Mit seinem neuen Film „Cosmopolis“ wagt sich Robert Pattinson in die Abgründe der Finanzwelt vor. Cicero Online sprach mit dem Ex-Vampir über die Antriebslosigkeit seiner Generation, gespaltene Persönlichkeiten und Tortenattacken
Herr Pattinson, da verlässt Eric Packer einmal seinen
Nimbus, seine Limousine, und schon wird er mit einer Torte
attackiert. Gab es einen ähnlichen Moment in Ihrer
Karriere?
Komischerweise habe ich eine ähnliche Szene
in
„Wasser für die Elefanten“ gedreht. Aber sonst, nein, nicht
dass ich wüsste. Vielleicht in einem metaphorischen Sinne...
Keine aggressiven Paparazzi oder übereifrige
Fans?
Nein, das hat sich bisher noch niemand getraut.
Gott sei Dank, das hätte sonst ein böses Nachspiel gehabt.
Wie würden Sie Ihren Charakter im Film
beschreiben?
Eric Packer ist ein Mensch, der die
gesamte Welt sehr abstrakt betrachtet, sich selbst, seinen Körper,
seine Mitmenschen. Er trägt egomanische Züge und lebt in sein
tiefstes Inneres zurückgezogen, in einer Welt, in der die
eigentliche Realität nicht existiert. Im Laufe des Films versucht
er schließlich, die Kontrolle über seinen Körper, über sich selbst
zurückzuerlangen, bis er sie am Schluss vollständig aufgibt.
Was ist Ihnen von Eric Packer geblieben?
Es ist seltsam. Ich musste mir so viel Text merken und dachte,
diese Zeilen würden aus meinem Kopf verschwinden, sobald die
jeweilige Szene abgedreht ist. Doch die Wörter sind noch da; ich
kann das gesamte Skript immer noch auswendig. Das hört sich jetzt
bescheuert an, aber es gibt Momente am Tag, an denen ich DeLillos
Passagen zitiere, fehlerfrei. David (Cronenberg) sagt dann immer:
„Es ist wie die Bibel! Es gibt ein Zitat für jede Gelegenheit!“
Irgendwie sind DeLillos Worte immer noch mit mir verhaftet. Ihre
Bedeutung wird mir mehr und mehr bewusst. Besonders in der Szene
mit Samantha Morton, als wir uns über die Zukunft unterhalten, gibt
es Passagen, die mich regelrecht verfolgen.
Liegt das an DeLillos sehr starken lyrischen, poetischen
Wortgebilden?
Ja. Ich war zuerst unsicher, das Filmangebot anzunehmen, weil ich
dachte, es könnte extrem langweilig werden. Denn im Grunde geht es
in „Cosmopolis“ um Leute, die sich in einem Auto unterhalten –
ausschließlich. Man kann im Film leicht den Anschluss verpassen.
Entweder, du folgst DeLillos Worten die gesamte Zeit über, oder du
verlierst dich darin, ohne genau zu wissen, was eigentlich passiert
– dann bleiben dir lediglich ein paar schöne Bilder. David
(Cronenberg) hatte so viele seltsame Ideen, Dinge, die ich im
ersten Moment noch nicht wirklich verstand. Wenn du dich aber
darauf einlässt, siehst du das große Ganze! Ich habe den Film
mittlerweile drei Mal gesehen. Erst beim zweiten Mal konnte ich
mich wirklich ganz darauf einlassen und war einfach vollkommen
überwältigt.
Sie sagen, DeLillos Worte verfolgen Sie. Hat Ihnen der
Film etwas über das Leben, über unsere Zeit beigebracht, das Ihnen
vorher nicht bewusst war?
Über einige Dinge aus dem
aktuellen tagespolitischen Geschehen habe ich mir beim Drehen keine
Gedanken gemacht, wie beispielsweise die
Occupy-Wall-Street-Bewegung. Dann drehten wir die
Protest-Szene: 200 Statisten rüttelten an der Limousine, kletterten
auf das Dach und versuchten mit aller Gewalt, den Wagen umzukippen.
Wir saßen drin und konzentrierten uns auf unseren Dialog – und es
war so einfach das alles zu ignorieren! Du vergisst, dass da
draußen 200 Leute sind, die im Grunde gerade versuchen, dich
umzubringen. Das ist doch wahnsinnig! Jeden Tag verfolgen wir
ähnliche Szenen in der Wirklichkeit, vor dem Fernseher. Und du
musst ihn nur abschalten, schon vergisst du, was gerade draußen in
der Welt passiert. Mit Occupy kämpfen tausende Menschen für eine
Sache und all ihre Bemühungen haben absolut keine Auswirkungen auf
diejenigen, gegen die sich der Protest richtet. Das ist doch
irgendwie beängstigend.
Vor ein paar Jahren habe ich ein Buch über Sklaverei gelesen. Es wurde beschrieben, wie brutal die Sklavenhalter tagsüber zu ihren Sklaven waren und abends unterhielten sie sich dann über Theologie und Gott. Das zeigt doch, dass ein und derselbe Mensch in zwei vollkommen unterschiedlichen Realitäten leben kann. Als ich mich auf meine Rolle vorbereitete, schaute ich mir das Interview zwischen dem Serienmörder Jeffrey Dahmer und seinem Vater an. Das ist so tieftraurig. Wenn man sich dann Dahmers Taten vor Augen führt, fragt man sich, wie man mit so einer Kreatur überhaupt Mitleid haben kann. In solchen Momenten spaltet sich das eigene emotionale Befinden von der Lebensgeschichte, der Realität dieser Person.













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