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Salon
Netzkultur

Von Trollen, Shitstorms und Knallchargen

von 
Christian Jakubetz
7. Februar 2012
picture alliance
Computer, Laptops, digitale Kluft, Internet
Das digitale Leben verläuft irritierend anders als das analoge

Wenn die Netzgemeinde und die analoge Welt aufeinanderprallen, geht das selten gut aus. Die Debatten schaukeln sich schnell hoch zu Kaskaden, die vor allem eines belegen: Das mit den „digital natives“ und ihren analogen Gegenübern, das wird in diesem Leben nichts mehr

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So weit ist es also schon, dass diesem Begriff bei „Wikipedia“ ein eigener Eintrag gewidmet wird: Ein „Shitstorm“ ist demnach ein Netz-Phänomen, das sich vor allem dadurch auszeichnet, „aggressiv, beleidigend, bedrohend oder anders attackierend“ gegen Personen oder Konzerne gerichtet zu wüten.

Setzt man voraus, dass diese Definition richtig ist, dann kann man es Shitstorm nennen, was in der vergangenen Woche auf einen Abgeordneten namens Ansgar Heveling niederging. Heveling hatte im „Handelsblatt“ einen Text  als „Gastkommentar“ publiziert, den man auch einfach dem Vergessen hätte übereignen können. Im Wesentlichen vertrat Heveling die Auffassung, dass sich diese ganze Geschichte mit dem Netz bald wieder erledigt habe. Man darf das natürlich glauben, weil man in einer offenen Gesellschaft und einer aufgeschlossenen Demokratie beinahe alles glauben darf.

Der Abgeordnete (bei dem schon kurz nach der Veröffentlichung des Textes der Hinweis nicht fehlen durfte, er sei „Hinterbänkler“) hatte allerdings neben einer reichlich kruden Nicht-Argumentation einen Tonfall gewählt, bei dem nicht sehr viel anderes übrig blieb, als ihn als Provokation zu verstehen; vermutlich war das auch so gemeint. Heveling prophezeite der „lieben Netzgemeinde“, sie werde den Kampf, welchen auch immer, verlieren. Kurz darauf war Heveling bei der von ihm freundlich bedachten Netzgemeinde für wenigstens einen Tag lang Gesprächsthema Nummer eins. Bei „Twitter“ hatten Heveling-Witze Hochkonjunktur, andere kaperten mal eben seine Webseite und posteten etwa seinen fiktiven Austritt aus seiner Partei. Und bei Facebook sammelte Heveling 4.000 „Empfehlungen“ ein, was angesichts der brachialen Reaktionen ein schöner sprachlicher Euphemismus ist.

Das ist eine ziemlich erstaunliche Reaktion auf jemanden, der argumentativ eher flachbrüstig daherkommt. Und auf jemanden, bei dem man nicht müde wurde zu betonen, er sei doch „Hinterbänkler“. Warum also dann diese Aufregung, wenn ein „Hinterbänkler“ einen Text schreibt, den man bestenfalls als belanglos bezeichnen kann? Man hätte es sich ja schließlich leicht machen können: „Don´t feed the troll“ ist schließlich einer der ersten ehernen Regeln, die der „digital native“ mit ins Leben bekommt. Auf Deutsch heißt diese kluge Empfehlung: Lass dich nicht provozieren, gib dem Troll, der es auf Eskalation abgesehen hat, nicht auch noch Nahrung.

An diese Regelung hielt sich nur eine Minderheit, was auf der Gegenseite, beispielsweise bei der durchaus eher analogen FAZ, zu der Auffassung führte, man habe sich ja gleich gedacht, dass die „Netzgemeinde“ so reagieren würde. Der Autor Michael Hanfeld warf Protagonisten wie Mario Sixtus und Thomas Knüwer noch ein halb-verächtliches „Knallchargen“ hinterher und reagierte damit nebenher auch noch ungefähr genau so, wie man sich das vorgestellt hatte.

