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Salon

Versäumnisse der VerlagsindustrieDer Journalismus ist nicht Ryanair

Von Petra Sorge15. November 2012
picture alliance
Frankfurter Rundschau,Insolvenz,Zeitung,Geschichte
Das Ende naht: Einst mondän, dann etwas zu arrogant
Schrift:

Die Insolvenz der Frankfurter Rundschau sollte der Branche eine Mahnung sein. Jetzt rächt sich, dass die Verlage seit Jahren auf den Medienwandel nur eine Antwort kannten: Stellenabbau. Dabei heißt Umstrukturierung viel mehr

Seite 1 von 2

Es ist eine Frage, die in einer Marktwirtschaft jeden Unternehmer umtreibt: Kann man an einem Produkt massiv sparen und damit trotzdem noch erfolgreich wirtschaften? Kann man also zugleich den Input verringern und den Output steigern?

Ja, man kann. Die Aldis, Kiks und Ryanairs haben gezeigt, dass man mit maximaler Rationalisierung maximale Profitabilität erreichen kann. Das Produkt wird von allen Dienstleistungen abgekoppelt und auf seine Kernfunktion begrenzt, den reinen Transport etwa; wer noch Gepäck mitnehmen will, wird zur Kasse gebeten.

Es ist ein so erfolgreiches Modell, dass spätestens mit Beginn der Medienkrise im Jahr 2003 auch immer mehr Verlagsmanager damit liebäugelten: Warum sollte man nicht auch bei den Zeitungen so rationalisieren können?

Zunächst leiteten Verlage einige Sparmaßnahmen ein, die man mit viel gutem Willen noch als sinnvoll bezeichnen könnte. Vertrieb und Verwaltung wurden kleiner und effizienter, Druckereien nicht nur nachts, sondern nun rund um die Uhr ausgelastet, Print und Online enger verzahnt. Stets betonten die Zeitungshäuser, dass sie ihrer gesellschaftlichen Verantwortung damit trotzdem noch nachkommen würden.

Doch nach und nach wanderten die Kleinanzeigen, jahrzehntelang das wichtigste Rückgrat vieler Regionalzeitungen, ins Internet ab. Die Werbeeinnahmen brachen weg. Die Verlagsindustrie, mit der sich seit jeher gutes Geld verdienen ließ, reagierte in Panik. Sie versuchte erfolgreiche Management-Modelle zu adaptieren – ohne sie richtig zu durchdringen.

Wenn sich Unternehmen in Krisenzeiten sanieren, muss eine Umstrukturierung stets einher gehen mit der Besinnung auf die eigenen Kernkompetenzen. Bei Ryanair ist das der Transport, bei Zeitungen der Journalismus. Das Problem: Die Zeitungen sanierten nicht so, dass der Journalismus gestärkt wurde – sie schwächten ihn vielmehr. Sie kopierten also das Ryanair-Modell, aber leider ganz falsch: Sie wollten mit leeren Taschen ganz hoch fliegen.

Dies ist etwa die Geschichte der Frankfurter Rundschau, dieser einst mondänen linksliberalen Zeitung, die als zweite deutsche Tageszeitung nach dem Zweiten Weltkrieg lizenziert wurde und sich später der Frankfurter Schule eines Adorno oder Horkheimers widmete. Die Ursachen ihres Niedergangs sind freilich vielfältiger. So ging an ihr schon in den 1990er Jahren der gesellschaftliche Wandel vorbei; Journalistikforscher Michael Haller sprach im Hessischen Rundfunk sogar von einem „bisschen Arroganz“ in der Berichterstattung. Später machten die Eignern weitere Fehler: Statt die Inhalte zu stärken, bastelten sie teuer am Format. Sie verkleinerten die FR auf das Tabloid-Format, die Leser und Anzeigenkunden verschreckte. Als weiterer Angriff auf den unabhängigen Journalismus musste der politische Einfluss gelten: Erst gab es eine Nothilfe der hessischen Regierung, dann stieg neben dem Verlag M. DuMont Schauberg und dem Minderheitseigner Karl-Gerold-Stiftung die SPD-Holding DDVG ein.

Die Hoffnung jedoch, sich mit einem Kahlschlag im Kernbereich eines Tendenzbetriebs – den Redaktionen – sanieren zu können, sollte sich als die verheerendste herausstellen. Dem Stellenabbau folgte die Schaffung eines gemeinsamen Redaktionspools aller DuMont-Blätter (Frankfurter Rundschau, Berliner Zeitung, Kölner Stadt-Anzeiger, Mitteldeutsche Zeitung). Zudem werden zwischen den vier Blättern ganze Seiten ausgetauscht. Alles vergebens: 2012 beliefen sich die Verluste der FR auf 16 Millionen Euro.

