Sein Roman „Verteidigung der Missionarsstellung" wird von der Kritik gefeiert. Im Interview mit Cicero Online berichtet Sprachexperimentalist Wolf Haas von der Gleichförmigkeit deutscher Romane, seinem Verhältnis zur Liebesgeschichte und seinem Dasein als hingebungsvoller Möchtegernschriftsteller
"Die Verteidigung der Missionarsstellung" wird als
originellste Liebesgeschichte seit Goethes Werther gefeiert.
Schreiben Sie eigentlich gerne über die Liebe?
Ich muss lachen, weil ich fast eine Peinlichkeits-Gänsehaut bekomme
bei der Vorstellung, dass ich "über die Liebe" schreibe. Eigentlich
schreibe ich aber über das Verlieben, was schlimm genug, aber doch
ganz was anderes ist. Angefangen hat es mit einem Vortrag, den ich
im Radio hörte, wo ein Psychologe sagte: Den Zustand der
Verliebtheit könne man mit psychologischen Kriterien als Psychose
beschreiben. Also vielleicht schreibe ich ja sogar über eine
Psychose, das ist dann wieder künstlerisch in Ordnung.
Was ist am Verlieben besonders?
Dass sich der brav vor sich hin funktionierende Mensch auf einmal
in einen verliebten Deppen verwandelt, das hat tragische und
komische Elemente - und der Übergangsbereich von Tragik und Komik
hat mich schon bei meinen Brenner-Krimis am meisten gereizt. Da
geht es übrigens auch oft um die Liebe. Mein Detektiv Brenner war
ja schon sehr oft verliebt.
[gallery:Hinter den Kulissen – das lesen die Cicero-Redakteure]
Ihr letzter Roman "Das Wetter vor 15 Jahren" bestand aus
einem Gespräch, das zwischen einer Literaturbeilage und dem Autor
geführt wird, ihr aktuelles Buch beschreibt eine Liebesgeschichte
und zugleich die Entstehung eines Buches. Was ist zuerst da: Die
Idee für die Form oder die Geschichte selbst?
Zuerst möchte ich immer ein ganz normales, unaufgeregtes Buch
schreiben. Aber dann kann ich der Verlockung, das Ganze auf die
Spitze zu treiben, nicht widerstehen. Das tue ich aber nicht mit
künstlerischer Absicht, sondern ich kann einfach nicht anders.
Behindern sich beide nicht manchmal gegenseitig beim
Schreiben?
Ich empfinde es eher umgekehrt. Die Behinderung, die von der Form
ausgeht, erzeugt erst die besten Plot-Wendungen. So wie der Reim in
einem Gedicht auch Behinderung und Motor zugleich ist.
Sie haben einige typografische Spielereien in Ihrem
Buch, ganze Passagen "hätte" der Romanheld sagen können, tat es
aber nicht. Hatten Sie beim Schreiben manchmal Sorge, dass Sie es
übertreiben und ihre Leser vergrätzen?
Diese Sorge hab ich nicht, denn ich weiß, dass ich es immer
übertreibe. Aber meine Leser nehmen es mir nicht krumm. Mein Leser
und ich, wir sind wie ein altes Ehepaar, und er oder sie denkt sich
über mich: Jetzt spinnt er wieder, aber wenigstens ist es nicht
langweilig mit ihm.
Sie schreiben, die realen Geschichten funktionierten in
Romanen nicht - das Erfundene sei viel besser, es sei
glaubwürdiger. Gleichzeitig geben Sie aber im neuen Buch vor, viel
über sich selbst preis zu geben. Verschaukeln Sie den
Leser?
Das kann ich jetzt nur mit einem Ernst beantworten, den ich sonst
meist zu vermeiden versuche. Ich finde eher, dass Autoren ihre
Leser verschaukeln, die die spielerische Struktur eines Romans
unter den Teppich kehren und auf die sichere Karte des eingefahren
Dröge-Realismus setzen. Auch die vorhin erwähnten grafischen
Elemente sind keine Spielereien, sondern haben eine Funktion im
Text. Statt ein Paisleymuster zu beschreiben, rolle ich eben einmal
eine Zeile zum Paisleymuster ein. Das ist ein genauso taugliches
Mittel, und es fällt nur so auf, weil Bücher allgemein alle recht
gleichförmig sind. Wäre die bildende Kunst so konservativ wie die
Literatur, würden alle noch vor sich hin pinseln wie Cezanne.
Seite 2: Also bevorzuge ich Texte, die dieses Lesetempo wert sind












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