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Das JournalDer gute alte Giorgio Moroder

Von Jutta Person5. August 2009
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Wenn sich Andreas Neumeister auf Metropolen-Tour begibt, entsteht ein Hybrid aus Reisebericht, Tagebuchskizze und Lebensstil-Archäologie
Seite 1 von 2

Dass das Böse manchmal atemberaubend gut aussieht, gilt natürlich nicht nur für Menschen, sondern auch für Häuser, Städte und andere Machtformationen. Die Casa del Fascio im norditalienischen Como zum Beispiel: ein bestechender weißer Würfel als faschistisches Parteizentrum, das 1936 an der Spitze der europäischen Bauhaus-Moderne stand. Heute arbeitet die örtliche Guardia di Finanza, eine Polizeieinheit zur Bekämpfung von Wirtschaftskriminalität, in dem denkmalgeschützten Gebäude.
Für genau solche historischen Mehrfachbelegungen interessiert sich Andreas Neumeis­ter in seinem neuen Buch «Könnte Köln sein». Er bewundert den eleganten Mussolini-Wandfries, die «todschicken Benita-Stühle», gibt das Gut-Böse-Problem zu Protokoll und macht sich Gedanken über die Finanzfahnder, die hier arbeiten.

Rom, Berlin, München, New York, Paris und Moskau sind nur die wichtigsten Stationen auf Neumeisters Metropolen-Tour, wobei der Untertitel «Städte. Bau­stellen. Roman» schon andeutet, dass es sich beim Roman-Label um eine Art Tarnkappe handelt. Versucht man, die Sache in Richtung Reisebericht oder Tagebuchskizzen umzudeklarieren, wird man allerdings auch nicht glücklich: Jede handelsübliche Gattungsbezeichnung klingt viel zu alteuropäisch und gediegen für das, was dieser Texthybrid beabsichtigt.


Trauer um das «Schwabylon»

Neumeister, der in den neunziger Jahren die Popliteratur mitbegründete, kratzt an Geschichts-Schichten, die sich auf Städten und einzelnen Häusern ablagern. Was passiert mit den Protz- und Prunkgebäuden untergegangener Reiche? Werden sie umgebaut, rotten sie vor sich hin oder erwachen sie zu neuem Leben? In Berlin begutachtet Neumeister die ehemalige Stalinallee, in Paris den Elysée-Palast, und in München macht er sich auf die Suche nach dem «fiesesten Gebäude der Stadt»: Prinzregentenstraße 28. Dort steht das ehemalige Luftgaukommando des Nazi-Architekten German Bestelmeyer, in dem seit 1945 das bayrische Wirtschaftsministerium residiert. «Was könnte der fieseste Ausdruck eines ausgesprochen fiesen Menschen­bildes sein? Der menschliche Kopf als Würfel – bedeckt von einem gleichfalls in Stein gehauenen Stahlhelm: der ideale Soldat. Würfelköpfe als Fenstersimse.»

Dass Architektur eine symbolische Handlung ist, dass Macht sich gerne in Stein artikuliert und Gebäude den Wohnton vergan­gener Generationen bewahren – geschenkt. Interessant wird es aber gerade dort, wo eine Macht, eine Bewegung oder ein Lebensstil keine architektonischen Spuren hinterlassen haben. Der zeitreisende Autor beamt sich in die – ebenso kurzlebige wie architekturlose – bayrische Räterepublik von 1919 und trauert dem «Schwabylon» nach, einem ultra-knalligen Pop-Kaufhaus der siebziger Jahre, das Mitte der Achtziger als «unmünchnerisch» empfunden und abgerissen wurde.


Und dann eine Prise Brinkmann

Trotz aller Geschichtsversessenheit sind diese Großstadt-Streifzüge das genaue Gegenteil von Bildungshuberei und Baedeker-Gefuchtel. Neumeister ist manchmal entwaffnend naiv, nimmt aber immer wieder eine Prise Benjamin, um seinen Reisen den richtigen kulturkritischen Kick zu verpassen. Er flaniert, wie nur ein hedonistischer Pop-Frühromantiker flanieren kann: indem er die Städte mit Musik und die Musik mit Lebensstil-Revolten auflädt.

Deshalb kommt das München des Disco-Erfinders Giorgio Moroder auch so gut weg – ein riesiges, unwie­derbringlich verlorenes Glitzerraumschiff aus den siebziger Jahren. Bevor sich diese Popkultur-Nostalgie aber im Theoretischen verschwurbelt (was zum Beispiel bei Neumeisters Kollegen Thomas Meinecke vorkommt), wird sie mit einer ordentlichen Prise Brinkmann wieder geerdet. Neumeister steht nicht nur in der Brinkmannschen Schnipsel-, Zitat- und Collage-Tradition, er hat auch eine ähnliche Schwäche für den Kalauer, der schon mal so klingen kann: «Hôtel de Ville de Paris. Frankreich, das Land, in dem die Bürgermeister ihre Städte von Hotels aus regieren!» Der Hass auf die Ruinen des alten Europa, die kalkuliert prolligen Rom-Rülpser – alles, was bei Rolf Dieter Brinkmann nach Ressentiment und forciertem Rebellentum klang, geht Neumeisters großstadtverliebtem Baustellen-Buch gänzlich ab.

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