Eigentlich hat Ian Buruma mit «Die drei Leben der Ri Koran» nicht nur einen, sondern gleich drei Romane geschrieben. In seinem kunstvollen Prosa-Debüt erzählen nacheinander drei Männer von verschlungenen Lebensläufen fern ihrer Heimat: Der japanische Casanova Sato Daisuke arbeitet in den dreißiger Jahren im besetzten China der japanischen Propagandafilm-Industrie zu. Ein gutes Jahrzehnt später hat der amerikanische Cineast Sidney Vanoven einen ganz ähnlichen Job und unterstützt in Tokio die Demokratisierung der feudalistisch geprägten Japaner durch das Kino. Schließlich berichtet der frühere Drehbuchschreiber Saro Kenkichi aus einem libanesischen Gefängnis, wie er sich in den späten Sechzigern der «Japanischen Roten Armee» anschloss.
Neben den Motivfeldern Film und Identität, Krieg und Propaganda verbindet diese Erzählungen eine exquisite historische Nebenfigur: die schöne Filmschauspielerin Yoshiko Yamaguchi. Ihre nur vermittelt erzählte Biografie bildet den dokumentarischen Hintergrund, vor dem der Asien-Experte und Essayist Buruma seine männlichen Protagonisten aufmarschieren lässt. Gleichzeitig dient sie, so diskret wie grandios, als Metapher für die Geschichte Japans im 20. Jahrhundert. Geboren wurde die japanische Diva 1920 im besetzten Mandschuko, wo sie als (vermeintlich chinesische) Sängerin Ri Koran berühmt wurde und in japanischen Filmen als Integrationsfigur diente. In dieser Zeit ist der Dandy Sato ihr Mentor. Während Sato nach dem Ende der Besatzungszeit Selbstmord begeht, startet Yoshiko Yamaguchi eine zweite Karriere und schafft es – nicht zuletzt durch die Vermittlung der Amerikaner – als flotte Shirley Yamaguchi bis nach Hollywood. Der homosexuelle Sid, selbst Außenseiter aus der amerikanischen Provinz und begeisterter Anhänger der formalistischen japanischen Kultur, beobachtet Yoshikos Weg in den Westen freundschaftlich aus den Augenwinkeln.
Unvermeidliche Wandlungen
Und noch ein drittes Mal wandelt die Schauspielerin ihre Identität: Nach ihrer Rückkehr aus den USA arbeitet sie, teilweise unter dem Hongkong-chinesischen Namen Li Xianglan, als TV-Journalistin. Es ist der selbstbestimmteste Abschnitt ihres Schaffens. Der junge Saro Kenkichi, der das Japan der sechziger Jahre so repressiv und opportunistisch-kapitalistisch erlebt wie einst viele deutsche Studenten das Deutschland der Nachkriegszeit, begleitet Yoshiko auf ihren Recherche-Reisen nach Vietnam und Palästina, wo sie die Flugzeugentführerin Leila Khaled interviewt. Während die Diva an Frieden und Verständigung glaubt, wechselt Kenkichi zum bewaffneten Kampf.
Wie raffiniert der 1951 in den Niederlanden geborene Buruma, der einst in Tokio Film studierte, seinen japanischen Roman konstruiert hat, erschließt sich mit fortschreitender Lektüre. Der erste Teil aus der Perspektive des etwas steifen Frauen-Connaisseurs Sato liest sich noch ziemlich hölzern, was auch an der verarbeiteten Fülle (film-)historischer Details liegt. Der schwule Sid entwickelt da schon einen ganz anderen Schwung – und eine griffigere, eben westlichere Psychologie. In seinen selbstkritischen Reflexionen zur Arroganz und Dummheit imperialistischer Zwangsbeglückung scheint aber auch ein seltsam produktiver Effekt kriegerischer Auseinandersetzungen auf: An den Rändern entsteht tatsächlich so etwas wie Völkerverständigung. Im soghaften Finale hat Buruma sich regelrecht heißgeschrieben und holt mit dem Terroristen Saro zur stimmungsvollen Liebes- und Räuberpistole aus. So bricht er, reflektiert durch die Erzählweisen, Japans Selbstverständnis als «Frosch im Brunnenschacht» im Verlauf des Romans immer stärker auf. Eine Perspektive, vor der – und auch davon künden «Die drei Leben der Ri Koran» – kein Land und keine Kultur der Welt gefeit ist.
Ian Buruma Die drei Leben der Ri Koran Hanser, München 2010. 397 S., 24,90 €