Die Rundschau ist aber kein Einzelfall. Anstatt neue Geschäftsmodelle zu ergründen, massiv im Netz zu investieren oder sich vielleicht selbst an profitablen digitalen Anzeigenmärkten zu beteiligen – wie es etwa der Holtzbrinck-Verlag (Die Zeit) mit der Partnervermittlung Parship.de tat – setzten viele Verlagshäuser allein auf den Stellenabbau.

Seite 2: Wie blöd können die Verlage eigentlich sein?

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  • Antworten
tom15.11.2012 | 14:13 Uhr

Leider der immer wieder gleiche Fehler

Grundsätzlich kann man Ihnen nur zustimmen, wenn Sie eine gute und adäquat besetzte Redaktion als erfolgskritisch betrachten.

Leider übersehen Sie in Ihrer Argumentation eine unumstößliche Tatsache:

Es bringt einem nichts, langfristig toll aufgestellt zu sein, wenn man kurzfristig pleite geht.

Kosten können in der Regel kurzfristiger reduziert und damit Liquidität gesichert, als Umsatz aufgebaut werden.

Das kann man bedauern oder ausblenden, aber dadurch ändert sich an dieser Tatsache nix.

Was soll die dapd jetzt machen? Kurzfristig alles endgültig gegen die Wand fahren? Oder jetzt mit schmerzhaften Schnitten zumindest das Überleben sichern und sich dann wieder langsam aufbauen?

  • Antworten
Matthias Kretschmer15.11.2012 | 17:13 Uhr

Lösungsorientiertes Marketing

Wenn man das Thema lösungsorientiert angeht, fragt man: welchen Blättern geht es trotzdem/weiterhin gut und warum? Was machen die richtig?

Ich lese sehr viel, jedoch zu 95% online und - gratis. Fast habe ich dabei manchmal ein schlechtes Gewissen, aber ich will neben meinem Standard-Abo nicht zehn weitere Blätter abonnieren. So viel Zeit habe ich nicht. Aber 10x10%-Anteile würde ich glatt buchen - wenn ich dafür hochwertige und gut recherchierte Artikel bekäme; in der Ukraine gibt es so ein Modell schon und ich vermute, das würde hierzulande auch funktionieren.

  • Antworten
Werner Winkler15.11.2012 | 18:11 Uhr

Kernkompetenz

Ich glaube nicht, dass die Kernkompetenz der Zeitungen der Journalismus ist. Ich denke vielmehr dass es die Leserbindung ist. Dass also eine Zeitung täglich neu zur Hand genommen wird, was z.B. über Werbung dann zu Geld gemacht werden kann. Diese Leserbindung gibt es z.B. auch bei ebay. Das Problem der Zeitungen ist vielleicht, dass Nachrichten heute überall kostenlos zu bekommen sind. Und gut recherchierte Themen gibt es nicht täglich. Genau genommen, erfährt ein Gelegenheitsleser gar nicht, wenn es mal eine gut recherchierte News gibt.

  • Antworten
Robert16.11.2012 | 14:02 Uhr

wo blieb das eigene Profil?

@Robert Das ist doch das Kernproblem des Journalimus: Den Stellenwert, den die FR einmal hatte ist mittlerweile 'zersplittert'. Teile übernehmen Blogs und Seiten im Netz, die dann doch noch tiefer gehen oder dem speziellen Leserinteresse mehr entsprechen - und wer sich eher oberflächlich informieren will, dem erschließt sich nicht unbedingt, warum es gerade die Rundschau sein sollte und nicht die andere. Leserbindung zu erreichen ist genau das allerschwieigste in dem Geschäft. Wem das gerade zu gelingen scheint ist ausgerechnet die Bildzeitung, gerade weil sie mit diesem Stil die Bedürfnisse vieler Leser nach schneller oberflächlicher Information bedient.
Die FR hat aber auch in der Tatauf ein eigenständiges (neues) Profil einerseits verzichtet, andererseits war sie zu eindeutig ausgerichtet und hat 'Weltbilder' bedient. Das verwundert nicht, dass das nicht gut gehen konnte.

  • Antworten
Carlo Siemers17.11.2012 | 10:53 Uhr

Der Ast, auf dem man sitzt

Viel Content im Netz stammt letztlich von oder aus Printmedien, ist also auch von einem Journalisten erarbeitet worden. All diese Inhalte würden fehlen, wenn es kaum noch Printmedien gäbe. Viele Verlagshäuser sägen sich doch den Ast ab, auf dem sie sitzen, wenn sie die Redaktionen immer stärker ausdünnen oder ganz auslagern, weil sie ihre Mitarbeiter nur als Kostenverursacher sehen und nicht berücksichtigen, dass die Mitarbeiter mit ihrem Wissen, ihrer Erfahrung, ihrer Kreativität, ihren Kontakten und ihrem Engagement zum Wert eines Mediums und zur Leserbindung beitragen.

  • Antworten
Anke Bührmann19.11.2012 | 20:29 Uhr

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