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PlagiatsdebatteIn der Endlosschleife des Abschreibens

Von Heiner Barz26. September 2012
picture alliance
Plagiat,Guttenberg,schavan,schavanplag
Ein Plagiat bedeutet den Diebstahl geistigen Eigentums, weiß das Wörterbuch
Schrift:

Das Land hat sich über Plagiats-Politiker echauffiert. Dabei ist die Wissenschaft selbst längst zum Abschreibbetrieb verkommen. Neues wird kaum erforscht, sondern vor allem das Alte immer wieder neu recycelt.

Seite 1 von 3

Keine Frage: Abschreiben geht nicht. Und was in der Schule noch eine lässliche Sünde ist – oft verbunden mit Sympathie für besonders gerissene Trickser – muss im Falle von wissenschaftlichen Texten streng geahndet werden. Aber die seit der Causa Guttenberg entwickelten Sensibilitäten für das Plagiat berühren wohl nur die Oberfläche eines tiefer liegenden Erosionsprozesses der wissenschaftlichen Publikationskultur.

Man kann sich anhand der im Internet frei zugänglichen und übersichtlich zusammengestellten Plagiatsverdachtsstellen zum „Fall Schavan“ ein gutes Bild machen von einer Arbeitsweise, die von vielen Beobachtern als grenzwertig eingestuft wird. Frau „Noch-Doktor“ Schavan hat in ihrer Dissertation die Einlassungen vieler bedeutender Gelehrter unterschiedlichster Disziplinen von Philosophie über Theologie bis zur Psychologie und Psychoanalyse zusammengetragen. Ob sie dabei jede Quelle im Original wirklich gelesen hat oder sich, mehr als es die von ihr angegebenen Quellenverweise sichtbar machen, an Sekundärliteratur gehalten hat – also an Bücher über Bücher – war Anfang Mai Gegenstand größerer Aufregung. Und nun wälzen seit bald fünf Monaten sowohl der Promotionsausschuss der Uni Düsseldorf als auch die Plagiatsjäger-Community auf www.schavanplag.de Buch um Buch aus dem thematischen Umfeld der Schavan-Dissertation in der Hoffnung, weitere unterschlagene Quellen aufzuspüren.

Ob Frau Schavan also richtig zitiert hat oder nachlässig, ob sie Quellennachweise vergessen oder absichtlich verschwiegen hat um ihrer eigenen Arbeit einen höheren Anschein von Originalität zu verleihen, das dürfte spätestens dann, wenn der Promotionsausschuss seine Untersuchung abgeschlossen haben wird (was - wie unlängst verlautete - noch weitere Monate dauern kann), wieder die Nation bewegen und insbesondere natürlich die scientific community. Aber ist es eventuell nicht zweitrangig, ob neben fünf ordnungsgemäß als Übernahmen gekennzeichneten Sätzen auch noch ein sechster Satz mehr oder weniger textidentisch aus einem Buch über ein anderes Buch übernommen wurde? Liegt nicht eventuell der eigentliche Skandal ganz woanders? Nämlich darin, dass überhaupt Doktorarbeiten wie auch andere wissenschaftliche Werke sich viel zu oft in der reinen Anhäufung von mehr oder weniger verklausulierten Exzerptsammlungen erschöpfen? Früher sagte man – und man darf Frau Schavan glauben, dass auch sie so gearbeitet hat -, dass geisteswissenschaftliche Arbeiten aus umgestülpten Zettelkästen bestehen. Oder, dass sich das Anfertigen einer sozialwissenschaftlichen Publikation darin erschöpfe, aus 100 Büchern ein neues Buch zu machen. Erkenntnisgewinn? Rätsellösung?

