bei Dir zuhause, lass uns vorher mal Deine Wohnung ein bisschen aufräumen, weil wir das Ganze ja Millionen Zuschauern im Fernsehen zeigen wollen.“ Das Gegenteil passiert. Und wenn man das aufgreift und eine Figur wie Schorch zeichnet, die genauso solch ein Fernsehmacher ist, dann hat der über Uwe eben genau diese Meinung. Der hält Uwe für einen „Spasti“ und der findet auch, dass das eine „Spastiidee“ ist, aber das gucken die Leute und darum zerrt er Uwe samt hahnebüchenem Show-Konzept vor die Kamera.

Hinter dem Projekt steht also die mediale Weltenrettung?
Nö. Diese ganze Metaebene von Satire und Aufdecken ist nicht dauernd präsent, wenn ich mit Uwe Wöllner unterwegs bin. In erster Linie macht mir die Figur Spaß, ich liebe all die Fremdscham und Irritation, die wir mit Uwe anrichten. Die große Weltenrettung ist dann sozusagen ein Nebenprodukt meiner Freude an den Gedankenwelten dieses herrlichen Freaks. Ist doch toll, wenn sie von einem wie Wöllner eingeleitet wird.

Machen Sie es sich nicht leicht, indem Sie sich hinter Uwe Wöllner und Gero Schorch verstecken? Was würde Wöllner denn zu den Vorwürfen sagen?
Figuren werden gezeichnet, um Geschichten zu erzählen, nicht um sich zu verstecken. Ich bin ja hier und rede darüber, und das finde ich wiederum viel einfacher. Uwe würde sagen: (Ulmen wechselt zur Wöllner-Stimme) „Wieso ist doch goil, ist doch total nett, das ist doch frauenfördernd.  Wir suchen doch die geilste Frau. Es wäre doch gemein wenn wir die hässlichste Frau suchen würden. Aber wir suchen doch die geilste Frau, wir zählen die Punkte, und am Ende gewinnt Goilness und Charakter.“ Und das meint Uwe auch so. Der ist doch Fan von Frauen. Es gab lange nur seine Mutter und Milliarden leichtbekleideter JPEG-Dateien auf seinem Rechner. In Uwes Biografie gibt es diesen Kollegen in einem Beerdigungsunternehmen, wo Uwe arbeitet, der ist in allem besser. Dann verliebt sich Uwe in eine Prostituierte von der er denkt, dass sie seine Freundin ist. Plötzlich hat Uwe die schönere Freundin als der Typ. Aus dieser Geschichte gebar Uwe die Idee, es müsste mal eine Show geben in der Männer gegeneinander antreten, wer die „goilere“ Freundin hat. Das ist für ihn die einzige Möglichkeit, um zu gewinnen. Diese Idee kommt jemandem, der geistig in der Welt der Scripted Realitys aufgewachsen ist. Diese ganze Geschichte um Uwe Wöllner gibt es schon lange.

Ich find‘s immer noch schwierig.
Es soll ja auch schwierig sein. Das ist ja das Tolle. Einfache Shows gibt es ja schon. Unsere ist schwierig. Man reibt sich daran. Aber ich finde es unfassbar, dass man sich nicht mit derselben Intensität an „Das Model und der Freak“, am „Bachelor“ oder an all den anderen Dingern reibt. Da gibt es keinen Shitstorm. Und das führt dazu, dass es Menschen wie Uwe gibt, die denken: Das ist die Welt. Weil sie dort nicht „Fuck“ sagen. Sie sagen, hier kommt der Bachelor, der sieht schön aus, möchtest du eine Rose haben? Aber sie meinen „Who wants to fuck!“

Ja, verstehe. Sie sind wütend.
Quatsch. Ich bin die Ruhe selbst.

Herr Ulmen, vielen Dank für das Gespräch.

 

Das Interview führte Marie Amrhein

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