Auch das ist ja so ein Phänomen dieser Debatten über den digitalen Graben hinweg: Sie enden selten, ohne persönlich zu werden. Lauter Knallchargen und Dummköpfe unterwegs, wenn man das richtig versteht. Zumindest für Kampfrhetorik wie die von Heveling gibt es plausible Erklärungen, die sogar einfach und nachvollziehbar sind. Der Blogger Sascha Lobo hat vergangene Woche die latenten Ängste der analogen Welt auf den Punkt gebracht: „Das Netz nimmt uns etwas Wesentliches weg, und die Netzleute lachen auch noch darüber und denken sich Ideologien aus, warum sie eigentlich Recht haben.“

Seite 2: Heveling bekommt Schimpfe aus der eigenen Partei

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"Die Angst vorm Netz ist nicht völlig unberechtigt"

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"Andere haben nicht mal ein Konzept"

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Chaos und Ordnung

Ausgangspunkt ist das „digitale Netz“, als vorgegebene technisch strukturelle Seite - vom US-amerikanischen Militär erfunden.
Ich würde die Protagonisten polemisch nach ihrem Gesellschaftsbild befragen. Hat sich die Gesellschaft nicht aufgelöst in einzelne Gruppen mit verschiedenen Lebensstilen, die sich immer weiter ausdifferenzieren? Nicht Integration sondern Eigenständigkeit ist gefragt. Das unstillbare Verlangen nach unverwechselbaren Eigen-Leben, so aufgeklärt-zeitgenössisch bis avantgardistisch sich das auch alles gibt. Das was wir in den Stadtteilen der deutschen Groß-Städte an Verhältnissen beobachten und wahrnehmen können, scheinen wir auch im „digitalen Netz“ wiederzufinden. Auch dort gibt es nicht willkürlich beeinflussbare „kreative Zustände“, die wir aushalten müssen. Staatliche Autorität sollte nicht sofort regulierend und ordnend eingreifen, jedoch ist der digitale Raum auch kein rechtsfreier Raum. Wenn wir uns jedoch ein völlig dereguliertes Modell vorstellen, würden wir Entwicklungen erleben, die kommunikativ nicht mehr zu genießen sind. Und darum geht es doch auch.

  • Antworten
Bernhard07.02.2012 | 11:34 Uhr

Digital Natives

Vielleicht braucht man nur noch ein bißchen Geduld, dann hat sich das alles erledigt mit dem Streit zwischen den Digital Natives und dem Rest. Denn wer kann sich noch an die Einwände gegen die Mobiltelefone erinnern, bei denen auch der Untergang des Abendlandes beschworen wurde? Immer und überall kann man jetzt telefonieren, Kurznachrichten absetzen, und kurzfristig auch Termine absagen. Wer verweigert sich dem noch? Nur wenige, und die geraten mittlerweile in Erklärungsnot, warum sie kein Handy haben und nicht erreichbar sind. Macht es für ein Telefonat einen Unterschied, ob es mobil geführt wurde oder über das Festnetz? Da ist mittlerweile eine Empörungswelle versandet, die es auch in sich hatte.

Das Internet hat natürlich weiter reichende Folgen als das mobile Telefonieren, aber die weitere Gewöhnung wird in Zukunft die Aufregung dämpfen. Bis dahin muß man allerdings schauen, daß Typen wie Ansgar Heveling das Internet nicht zu einem Nachfolger von Compuserve, AOL oder einem iPhone-Account machen, bei dem alles reguliert ist, niemand anonym agieren kann und die Gestaltung der Inhalte genehmigungspflichtig wird.

Dieter

  • Antworten
Dieter W.07.02.2012 | 23:00 Uhr

Ich verstehe das Problem nicht ...