Wissenschaftlicher Fortschritt? Mit derartigen Ansprüchen hat der normale Wissenschaftsbetrieb auch im PC- und Internetzeitalter nur ausnahmsweise zu tun. Neues herausfinden, neue Zusammenhänge durchdenken, alte Lehrmeinungen in Zweifel ziehen? Wo kämen wir denn hin, wenn derartiges im Wissenschaftsbetrieb belohnt würde? Böse Zungen sagen dementsprechend, dass das Wissenschaftssystem gerade so funktioniert, dass bewährte Thesen wiederholt, etablierte Theorien reformuliert, und gängige Methoden flächendeckend repliziert werden. Mit das Wichtigste, was ein Student im wissenschaftlichen Sozialisationsprozess dementsprechend zu lernen hat, ist das Anfertigen von Textmontagen – unter weitestgehendem Verzicht auf eigene Denkleistungen.

Seite 2: Es bleibt bei der Wiederverwertung

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"Mit das Wichtigste, was ein Student im wissenschaftlichen Sozialisationsprozess dementsprechend zu lernen hat, ist das Anfertigen von Textmontagen – unter weitestgehendem Verzicht auf eigene Denkleistungen."
Die Arbeiten, ob Abschluss- oder Doktor für die Kanzleiverwertbarkeit haben längst keinen Denkanspruch mehr. Hochschulseitig wird meist die "Mindestanzahl" der Quellen vorgegeben. O-Ton Jurabetreuer: "Machen Sie ne Einleitung, dann Rechtsprechung und Literatur und zum Schluss ein kurzes Fazit." Auf den Wunsch, doch mehr "Eigenes" zu machen: "Sie machen sich damti sowas von angreifbar." Das ist die Realität, die das Internet nicht verursacht hat, die es aber beschleunigen hilft.
Andererseits überdrehen die Sittenwächter des Plagiats auch: wer jemals eine solche Arbeit verfasst und wirklich Quellen studiet hat weiß auch, dass es manchmal gerade bei intensiver Beschäftigung damit nicht immer einfach ist, eine Formulierung, die einem "einfällt", als gelesen zu erinnern. Auch die Weiterbearbeitung eigener Arbeiten finde ich nicht schlimm, im Gegenteil: es muss doch möglich sein, neue Erkenntnisse einzuarbeiten, auch wenn man bereits eine Vorgängerversion veröffentlicht hat? Oder auch Teilstücke daraus zu veröffentlichen, why not?

  • Antworten
Leo26.09.2012 | 16:03 Uhr

Exakt!

Ich kann mich dem Autor als auch Leo voll und ganz anschließen. Das Collagieren fremder Gedanken war auch zu meiner Studienzeit (die noch gar nicht so lange her ist) bei den allermeisten Hochschullehrern das Synonym für "wissenschaftliches Arbeiten". Ich selbst bekam eine Hausarbeit zurück mit dem Kommentar, ich solle mir doch meines Status bewusst werden - dabei hatte ich im Fazit lediglich den Aufsatz eines Kollegen von ihm kritisch betrachtet.
Dies setzt sich offenbar auch in der Promotionszeit fort. So kenne ich mehrere Promovierende, dienur "Wasserträger" für das große, bedeutende Forschungsprojekt des Doktorvaters sind und vorgegebene Ziele erreichen sollen. Meiner Meinung nach der Tod einer kritischen Wissenschaft. Wenn man weiß, was rauskommen soll, warum noch dieses Subventiontstheater, das sich Forschung schimpft? In einem konkreten Fall weiß ich sogar, dass der DV dem Doktoranden sagte, er solle beim Statistiker fragen, wie man die Ergebnisse signifikant bekommt...
Auf der geisteswissenschaftlichen Seite scheinen Zitatcollagen, die mit ein paar Sätzen verbunden werden nun Forschung zu sein. Ein Bekannter von mir hatte seine Dissertation mit erstaunlich wenig Quellen bestritten (es gab halt auch nur wenig Literatur zu dem Thema) und wurde dafür von seinem DV gerügt; der Text sei nicht fundiert in der wissenschaftlichen Literatur verankert. Ja, meine Güte! Und dass er ergiebig war zählt nicht?
Nein nein, die Crux liegt im System. Da können auch Vroniplag und wie sie alle heißen nichts daran ändern. Einige nachträgliche Titelaberkennungen, die dann von Leuten durchgeführt werden, die selbst redundant nur dieselben Thesen hinausblasen (dafür aber korrekt zitiert), haben da ein unangenehmes G'schmäckle...

