Er flucht und grunzt und rülpst und droht der Oma mit der Pfefferpistole: Otfried Preußlers Räuber Hotzenplotz wird 50 Jahre alt. Grund genug sich einmal wieder an die Helden seiner Kindheit zu erinnern. Und Räuber und Gendarm zu spielen
Michael Ende nannte die Erwachsenen einmal „Krüppelwesen“, die in einer entzauberten Welt sogenannter Tatsachen leben würden. Und tatsächlich. Das erwachsene Auge sieht hinter einem Schatten an der Zimmerwand kein Ungeheuer. An leeren Stühlen rund um einen gedeckten Tisch vermutet der Erwachsene keine Teegesellschaft, zu der Könige und Feen geladen sind. Holzschwerter und Pappkronen machen ihn nicht zum heimlichen Helden des Universums. Und Zeigefinger und Daumen dienen ihm hauptsächlich noch dazu, Tasten auf der Tastatur zu treffen, und nicht etwa um damit eine Pistole zu formen und auf Räuberjagd zu gehen.
Gut also, dass es Kinder gibt, die mit Fantasie im Herzen und Büchern in der Hand auf unseren Schoß gehopst kommen, uns flehend darum bitten vorzulesen und uns so daran erinnern, wie das noch gleich war mit dem Räuber und dem Gendarm. In deutschen Kinderzimmer scheint sich dabei nicht all zu viel geändert zu haben in den vergangenen Jahrzehnten. Denn obwohl hierzulande jährlich mehr als 8.000 neue Kinder- und Jugendbücher auf den Markt kommen, sind die Helden altbekannt. Ganz gleich ob Erich Kästners „Fliegendes Klassenzimmer“, Astrid Lindgrens „Pippi Langstrumf, Eric Carles „Die kleine Raupe Nimmersatt“, Janoschs Tigerente, Lummerland, Panama – sie alle überdauern die Generationen. Und die Nostalgie lässt die heutige Elterngeneration auf Geschichten zurückgreifen, die sie früher selbst gern erzählt bekommen haben. So auch auf Otfried Preußlers „Der Räuber Hotzenplotz“.
Ach, er ist schon ein rechter Schurke, dieser Räuber Hotzenplotz. Eine imposante Erscheinung mit dem struppigen schwarzen Bart, der schrecklichen Hakennase und dem Schlapphut mit der krummen Feder. In seinem breiten Ledergürtel stecken wohlgemerkt gleich sieben Messer und ein Säbel. Und in der Hand hält er eine Pfefferpistole, mit der er unverfroren Kasperls Großmutter überfällt. Dabei wollte die doch eigentlich nur ein wenig Kaffee mahlen, mit der neuen Mühle.
Millionen Kinder kennen diese Szene. Sie lieben und fürchten das Spiel Gut gegen Böse, Räuber gegen Gendarm, das sich auf den folgenden Seiten entspinnt. So raubt der Räuber Hotzenplotz nicht nur Omas Kaffeemühle, er entführt auch Kasperl und Seppel und macht Geschäfte mit dem zwielichtigen Zauberer Zeprodilius Wackelzahn, Verzeihung, Spektrofilius Zaschelschwan, Verzeihung Petrosilius Zwackelmann! Ein Schatz wird vergraben, Hüte werden getauscht und es gibt jede Menge Pflaumenkuchen mit Schlagsahne.
Seit nunmehr 50 Jahren führt der schimpfende, fluchende, grunzende und rülpsende Räuber Hotzenplotz sein eigenes Leben, das sagt zumindest Otfried Preußler selbst. Die Zeit rauscht an ihm vorbei, ohne dass ihm dabei auch nur ein einziges graues Haar gewachsen wäre: Am 1. August 1962 erschien das Buch mit den Illustrationen von Franz Josef Tripp zum ersten Mal, zwei weitere Bände folgten und verkauften sich mittlerweile weltweit insgesamt über 7,5 Millionen Mal. Allein in Deutschland wandern jährlich 60.000 Exemplare über die Ladentheke, DVDs und Hörspiel nicht mitgerechnet. Und das alles nur, weil sich Otfried Preußler etwas ablenken wollte. Damals arbeitete er relativ erfolglos an einem ersten Entwurf für die für Preußler ungewöhnlich düstere Fabel des Jugendbuchs „Krabat“. Er suchte nach etwas heiterem, lieh sich den Namen eines kleinen mährischen Städtchens in Schlesien und taufte seinen Titelhelden „Hotzenplotz“.











