Eine Geschichte von Aufruhr und allmachtstrunkener Anarchie: Der Roadtrip zweier 16-Jähriger durch die USA lässt sich aus der Sicht von Sam und von Hailey lesen. Eine Gebrauchsanleitung für Mark Z. Danielewskis neuen Roman „Only Revolutions"
Es versteht sich durchaus nicht von selbst, dass sich für dramatische politische Umwälzungen das Wort «Revolution» durchgesetzt hat. Ursprünglich war der vom lateinischen Wort «revolutio» abgeleitete Begriff nämlich keineswegs mit dem Rollen von Köpfen, sondern mit dem Rotieren von Himmelskörpern verbunden. Der 45-jährige US-Schriftsteller Mark Z. Danielewski, der mit seinem Debüt, dem voluminösen Horror-Roman «House of Leaves» (2000), rasch zum Kult-Autor avancierte, hat in seinem zweiten Roman «Only Revolutions» die beiden Bedeutungskerne des Begriffs fusioniert. Das Werk – von Gerhard Falkner und Nora Matoczka fulminant ins Deutsche übertragen – ist ein Buch des Aufruhrs ebenso wie ein Buch der Drehungen. Und das darf man ruhig wortwörtlich verstehen.
«Only Revolutions» ist ein Solitär, man braucht das Buch nur in die Hand zu nehmen, um das zu bemerken. Die Vorder- und Rückseite weisen zwar unterschiedliche Abbildungen desselben Motivs auf (ein Highway im Niemandsland, einmal durch rötliche, einmal durch blaue Landschaft führend, einmal mit rotem, einmal mit blauem Federwölkchen-Himmel), aber die Beschriftung ist identisch: Autor, Titel, Strichcode, Übersetzer. Dreht man das Buch um seine y-Achse, steht es plötzlich auf dem Kopf; dreht man es um seine x-Achse, steht es wieder auf seinen Beinen, nur das Gewand hat sich geändert.
Schlägt man das Buch auf, wiederholt sich das Spiel mit Spiegelung und Variation: Das Vorsatzblatt ist einmal lindgrün und einmal beige, und wo die Seite vor dem ersten Text-Blatt einmal mit einem riesigen «S» bedruckt ist, ziert den Antipoden ein seitenfüllendes «H». Diese beiden Lettern stehen für die beiden Protagonisten dieses von beiden Seiten her lesbaren Buchs: Sam und Hailey.
«Only Revolutions» ist ein Werk der explodierenden Kontraste, das Anarchie und Anankasmus auf paradoxe Weise verschränkt. Es ist hyperrigide in seiner formalen – und das heißt hier nicht nur sprachlichen, sondern auch typografischen und layouterischen – Anlage, und handelt doch von nichts anderem als von Aufruhr und allmachtstrunkener Anarchie: von sehr viel Sex und ziemlich viel Drogen und davon, dass zwei ewig 16-Jährigen, eben Sam und Hailey, vermeintlich die Welt gehört, ja, dass sie selbst diese Welt sind.
Sechs Jahre lang hat Danielewski an diesem grandiosen Opus gearbeitet, hat von handschriftlichen Karteikarten bis zu avanciertesten Grafikprogrammen alle ihm zur Verfügung stehenden Aufschreibesysteme genutzt. Er hat den Computermonitor schließlich in Schaumstoffblöcke gepackt, um ihn auf den Kopf zu stellen, da die 180 Grad-Drehung kompletter Doppelseiten vom Grafikprogramm auf dem Bildschirm nicht dargestellt werden kann.
Ach ja, das wurde hier noch nicht erwähnt, sollte sich aber mittlerweile fast von selbst verstehen: Sams und Haileys Perspektive auf dieselbe Geschichte – eines, wie gesagt, von psychotropen Substanzen und Körpersäften gesättigten roadtrips durch die Vereinigten Staaten – sind gegenläufig zu lesen: Jede Doppelseite ist viergeteilt; über der x-Achse verläuft die eine Story von links nach rechts, die komplementäre, auf den Kopf gestellte, von rechts nach links; wobei sich auch noch die Schriftgröße kontinuierlich verändert, sprich: in Leserichtung kleiner wird. In der Mitte des Buches, selbstverständlich auf Seite 180/181, die naturgemäß der Hälfte einer 360-Grad-Drehung entspricht, sind die Schrifttypen exakt gleich groß.