  • Antworten
Max26.09.2012 | 19:13 Uhr

dudengerecht oder duden-rächend?

Es würde reichen, als Beispiel fürs "Professorenleben" die "rachsüchtigen Rentner" dudengercht hinterm [ohne Apostroph] Vorhang hausen zu lassen, vielleicht im plagiierten Schrebergärtchen.

  • Antworten
Antonius REyntjes26.09.2012 | 17:12 Uhr

Wettbewerbsfähigkeit auch in der Wissenschaft

Nur eine Randnotiz: In einer Rede vor dem BDI hat Kanzlerin Merkel darauf hingewiesen, dass durch die hohen zukünftigen Pensionszahlungen für die deutschen Beamtinnen und Beamten, für die Universitäten (Länder) Mittel für eine weltmarktkompatible Forschung knapp werden könnten. D.h. auch Wettbewerb in Wissenschaft, Forschung und Entwicklung.

  • Antworten
bernhard jasper26.09.2012 | 20:14 Uhr

Sie haben durchaus recht mit

Sie haben durchaus recht mit der Kritik an den 'Anforderungen' an Abschluss- und Qualifikationsarbeiten, nur: was hat das mit den Plagiatsfällen zu tun? Diese werden dadurch doch nicht weniger verwerflich. Denn dabei geht es nicht um eine, mal irgendwo gelesene und nicht ausgewiesene Formulierung, sondern um durchgängige, bewusste Täuschung! Die Tendenz, das zu verwischen und kleinzureden, nur weil es daneben weitere negative Erscheinungen in der Wissenschaft gibt, kann ich absolut nicht nachvollziehen.

  • Antworten
Landgon Olger26.09.2012 | 21:05 Uhr

Ubiquitäre Plagiate

Ich kann dem Autor des Artikels zustimmen. Es gibt einfach zu viele Autoren, zu viele Doktoranden; es ist für ein wirkliches Talent mitunter schwierig, sich bei dieser Massenansammlung von akademischem Durchschnitt Gehör zu verschaffen.
Ich veröffentliche prinzipiell nie etwas im Internet, ausser Inhalte, die ohnehin für die Öffentlichkeit bestimmt sind. Eigene Resultate können von einem schlauen Plagiaten übernommen, geringfügig (stilistisch) verändert und als eigene Arbeit ausgegeben werden. Die Beweisführung im Fall einer Klage ist dann schwierig, oft unmöglich. Das passiert öfter, als man annimmt. Studenten, Journalisten, Intellektuelle aller Richtungen durchforsten das Internet auf der Suche nach Brauchbarem. Im Internet ist nur eins sicher: Dass nichts sicher ist.

  • Antworten
von Schnittlauch26.09.2012 | 21:59 Uhr

Was nun?