die Kommunikation im Internet basiert auf einer Mischung aus Freiheit, Anarchie, privater Willkür und basisdemokratischer Selbstregulierung. Durch den Erfolg familientauglicher Plattformen wie Facebook, Google+ etc. hat der Mainstream ein sicheres Fahrwasser in dem er sich tummeln kann. Alles unterliegt dem freien Wettbewerb um User, die mit jeder An- oder Abmeldung selbst entscheiden was wächst oder schrumpft. Außenseiter, die technik- und freiheitsfeindliche Vorurteile bedienen wollen um sich politisch aufzuwerten, dienen dem Abbau von Affekten überwiegend jugendlicher Surfer, die sich mal so richtig abreagieren können. Es ist also alles in bester Ordnung. Schließlich sinkt die Rate der Analphabeten, die über keinerlei Kenntnisse irgendeiner Programmiersprache verfügen permanent. Es ist klar wer sich durchsetzen wird. Die Menscheit hat sich seit Übergang von der Steintafel zum Papyrus immer für den Fortschritt entschieden. Auch der Buchdruck hat im Endeffekt zu einer Demokratisierung der Gesellschaft und zu einer Nivellierung von Machtgefällen geführt. Ähnlich ist es auch mit dem Internet.

  • Antworten
Christoph Kuhlmann08.02.2012 | 10:20 Uhr

Das langsame aussterben der analogen Welt

Ein schöner Artikel, der sicherlich in weiten Teilen recht hat, aber nicht einsehen möchte, dass die analoge Welt in einigen Bereichen zum Aussterben verdammt ist.
Moralisch ist dies zu bedauern, aber dennoch eine Notwendigkeit für den nächsten logischen Schritt. Schon heute trennen sich nicht nur der Musik- und Filmindustrie langsam in ihre Bestandteile, auch kleine regionale Einzelhändler müssen sich auf einmal den Preisvergleich mit Ama... und Co gefallen lassen. Hinzu kommt, dass es tatsächlich noch ein paar Geschäfte geben soll, die keine eigene Homepage haben und somit kaum noch eine Verbindung zur digitalen Bevölkerung finden.

mfG

Marc

  • Antworten
Marc Nemitz08.02.2012 | 10:39 Uhr

Distinktionsgewinne

Trotz interessanter Ansätze greift der Beitrag zu kurz: Die künstliche Polarisierung zwischen "Digital natives" und "Analogwelt" ist Bestandteil der Sprachspiele, die beiden Seiten ihre Existenzberechtigung sichert. Die digitale Avantgarde (mit den üblichen Verdächtigen) saugt aus diesem Konflikt Distinktionsgewinne, während Politiker Sorgen von zumeist ahnungslosen, aber immerhin potentiellen Wählern versuchen zu artikulieren. Die grassierende Humorlosigkeit der selbsternannten Avantgarde spricht Bände. Merkwürdig nur, dass inzwischen Hackerangriffe auf Webseiten inkriminierter Personen als Kavaliersdelikt gelten. Der analoge Spießer verschickte seinerzeit noch aufgesammelten Hundekot.

Vielleicht wird die eitle Eigenwerbung ja nicht entfernt: Zum Begriff des "Hinterbänklers" und dem damit verbundenen Demokratieverständnis habe ich mir vor kurzem ein paar Bemerkungen erlaubt: http://www.begleitschreiben.net/euphemismen-in-der-politik-iv-der-hinterbaenkler/

  • Antworten
Gregor Keuschnig08.02.2012 | 12:38 Uhr

Ausnahmsweise

Aber nur Ausnahmsweise :-) - und weil es ein lustiger Beitrag ist.

  • Antworten
Woody Mues08.02.2012 | 13:13 Uhr

Programmiersprachen?

@Christoph Kuhlmann:

"Schließlich sinkt die Rate der Analphabeten, die über keinerlei Kenntnisse irgendeiner Programmiersprache verfügen permanent."

Ich bezweifele, dass die aktive Teilnahme am Internet Kenntnisse von Programmiersprachen erfordert - heute noch weniger als in der Pionierzeit in den 90ern. Das vielgehypte "Web 2.0" wurde ja erst durch die intuitiv bedienbaren Content-Managementsysteme wie Joomla, Drupal oder Wordpress möglich - vorher musste man mindestens HTML beherrschen, wenn es einigermaßen originell aussehen sollte auch CSS, und dynamische Inhalte erforderten dann schon PHP oder wenigstens Javascript. Dank Content-Managementsystemen heute alles nicht mehr zwingend notwendig...

  • Antworten
Jörg "Yadgar" Bleimann22.02.2012 | 22:13 Uhr

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