Einnehmende Stimmen, einzigartiger Atem und lange nachklingende Gefühle von tiefer Melancholie und poetischer Schönheit: David Foster Wallace, Max Frisch und W. G. Sebald in neuen Hörbüchern
Im Jahr 2005 tritt ein ernster Dichter vor das festlich gestimmte Publikum einer Examensfeier und formuliert eine intellektuelle Ethik – nicht eine «Moral», sondern eine geschärfte Beobachtung im Hinblick auf die Zumutungen der Routine und eine Selbstkritik der eigenen Voraussetzungen. Ja, wenn man jungen Leuten überhaupt etwas «auf den Weg geben kann», dann ist es diese Kritik des eigenen Milieus, seiner Gemeinplätze, und die Aufforderung zur Wertschätzung anderer; als Aufzeichnung ist dies ein einzigartiges Tondokument. Denn von einem Festredner, der sich breit macht, hat Wallace so gar nichts. Wie durch einen schrecklichen Zufall vielmehr scheint er hinter dem Rednerpult abgesetzt, fast, als befände er sich auf der Flucht – und gewönne genau dadurch seine eindrucksvolle, dringliche Sprache. Merkwürdig ist dabei aber das auf Pointen erpichte Publikum. Gibt es falsches Gelächter, das Zustimmung signalisiert, wo doch eigentlich Befremden ausgelöst werden sollte? Die Wahrheit dieser Rede wird durch ihr offenkundiges Missverstehen beglaubigt.
Auch Max Frischs «Montauk» ist ja immer wieder intellektuelle Redlichkeit attestiert worden – mit Montaigne als Motto, ein inzwischen klassisches Stück selbstkritischer Bekenntnisliteratur. In Ueli Jäggi hat Frisch nun einen kongenialen stimmlichen Wiedergänger gefunden. Brillant, wie Jäggi seinen Helden einfühlsam in seiner alterstraurigen Selbstprüfung nuanciert. Jedoch: Warum nur entfernt sich dieses Hörspiel mit all seiner spürbaren Könnerschaft so weit von uns? Liegt es am Zuviel? Am imitatorischen Gestus? Manchmal sah ich ein altersweises, trauriges Reptil vor mir, das ein anderes trauriges, altersweises Reptil nachspielt, und war, nachdem ich mich am Schillern der vielen grauen Farben sattgesehen hatte, leicht ermüdet.
Nicht wenige Leser werden Sebalds Roman «Austerlitz» mit einem lange nachklingenden Gefühl von tiefer Melancholie und der Berückung durch die große poetische Schönheit dieses Textes verlassen haben – den einzigartigen Atem der Prosa, deren sicherer Rhythmus in verstörendem Kontrast zu der Geschichte eines Identitätsverlusts durch den Holocaust steht. Man nimmt das Hörspiel zur Hand und erschrickt: 82 Minuten? Wo doch das Original 421 Seiten hat?! Das Hörspiel ist eine konzentrierte Erinnerung an den Roman. Aus dessen reichem Gewebe von Orten, Requisiten und Bildern sind die wesentlichen Stationen der Erzählung herausgefiltert und ergeben einen Dialog von Austerlitz und seinem Erzähler.
Hier ist besonders Ernst Jacobi als Sprecher des Austerlitz hervorzuheben: Wie Gefühl ausgedrückt wird, ohne ins Sentimentale abzugleiten, dass Reflektion das Ergebnis einer nicht vergessenen Verletzung sein kann, wie der große Graben einer abgerissenen Biographie nicht zugeschüttet, aber staunend-mühsam überbrückt wird, dies alles verkörpert Jacobi mit seiner leicht brüchigen, präzisen, die Distanz niemals einebnenden Stimme. Gegen Ende stoßen wir auf eine kleine, wehmütig umrandete Insel, auf der das Verlorene leuchtet: Das ist die Wiederbegegnung von Austerlitz mit seinem inzwischen sehr alt gewordenen Kindermädchen Agata, gespielt von Rosemarie Fendel. Auch diese Passage macht «Austerlitz» schon jetzt zu einem der schönsten Hörbücher des Jahres 2012.
David Foster Wallace: This is Water/Das ist hier Wasser, Tacheles, Bochum 2012., 1 CD, 49 Min., 14,95 €
Max Frisch: Montauk, Osterwold Audio, Hamburg 2012., 2 CDs, 165 Min., 14,99 €
W.G. Sebald: Austerlitz, Der Hörverlag, München 2012., 1 CD 82 Min., 14,99 €











