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Salon

Roman "Der Augentäuscher"Der schöne Schein

Von Catharina Koller7. Juli 2012
Graf Verlag (Cover-Ausschnitt)
Mathias Gatza, Augentäuschung, Roman
Abbild der Wirklichkeit oder schöner Schein?
Schrift:

Experimentieren ist Trumpf: Mathias Gatza reist in seinem neuen Roman "Der Augentäuscher" in eine ferne Epoche und findet nichts als Gegenwart. Ein barock-postmodernes Erzählpuzzle zwischen Original und Abbild

Seite 1 von 4

Mathias Gatza streicht sich die graue Haartolle aus der Stirn. Er ruckelt an seiner wuchtigen Brille, wie sie hier im Berliner Prenzlauer Berg, um seine Wohnung herum, viele tragen. Er lehnt sich im Wohnzimmerstuhl zurück, blickt  aus dem Fenster und beginnt zu erzählen, entwirft ein Bild des Stadtteils als Künstlerkolonie: Ein Kollege lebe gerade um die Ecke, ein Literaturkritiker von der «Welt» ein paar Straßen weiter – überhaupt sei die ganze Gegend nur von Autoren, Journalisten und Designern bewohnt, eine literarisch bereits vielfach beschriebene Kunstwelt.

In der Literaturbranche hat Mathias Gatza lange selbst gearbeitet. Beim Wagenbach Verlag hat er Verlagskaufmann gelernt, «damals noch mit Bleisatz». Danach gründete er seinen eigenen, den Gatza-Verlag, arbeitete später als Lektor bei Eichborn und im Berlin Verlag, war ein Jahr bei Suhrkamp.

In jedem Halbsatz schwingt mit: Hier spricht ein Kenner des Betriebs. Vor zehn Jahren dann wechselte er die Seiten und wurde Autor. Sein Debütroman, «Der Schatten der Tiere», erschien 2008, da war Gatza 44 Jahre alt. Nun hat er sein zweites Buch veröffentlicht, «Der Augentäuscher», ein barock-postmodernes Erzählpuzzle. Zusammengehalten und ironisch gebrochen zugleich wird es von einer Herausgeber-Figur, einer verkrachten Wissenschaftler-Existenz unserer Tage.

Bildergalerie: LITERATUREN – Die besten Romane für den Sommer

Auf abenteuerlichen Wegen gerät dieser Kunsthistoriker an mehrere historische Druckbögen des Barock-Schriftsetzers Leopold sowie an einen zeitgenössischen Briefroman – zusammen mit weiteren Indizien belegen die Dokumente eindeutig, dass die Fotografie nicht im 19., sondern bereits im 17. Jahrhundert erfunden wurde, vom virtuosen Stillleben-Maler Silvius Schwarz. Diese Forscherfiktion schützt der Roman vor, um alsdann genüsslich in die Konventionen des Historien- und Abenteuerromans einzutauchen:  Schwelgerische Briefe zwischen Silvius Schwarz und seiner Cousine Sophie von Schlosser, einer begabten Mathematikerin und Gambenspielerin, breiten eine wilde Romanze aus.

Verflochten ist sie mit einer grausamen Mordserie am Dresdner Hof, hier ermittelt der Araber Muhammad al Ghazali, kühn und mit distanziertem Blick auf die eigene Zeit, «da Hexenwahn und Gravitationstheorie nebeneinander bestehen».  Ein widersprüchliches, wildes, bilderreiches und Bild-besessenes Zeitalter ist das 17. Jahrhundert in Gatzas Roman.

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