Sehr geehrter Herr Barz,

meinen Sie nicht, Sie verknüpfen einige Dinge sehr seltsam? Abschreibkultur, Schavan, Schule, Hausaufgaben, verzweifelte Eltern, Noten(un)gerechtigkeit und -(un)sinn, Uni, Dissertationen, Textrecycling eigener Schriften. Dazu die Sinnlosigkeit der Forschung, die sowieso nichts Neues bringen soll. Habe ich so oder so ähnlich schon einmal gelesen, hoffentlich nicht auch abgeschrieben. Und schließlich Vroniplag und dann noch gänzlich deplatzierte Dinge: Dinge, die „sehr schnell langweilen“ und deshalb wohl nicht unerwähnt bleiben dürfen. :) Das ignoriere ich dann besser mal. Aber Sie entdecken ja auch ein „überraschendes Ergebnis“, nämlich, dass sich in der Erforschung der Notenproblematik seit 1971 nichts mehr getan hat. „Überraschend“ dabei auch, „dass Noten nicht valide, nicht objektiv,“ usw. sein sollen, was zwar gelehrt wird aber niemand wahrhaben will. Na, dann dürfte bei der Weitererforschung dergleichen wohl auch getrost erst einmal weiter abgeschrieben werden, oder nicht? Oder was brauchen wir Ihrer Ansicht nach jetzt wirklich? Weitere Erforschung der Notenproblematik, die nicht interessiert? Oder solange Weiterforschen, bis die Notenproblematik widerlegt ist, damit wir wissen, dass alles so bleiben kann? Vorsichtshalber Abschaffung der Noten? Oder zur Abwechslung mal wieder ein neues Schulmodell? Brauchen wir die Waldorf-Uni? Nein, im Ernst, ich glaube, Sie malen etwas zu sehr schwarz. Zugegeben, dass sogar in „harten“ Schulfächern aus einer „eins“ eine „fünf“ werden kann, widerspricht der eigenen Erfahrung – wie sollte es auch sonst „überraschen“. Aber es stimmt, es wurde nämlich auch gelegentlich abgeschrieben, genauso wie leider in einigen Dissertationen. Ich glaube aber, es ist vielen Menschen klar, dass Schulnoten nur begrenzt aussagefähig sind. Zumindest denjenigen, die selbst eine Schule besucht haben. Somit allen, die es wissen müssen. Und wenn eine einzelne Zehntelnote dann mal ausschlaggebend ist, z. B. zur Erlangung des Abiturs, dann liegt das daran, dass Grenzen definiert werden müssen und eben nicht nur Willkür herrscht. An der Uni mag die Noten(un)gerechtigkeit bei Geisteswissenschaften diskutabel sein, im MINT-Bereich ist sie oft kaum zu beanstanden. Eher die unterschiedlichen Anforderungen verschiedener Universitäten. Die wahren Defizite sind aber andere. Sei es drum, vielleicht haben Sie ja ein zu erforschendes Problem gefunden. Und vielleicht das Problem, dass daran niemand forscht, weil echte Forschung in Ihrem Fachbereich womöglich nur selten stattfindet. Zuletzt heißt es: „Man darf davon ausgehen, dass Ähnliches für fast jedes andere akademische Fach formuliert werden könnte“. Da widerspreche ich jetzt einfach mal aus eigener Erfahrung.

  • Antworten
Ketzer27.09.2012 | 03:38 Uhr

Plagiat

Ich verfolge die Berichterstattung über Plagiat sehr intensiv. Tja und mir ist ein Fall bekannt, in welchem ein Dozent sage und schreibe 276 Seiten 1 zu 1 einfach aus dem Bulgarischen in das Türkische übersetzt hat. Im Februar wurde der Bulgarisch-Dozent an einer türkischen Unjiversitaet des Plagiats angezeigt. Der Mann hat sage und schreibe 276 Seiten einfach aus dem Bulgarischen in das Türkische übersetzt. Layout, Satz und Bilder sind fast identisch zum Original und er hat es als seine eigene Recherchearbeit publiziert.
Der Autor, die bulgarische Universitaet des Originalautors und andere haben sich wohl zu diesem Thema bei der türkischen Universitaet gemeldet, aber bisher passiert nichts.

Hier ein paar Links zu dem Thema:

http://www.youtube.com/watch?v=rws7XIifN28
http://ilkeralp-bulgarianatrocities.blogspot.com/
http://www.plagiarism-turkey.blogspot.com/

Auch in der Zeitung erschien ein Artikel zu diesem Vorwurf.
Jetzt hat er von diesem Buch 2012 tatsachlich eine zweite Auflage herausgebracht - obwohl gegen ihn ein Gerichtsverfahren läuft. Seine Universität beorderte vor die Ethikkommission der Universität (Dekane und Professoren), welche ihn allerdings nur "ermahnten"... Damit wurde dem Plagiat sozusagen eine Erlaubnis gegeben.

Dies stimmt mich sehr nachdenklich. Was kann man noch veröffentlichen ohne belangt zu werden oder nicht belangt zu werden? Soll man noch veröffentlichen? Gibt es jetzt nur noch eine Copy Paste Kultur...
Mit ratlosen Grüßen

  • Antworten
Ratlos26.10.2012 | 07:04 Uhr

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