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handeln: BuchmacherDer Schriftgott aus Kassel

Von Alexander Cammann16. Juni 2011
Schrift:
Erst 46 und schon Großvater – für Friedrich Forssman ging es auch sonst schnell voran: Als einer der bedeutendsten Typografen und Bezwinger des Arno Schmidt’schen Mammut-Werkes «Zettels Traum» lebt er vom reinen Glück der Bücher. Ein Besuch auf der Kasseler Wilhelmshöhe. Von Alexander Cammann
Seite 1 von 5

Sonor summt es vorne im Wagen, während er sich schwungvoll in die Kurve legt. Hinauf geht es dann die langgestreckte Wilhelmshöher Allee; schon thront hoch droben auf dem Karlsberg weithin sichtbar der Herkules, jene zehn Meter hohe Statue aus Kupfer, die seit 1717 die Ansicht der Stadt prägt. Durch Kassel also in einem anthrazitfarbenen Citroën Trac­tion Avant, Baujahr 1955, Farbe bleu nuit: fürwahr ein herrliches Gefährt, dessen angenehmes Motorengebrumm auch dem führerscheinlosen Laien auf dem Beifahrersitz auffällt, nachdem er zuvor vergeblich nach dem selbstverständlich nicht vorhandenen Gurt gegriffen hatte. Stilgerecht in einen hellen Sommeranzug gewandet, erzählt der routinierte Chauffeur, dessen Kopf die Kabinendecke touchiert, von den Urlaubsreisen mit seiner Frau in diesem unverwüstlichen Automobil: quer durch Europa, nach Rom, nach England, nun, da die Kinder aus dem Haus seien … Voller Neid wandert der Blick des Beifahrers nach draußen, wo sich alle Köpfe nach diesem König der Straße umdrehen.

Ausgerechnet Kassel: Wer die üblichen Klischees im Kopf hat, wer da an die unablässigen Tiraden des Literaturwissenschaftlers und «Merkur»-Herausgebers Karl Heinz Bohrer gegen alle deutsch-provinziellen Höllen aus Fußgängerzonen denkt, der wird durch den unkonventionell-effektvollen Auftritt dieses Automobilisten gleichsam automatisch bekehrt. «Der Provinzbegriff war auch schon mal schärfer», meint der Mann am Steuer dazu nur lässig; zudem sei man hier in einer einstigen Residenzstadt in der Mitte Deutschlands und also in zwei ICE-Stunden überall: ob in Hamburg, Berlin, München oder Stuttgart. Jetzt sind wir angekommen, ein paar Schritte nur vom Schlosspark Wilhelmshöhe entfernt, dessen sattes Grün in der Mittagssonne prangt. Rasch lässt der Mann im hellen Anzug den staunenden Gast noch einen Blick auf den Motor werfen, dann führt er ihn unter üppigen Magnolien und Glyzinien hinein in eine Gründerzeitvilla am Hang über der Stadt. Hier lebt also dieser Automobilist seit mehr als zwanzig Jahren: Friedrich Forssman, einer der renommiertesten Typografen und Buchgestalter des Landes. Ein paar Fragen haben wir bei unserem Besuch, der so überraschend im Oldtimer beginnt, auf dem Herzen: Was ist das Geheimnis eines schön beschaffenen Buches? Wie muss man selbst beschaffen sein, um sich der Buchästhetik zu verschreiben und mit tausend Buchstabenformen derart zu zaubern? Und wie zum Teufel hat er es hinbekommen, «Zettels Traum», das hochkomplexe Spätwerk Arno Schmidts, das infolge seiner detailversessenen, höchst schwierigen Textstruktur lange für unsetzbar gehalten wurde, schließlich in zehnjähriger Arbeit doch zu setzen und zu einem druckreifen, im vergangenen Jahr erschienenen Buch zu machen? Dynamisch nimmt der Hausherr mehrere Stufen auf einmal im Treppenhaus, während wir hinterherstapfen, nach oben in sein Arbeitszimmer, vorbei an historischen Stichen und Daddelautomaten, natürlich antik, natürlich in Gebrauch.

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