Wenn hier ein Geständnis erlaubt ist, verfolgt diese Kolumne immer auch ein subversives Anliegen: In einem Literaturmagazin möchte sie für die Eigenständigkeit des Filmerlebnisses werben – gerade dann, wenn es sich um verlmte Literatur handelt. Nicht jeder Film macht einem das besonders einfach. Man kann sich schnell darauf einigen, dass man keine Kunstform über eine andere stellen sollte. Doch gerade weil jede der anderen etwas voraushat, wird man nach einer Kinovorstellung auch immer irgendjemanden sagen hören: «Das Buch ist ja doch besser als der Film.» Oder vielleicht auch umgekehrt. Bei einem so wunderbar erzählten Roman wie «Naokos Lächeln» von Haruki Murakami gibt es für einen Filmemacher besonders wenig zu gewinnen. Was kann das Kino einem Buch schon zurückgeben, das mit einem solchen Überschuss aufwartet: an Lebensweisheit, obwohl doch diese éducation sentimentale aus der Perspektive eines 20-Jährigen erzählt wird – allerdings mit dem Abstand von zwei Jahrzehnten nach der auch für Japan einschneidenden 68er-Revolte. An formaler Rafnesse in der Vor- und Rückschau, der im Leben des jungen Tokioter Studenten Toru prägenden Begegnungen und Ereignisse. Und schließlich an Humor – obwohl die zentrale Liebesgeschichte von Tragik geprägt ist: Der Selbstmord eines Jugendfreundes steht am Anfang von Film und Roman-Vorlage – und der Schatten, den der gänzlich unerwartete Tod nicht nur auf den Protagonisten wirft, sondern auch auf das Mädchen, das zwischen den beiden gestanden hat, und das der zu diesem Zeitpunkt 17-jährige Toru über alles liebt. Ganz am Anfang seines Erwachsenenlebens muss er erkennen, dass sich darin alles um den Tod dreht. «So verbrachte ich den Frühling meines achtzehnten Lebensjahrs mit dem Gefühl eines Knotens aus Luft in meinem Inneren. Gleichzeitig sträubte ich mich, ernst zu werden, denn ich ahnte, dass Ernsthaftigkeit nicht unbedingt mit einer Annäherung an die Wahrheit identisch war, auch wenn es sich beim Tod auf jeden Fall um eine ernste Sache handelte.» Auch das Kino kennt diese Kunst der Verquickung zwischen Ernst und Drama. Charlie Chaplin begründete die lmische Tragikomödie bereits 1921 mit seinem anrührenden Slapsticklm «The Kid». Im heutigen Hollywood ist es schon fast ein Ding der Unmöglichkeit, einmal ein Melodram zu nden, das nicht zugleich eine Komödie sein möchte. Die Branche hat sogar ein eigenes Unwort dafür erfunden, die «Dramödie».
In dieser frühen Erkenntnis am Ende des zweiten Kapitels steckt auch ein ästhetisches Programm: So wie sich dieser Student vornimmt, Optimist zu bleiben, vertraut auch der Autor Murakami auf die positive Kraft des Humors: In einem gar nicht lieblosen Sarkasmus schildert er etwa den spießigen Geografiestudenten, mit dem sich der junge Mann ein Zimmer teilt.
Eine Dramödie wäre das Letzte, was wir uns für eine Verlmung von «Naokos Lächeln» wünschen würden. Doch dass der Vietnamese Tran Anh Hung bei seiner Verlmung fast völlig auf die helleren Töne verzichtet, ohne die doch auch die dunklen erst ihre volle Wirkung entfalten, ist bedauerlich. Umso mehr aber liegt diesem Filmkünstler, dessen Debüt «Der Duft der grünen Papaya» auch in deutschen Kinos lief, freilich die ernste Dimension der Liebe.
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Der innere Knoten aus Luft
von 16. Juni 2011
Daniel Kothenschulte
Großes Gefühlskino, allerdings ohne heitere Farben. Der vietnamesische Regisseur Tran Anh Hung verlmt Haruki Murakamis Roman «Naokos Lächeln»
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