Das Land hat sich über Plagiats-Politiker echauffiert. Dabei ist die Wissenschaft selbst längst zum Abschreibbetrieb verkommen. Neues wird kaum erforscht, sondern vor allem das Alte immer wieder neu recycelt.
Keine Frage: Abschreiben geht nicht. Und was in der Schule noch eine lässliche Sünde ist – oft verbunden mit Sympathie für besonders gerissene Trickser – muss im Falle von wissenschaftlichen Texten streng geahndet werden. Aber die seit der Causa Guttenberg entwickelten Sensibilitäten für das Plagiat berühren wohl nur die Oberfläche eines tiefer liegenden Erosionsprozesses der wissenschaftlichen Publikationskultur.
Man kann
sich anhand der im Internet frei zugänglichen und übersichtlich
zusammengestellten Plagiatsverdachtsstellen zum „Fall Schavan“ ein
gutes Bild machen von einer Arbeitsweise, die von vielen
Beobachtern als grenzwertig eingestuft wird. Frau „Noch-Doktor“
Schavan hat in ihrer Dissertation die Einlassungen vieler
bedeutender Gelehrter unterschiedlichster Disziplinen von
Philosophie über Theologie bis zur Psychologie und Psychoanalyse
zusammengetragen. Ob sie dabei jede Quelle im Original wirklich
gelesen hat oder sich, mehr als es die von ihr angegebenen
Quellenverweise sichtbar machen, an Sekundärliteratur gehalten hat
– also an Bücher über Bücher – war Anfang Mai Gegenstand größerer
Aufregung. Und nun wälzen seit bald fünf Monaten sowohl der
Promotionsausschuss der Uni Düsseldorf als auch die
Plagiatsjäger-Community auf www.schavanplag.de Buch um Buch aus
dem thematischen Umfeld der Schavan-Dissertation in der Hoffnung,
weitere unterschlagene Quellen aufzuspüren.
Ob Frau Schavan also richtig zitiert hat oder nachlässig, ob sie Quellennachweise vergessen oder absichtlich verschwiegen hat um ihrer eigenen Arbeit einen höheren Anschein von Originalität zu verleihen, das dürfte spätestens dann, wenn der Promotionsausschuss seine Untersuchung abgeschlossen haben wird (was - wie unlängst verlautete - noch weitere Monate dauern kann), wieder die Nation bewegen und insbesondere natürlich die scientific community. Aber ist es eventuell nicht zweitrangig, ob neben fünf ordnungsgemäß als Übernahmen gekennzeichneten Sätzen auch noch ein sechster Satz mehr oder weniger textidentisch aus einem Buch über ein anderes Buch übernommen wurde? Liegt nicht eventuell der eigentliche Skandal ganz woanders? Nämlich darin, dass überhaupt Doktorarbeiten wie auch andere wissenschaftliche Werke sich viel zu oft in der reinen Anhäufung von mehr oder weniger verklausulierten Exzerptsammlungen erschöpfen? Früher sagte man – und man darf Frau Schavan glauben, dass auch sie so gearbeitet hat -, dass geisteswissenschaftliche Arbeiten aus umgestülpten Zettelkästen bestehen. Oder, dass sich das Anfertigen einer sozialwissenschaftlichen Publikation darin erschöpfe, aus 100 Büchern ein neues Buch zu machen. Erkenntnisgewinn? Rätsellösung?
Wissenschaftlicher Fortschritt? Mit derartigen Ansprüchen hat der normale Wissenschaftsbetrieb auch im PC- und Internetzeitalter nur ausnahmsweise zu tun. Neues herausfinden, neue Zusammenhänge durchdenken, alte Lehrmeinungen in Zweifel ziehen? Wo kämen wir denn hin, wenn derartiges im Wissenschaftsbetrieb belohnt würde? Böse Zungen sagen dementsprechend, dass das Wissenschaftssystem gerade so funktioniert, dass bewährte Thesen wiederholt, etablierte Theorien reformuliert, und gängige Methoden flächendeckend repliziert werden. Mit das Wichtigste, was ein Student im wissenschaftlichen Sozialisationsprozess dementsprechend zu lernen hat, ist das Anfertigen von Textmontagen – unter weitestgehendem Verzicht auf eigene Denkleistungen.












8 Kommentare