Sonor summt es
vorne im Wagen, während er sich schwungvoll in die Kurve legt.
Hinauf geht es dann die langgestreckte Wilhelmshöher Allee; schon
thront hoch droben auf dem Karlsberg weithin sichtbar der Herkules,
jene zehn Meter hohe Statue aus Kupfer, die seit 1717 die Ansicht
der Stadt prägt. Durch Kassel also in einem anthrazitfarbenen
Citroën Traction Avant, Baujahr 1955, Farbe bleu nuit: fürwahr ein
herrliches Gefährt, dessen angenehmes Motorengebrumm auch dem
führerscheinlosen Laien auf dem Beifahrersitz auffällt, nachdem er
zuvor vergeblich nach dem selbstverständlich nicht vorhandenen Gurt
gegriffen hatte. Stilgerecht in einen hellen Sommeranzug gewandet,
erzählt der routinierte Chauffeur, dessen Kopf die Kabinendecke
touchiert, von den Urlaubsreisen mit seiner Frau in diesem
unverwüstlichen Automobil: quer durch Europa, nach Rom, nach
England, nun, da die Kinder aus dem Haus seien … Voller Neid
wandert der Blick des Beifahrers nach draußen, wo sich alle Köpfe
nach diesem König der Straße umdrehen.
Ausgerechnet Kassel: Wer die üblichen Klischees im Kopf hat, wer da
an die unablässigen Tiraden des Literaturwissenschaftlers und
«Merkur»-Herausgebers Karl Heinz Bohrer gegen alle
deutsch-provinziellen Höllen aus Fußgängerzonen denkt, der wird
durch den unkonventionell-effektvollen Auftritt dieses
Automobilisten gleichsam automatisch bekehrt. «Der Provinzbegriff
war auch schon mal schärfer», meint der Mann am Steuer dazu nur
lässig; zudem sei man hier in einer einstigen Residenzstadt in der
Mitte Deutschlands und also in zwei ICE-Stunden überall: ob in
Hamburg, Berlin, München oder Stuttgart. Jetzt sind wir angekommen,
ein paar Schritte nur vom Schlosspark Wilhelmshöhe entfernt, dessen
sattes Grün in der Mittagssonne prangt. Rasch lässt der Mann im
hellen Anzug den staunenden Gast noch einen Blick auf den Motor
werfen, dann führt er ihn unter üppigen Magnolien und Glyzinien
hinein in eine Gründerzeitvilla am Hang über der Stadt. Hier lebt
also dieser Automobilist seit mehr als zwanzig Jahren: Friedrich
Forssman, einer der renommiertesten Typografen und Buchgestalter
des Landes. Ein paar Fragen haben wir bei unserem Besuch, der so
überraschend im Oldtimer beginnt, auf dem Herzen: Was ist das
Geheimnis eines schön beschaffenen Buches? Wie muss man selbst
beschaffen sein, um sich der Buchästhetik zu verschreiben und mit
tausend Buchstabenformen derart zu zaubern? Und wie zum Teufel hat
er es hinbekommen, «Zettels Traum», das hochkomplexe Spätwerk Arno
Schmidts, das infolge seiner detailversessenen, höchst schwierigen
Textstruktur lange für unsetzbar gehalten wurde, schließlich in
zehnjähriger Arbeit doch zu setzen und zu einem druckreifen, im
vergangenen Jahr erschienenen Buch zu machen? Dynamisch nimmt der
Hausherr mehrere Stufen auf einmal im Treppenhaus, während wir
hinterherstapfen, nach oben in sein Arbeitszimmer, vorbei an
historischen Stichen und Daddelautomaten, natürlich antik,
natürlich in Gebrauch.
Sie sind hier: Startseite > Magazin
> Der Schriftgott aus Kassel
handeln: BuchmacherDer Schriftgott aus Kassel
Von Alexander Cammann16. Juni 2011
Erst 46 und schon Großvater – für Friedrich Forssman ging es auch sonst schnell voran: Als einer der bedeutendsten Typografen und Bezwinger des Arno Schmidt’schen Mammut-Werkes «Zettels Traum» lebt er vom reinen Glück der Bücher. Ein Besuch auf der Kasseler Wilhelmshöhe. Von Alexander Cammann
Seite 1 von 5
|
|
Weiterführende Links
Diese Artikel könnten
Sie auch interessieren:
Sie auch interessieren:
zum Dossier Die Buch-Seitezum Dossier Literaturen
Weiterführende Links
Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:
Zu Dossier hinzufügen:
- Europa
- Kommentare
- Detuschland
- Jochen Thies, Was Hitler wirklich wollte
- Goetz
- Goetz
- afrika
- afrika
- Syrien
- Euro krise
- familienpolitik
- familienpolitik
- familienpolitik
- familienpolitik
- familienpolitik
- filosofia
- Offenen Demokratie
- LINKE
- Vorbereitung_Wahlen
- Cicero
- Politik
- Politik
- Wirtschaft
- Grüne
- Wahlen in D
- Atomenergie
- Terror
- Lesenswert
- Serina
- _Wj
- Papstreise 2011 Deutschland
- Kapitalismus
- Kapitalismus
- Piraten
- Grüne
- Grüne
- Grüne
- Leben
- haha
- Migration
- Generation 2.0
- Kunst
- Kunst aA
- Kunst
- EURO
- Russland
- Steuerpolitik
- Internet-Kultur
- Wulf
- Wulf
- Parteien
- Parteien
- Parteien
- Finanzkrise und Staatsschulden
- Gesellschaftspolitik
- Gesellschaftspolitik
- Gesellschaftspolitik
- kindle
- kindle
- Rechtsradikalismus
- USA
- Religion und Tradition
- Architektur & Bauen
- Architektur & Bauen
- Architektur & Bauen
- Architektur & Bauen
- Parteien
- Kirche
- Grass
- Linke
- Linke
- Linke
- Linke
- Netz
- Politik, Gesellschaft ...
- Politik, Gesellschaft ...
- Politik, Gesellschaft ...
- politik
- Tourismus
- Moral
- Urheberrecht
- favs
- Digitalisierung
- A Nachlesen
- A Nachlesen
- internet
- Film
- Literatur
- Literatur
- NH
- Polemik
- Praktische Philosophie
- diethart
- Steinbrück
- Bildung & Schule
- Bildung & Schule
- Bildung & Schule
- Mark Twain
- Mark Twain
- Mark Twain
- MILANKO
- Entwicklungspolitik
- Gunter Hofmann
- dudelfunk
- pit
- Material-SK
- Steuern
- Antisemitismus
- Intellektuelle
- Türkei
- Jan von Alen
- Autoren
- Autoren
- Autoren
- Doppelte Staatsbürgerschaft
- Test
- Hyperkorrekte
- Stasi
- Fernsehen Qualität
- Kretschmer
- Kretschmann
- Politik
- Pressegleichschaltung
- NSU
- gender
- gender
Ihr Kommentar zu diesem Artikel
Anzeige
Frage des Tages
Thema der Woche
Umfrage
150 Jahre SPD: Ist die SPD noch eine Volkspartei?
Ja, die SPD wird wieder deutlich zulegen
38%
Nein, die SPD ist nicht mehr zeitgemäß
62%
Gesamtstimmen: 99
Anzeige
Anzeige
Jetzt den Newsletter von Cicero Online abonnieren
Liebe Leserinnen und Leser. Gerne informieren wir Sie regelmäßig über das aktuelle Angebot von Cicero Online. Bitte tragen Sie ihre E-Mail-Adresse ein und wir schicken ihnen montags bis freitags unseren täglichen Newsletter.Anzeige










