Debattenstreit - Die neue deutsche Lust am Pranger

Kisslers Konter: Die Polemik in den gesellschaftlichen Debatten nimmt zu. Doch der öffentliche Pranger ist kein wirksames Gegeninstrument. Er führt zurück ins Mittelalter und verstärkt jenen Hass, den er austreiben will. So wächst der Gesinnungsdruck

Der Pranger erhält als Ehrenstrafgerät seine Renaissance
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Alexander Kissler ist Ressortleiter Salon beim Magazin Cicero. Er verfasste zahlreiche Sachbücher, u.a. „Dummgeglotzt. Wie das Fernsehen uns verblödet“, „Der aufgeklärte Gott. Wie die Religion zur Vernunft kam“ und „Keine Toleranz den Intoleranten. Warum der Westen seine Werte verteidigen muss“.

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Der Pranger ist ein nützlich‘ Ding. Er sorgt für Orientierung, lässt keine Fragen offen und schweißt die Gemeinschaft zusammen. Ist es da ein Wunder, dass er nun auch an der Berliner „Schaubühne“ steht, so wie er zuvor in Redaktionsstuben stand und im Internet und in Buchhandlungen, und dass nach ihm ein Gewerkschaftsführer rief?

Pranger muss sein: Auf diesen Grundsatz kann man sich im 21. Jahrhundert einigen. Nur vom Pranger soll jene zivilisierende Wirkung ausgehen, die Hass in Friedfertigkeit verwandelt. Und leben wir nicht wirklich in einer Welt des explodierenden Hasses? Tut der Pranger für die Hassenden und Hetzenden nicht Not?

Das „Lexikon des Mittelalters“ belehrt uns: Der Pranger war „seit dem 13. Jahrhundert als Ehrenstrafgerät weit verbreitet“ und bestand in der Regel aus einer „Säule mit Eisenspange“. Er wurde bei „Gefährdung der Ordnung“ eingesetzt, etwa durch Sittlichkeits- und Fälschungsdelikte oder Fluchen, bewirkte „den Verlust der Ehre und damit der bürgerlichen Existenz“ und hatte eine das Volk abschreckende Wirkung.

Vermeintlich gerechte Strafe für den Hass


Darauf mag die Berliner „Schaubühne“ hoffen, die in einer szenischen Revue, wie es am Abend im Theater heißt, allerlei „hässliche hassende Frauen“ an den Pranger stellt. Bilder werden gezeigt und Texte verlesen der Publizistinnen Birgit Kelle, Gabriele Kuby, Bettina Röhl, der AfD-Politikerinnen Beatrix von Storch und Frauke Petry, der NSU-Angeklagten Beate Zschäpe. So entsteht eine ebenso misogyne wie disparate Mixtur, die den diesen Frauen unterstellten Hass mit Bühnenhass beantwortet. Die Kritik sah eine „Hexenjagd“, die Frauen als „Führerinnen allen Übels“ auf das Schafott schubse. Ein bürgerliches Publikum dürfe seinem „Hass auf die minderbemittelten, fetten, hässlichen Nazi-Trottel freien Lauf lassen“.

Der Schandpfahl funktioniert, denn es ist immer die Schande der anderen, ist die vermeintlich gerechte Strafe für deren Hass. Der eigene Hass, der vielleicht nur einer abweichenden Meinung gilt, einer Gegenpolemik, drapiert sich als aufklärerische Leistung und ist um keinen Deut besser. Die Pathologisierung des Abweichenden als Phobie oder Hass triumphiert auch dort, wo arbeitsrechtliche Konsequenzen angedroht werden für „Hetze“, getreu dem Motto „wer hetzt, fliegt“. Mit dieser Forderung errang ein IG-Metall-Funktionär rasch Bekanntheit. Natürlich: Wer zu Straftaten aufruft, muss die Härte des Gesetzes und des Rechtsstaats spüren, keine Toleranz darf den Intoleranten gelten. „Hetze“ aber ist ein schwammiger Begriff und verlangt nach einer Instanz, die über den hetzerischen Charakter einer Aussage befindet. Ein Gewerkschaftsfunktionär dürfte sich hierzu ebenso wenig aufschwingen wie ein Politiker. Sonst wird der „Hetze“-Vorwurf zum billigen Prangerinstrument, um Querköpfe, Eigenbrötler, Staatsskeptiker und Regierungskritiker mundtot zu machen.

Die Guten erheben sich über die minder Guten


Auch Journalisten sollten nicht von Prangergelüsten getrieben sein. Wenn die „Bild“-Zeitung erklärt, „Wir stellen die Hetzer an den Pranger!“ und mit vollem Namen Facebook-Einträge abdruckt, auf denen derbe, drastisch gegen Flüchtlinge und Asylbewerber gewettert und mitunter zu strafbaren Handlungen ermuntert wird – dann wiegt die eine Hetze die andere Hetze nicht unbedingt auf. Journalisten sind keine Staatsanwälte, keine Richter in Wartestellung und sollten sich diesen Rollentausch nicht anmaßen. Und ist es ein vitales Zeichen der Zivilgesellschaft, wenn die Bücher des pöbelnden „Pegida“-Redners Akif Pirinçci faktisch aus dem Buchhandel verschwinden, oder eher ein „Rückfall des deutschen Buchhandels in die Barbarei“, soziale Ächtung auch dort? Eine Satire-Aktion unter dem Titel „My Pranger“ wurde bezeichnenderweise nicht sofort und nicht von allen als Satire durchschaut.

Mit dem Pranger kehrt zurück, was sonst viel zu leichtfertig herbeischwadroniert wird: das Mittelalter. Es erheben sich öffentlich die Guten, die identisch sind mit den Herrschenden, über die minder Guten, um diese auszugemeinden. Heute ist jedoch die Gesellschaft längst nicht so hierarchisch verfasst wie im Mittelalter. Der einzelne Pranger hat an Macht verloren, weil es die von der ganzen Stadtgemeinschaft „vielbesuchten Orte und Zeiten“ – so abermals das „Lexikon des Mittelalters“ – nicht mehr gibt. Wer den Pranger dennoch errichtet, der fremdelt mit der Moderne mehr als jene Menschen, die er an den Pranger stellt. Vorgestrige sind es im geborgten Kleid der Avantgarde.

Foto: tuxbrother/Flickr, unter Creative Commons lizenziert

 

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