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Salon

Wie gewaltig ist der Glaube?Der Atheismus ist das wahre Christentum

Von René Aguigah18. September 2009
Schrift:
Hat Gott die Welt aus dem Nichts geschaffen? Entstand die Welt aus Liebe oder zum Ruhm ihres Schöpfers? Und was sollte das jeweils bedeuten? Eine Begegnung mit dem Straßburger Philosophen Jean-Luc Nancy
Seite 1 von 4

Ob er ein christlicher Philosoph sei? Jean-Luc Nancy lehnt sich zurück in seinem schwarzen Ledersessel, nimmt einen Schluck aus der kleinen Wasserflasche und lacht. Während seiner Studienzeit, Ende der fünfziger Jahre, habe man heftig über die Frage gestritten, ob es eine christliche Philosophie gebe, sagt er. Seine Meinung habe sich seit damals nicht geändert: «Wenn christlich sein – oder jüdisch oder muslimisch oder buddhistisch – die Unterwerfung des Denkens unter eine be­stimm­te Wahrheitsordnung bezeichnet, wenn christlich sein heißt: glauben, dass Gott die Welt geschaffen hat und so weiter, dann muss ich sagen: Nein, man kann nicht sowohl gläubiger Christ als auch Philosoph sein. Das ist absolut unmöglich. Das Denken beginnt damit, jede Unterwerfung unter eine derartige Gegebenheit zu verweigern.»

Nancy lacht, aber abwegig findet er die Frage nicht. Er wird schon öfter für einen verkappten Gläubigen gehal­ten worden sein. «Ich hatte schon immer die ‹Religion› im Kopf – der Bezug der Vernunft zu ihrer eigenen Überschreitung ist seit langem mein größtes Interesse.» Soeben hat er ein gutes Dutzend Essays zum Christentum veröffentlicht, unter dem Titel «La Déclosion», einem Neologis­mus, der etwa Ent-Schließung oder Öffnung bedeutet. Aber auch andere Bücher Nancys sind von christlichen Motiven durchzogen. Mal lässt er sich vom päpstlichen Segensspruch «Urbi et Orbi» in einen Text leiten (in «Die Erschaffung der Welt oder Die Globalisierung»), mal findet sich ein Kapitel zur Fleischwerdung (in «Corpus»), mal ein Kommentar zur Auferstehung (in «Noli me tangere»), und immer wieder dreht und wendet er den Begriff der «Schöpfung».

Schon als Kind war Nancy aktives Mitglied des «Mou­vement de jeunesse d’action catholique», einer linkskatholischen Jugendbewegung. Dominikaner und Jesuiten zählten zu den Erziehern, solide ausgebildete Theologen, die mit den Jungen intensive Bibelarbeit betrieben. «Ich war durchaus imprägniert von der christlichen Kultur. Aber alles, was mich damals in der Kirche interessierte, fiel zusammen mit sozialen und politischen Fragen. Als ich etwas über zwanzig war, bin ich aus der Kirche ausge­treten. Ich fand sie unnütz.»


Philosophieren aus dem Geiste des Jazz

Gläubiger Christ und selbständig denkender Philosoph sein, beides schließt einander aus, einerseits. Andererseits, sagt er – und inzwischen ist das Lachen einem freundlichen, pädagogischen Ernst gewichen –, könne man unter «christlicher Philosophie» ja auch die Arbeit am Christentum verstehen. Dann holt er aus:

«Was heißt zum Beispiel der Satz, dass Gott die Welt erschaffen hat? Nach guter christlicher Lehre hat
Gott die Welt ex nihilo geschaffen. Was aber soll das bedeuten: ex nihilo? Wenn es bedeuten soll, dass Gott fähig ist, aus dem Nichts etwas zu machen, bliebe man in der Ordnung der gewöhnlichen Produktion, man hätte eine Materie, der man eine Form gäbe. Wenn man das Nichts aber wirklich ernst nimmt, wenn da keine Materie ist, der man eine Form geben könnte, stößt man auf den Sinn: den Sinn der Existenz der Welt. Man könnte mit Wittgen­stein sagen: Die Schöpfung bedeutet, dass die Welt existiert. Und warum existiert die Welt? Schafft Gott die Welt aus Liebe? Oder zu seinem eigenen Ruhm? Und was sollte das jeweils heißen? Das ist zunächst keine philosophische Angelegenheit, aber es wird zu einer, wenn man Folgendes versteht: Dass die Welt für nichts existiert, ist verbunden mit der Frage nach einem Ziel, nach der Teleologie. Dies Existieren-für-nichts ist Kontingenz: Jeder von uns und jede Realität der Welt ist kontingent, das heißt, es gibt keine Notwendigkeit. Aber was ist der Sinn der Kontingenz ohne Notwendigkeit? Ich glaube, das sind Fragen, die nicht anders bearbeitet werden können als im Kontakt zwischen dem Theologischen und dem Philosophischen.»

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