Dating-Selbstversuch

Die perfekte Frau? Hauptsache nackt!

Was Männer wollen: Für ein Buchprojekt hat Gastautorin Alexandra Kilian rund 100 Männer über Kontaktanzeigen angeschrieben, 40 davon getroffen – und nach Vorstellungen von der perfekten Frau geforscht

Wann (oder: in welchem Zustand) entspricht eine Frau dem Ideal?
Grassi Museum Leipzig/picture alliance

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Alexandra Kilian arbeitet als Redakteurin für Stadtleben, Stil und Reportage bei der Berliner Morgenpost, Welt und Welt am Sonntag. Vergangenes Jahr ist ihr Buch „Mann mit Grill sucht Frau mit Kohle“ mit Co-Autor Milosz Matuschek erschienen

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Komm nackt, bring Bier mit. Es ist ja bekanntlich die Geste, die zählt. Und wenn das Argument nicht überzeugt, macht‘s zumindest das Bier. Da braucht es dann nicht mal die Kombination. Es kann so einfach sein. Laut Postkartenmotiv zumindest. Aber, ganz so leicht ist es dann doch nicht. Obwohl mir nach wie vor der Satz „Du bist die perfekte Frau“ im Ohr klingt, den ein Bekannter mir mal - leider staunend – entgegenwarf. Als ich ihm erzählte, dass ich gern Mandelhörnchen backe. Nackt.

Schade, dass er erst in diesem Moment auf den Gedanken kam, ich könnte so verkehrt nicht sein.

Als der Piper-Verlag anfragte, ob ich mir für ein Buchprojekt vorstellen könnte, mich durch Kontaktanzeigen und Dating-Portale zu wühlen, sagte ich sofort nein. Zuerst. Wie unromantisch, dachte ich. War ich doch nach wie vor der Überzeugung, den Richtigen auf ganz natürlichem Weg finden zu können. Irgendwann halt. Musste ja nicht jetzt sein. Und die sechs Jahre Abstinenz zuvor, das war ja sowas von selbst gewollt. Doof, dass man sich das nur bedingt einreden kann. Irgendwas schien wohl doch nicht mit mir zu stimmen.

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Der erste große Test, ob ich dem Ideal der perfekten Frau entspreche, wartete auf mich in der Lobby des Kempinski am Kudamm in Berlin. In Form von Tweed-Kostüm und Goldohrringbehang. Hinter der Anzeige des „Traummannes in Spitzenposition, aus renommierter Akademiker-Familie stammend, 38, 1,92 m, ein begehrter junger Mann“ steckte die Chefin einer Partnervermittlungsagentur.  Sie begrüßte mich mit einem sahnigen „Wie schön, dass es geklappt hat“ im Flötenton. Nachdem die ersten Floskeln ausgetauscht waren, wollte sie mehr von mir wissen. Und kaum hatte ich begonnen, dieser Fremden mein Innerstes auszubreiten, schon zückte sie ihren Platin-Kuli und schrieb fleißig mit. Zwischendurch hob sie immer wieder ihren Kopf und sagte Dinge wie „Aber Sie sind doch bestimmt auch romantisch“ oder „Und neben der Oper mögen Sie doch sicher auch Kunst, oder?!“.

Und noch während ich zwanghaft kulturell ermahnt antwortete, setzte sie fleißig ein Häkchen nach dem anderen auf ihr Papier. So entstand innerhalb von vielleicht zehn Minuten ein Bild von mir, das die Agenturchefin als „Exposé“ bezeichnete. Das kannte ich vorher zwar nur von der Wohnungssuche, aber gut. Von der vermeintlich perfekten Frau für ihre Kunden, dem Italiener aus Luzern, mit dem breitesten Lächeln, das sie je gesehen habe, oder dem Professor aus München, der zwar etwas älter sei, aber verdammt intelligent, war ich dann doch 1.500 Euro entfernt. So viel kostete der Vertrag, den sie mir für das Vermitteln des Traummannes anbot. 

Günstiger schien die Suche über das Internet. Test 2. Doch: Ein Blick auf eines der Online-Flirt-Portale – und ich entschied mich gegen die Online-Suche. Ziemlich abartig, wie das da abläuft. „Stimmungsindikator“, „Lieblingsmarken“, Ranglisten der „attraktivsten Mitglieder“ und „MatchClick-Wörter“. Fehlten nur noch Penisgröße und „So fotografiere ich mich am liebsten nackt“. Womit wir wieder beim Thema wären. Die Traumfrau mit gepimpten Fotos und gelogen geschönten Eigenschaften spielen wollte ich auch nicht. Also: Ran an die Realität. Test 3.

Bevor ich mich das erste Mal mit einem der Kontaktanzeigen-Männer auf einen Kaffee verabredete, bin ich fast durchgedreht. Vor Aufregung. Was ziehe ich an, wie trage ich die Haare, welches Parfüm, welche Schuhe, wie sage ich Hallo. Ätzend. Es gibt doch so viel Wichtigeres im Leben. Und sollte die perfekte Frau denn nicht sowieso mehr bieten, als das rein Äußere? Dennoch: Trotz Girlie- und Klischeefrauen-Verachtung packte das Prä-Dating-Syndrom auch mich.

Ich stand etwas früher als verabredet vor Fassbender & Rausch am Gendarmenmarkt und schaute nach „Lagerist Kim, 1,79 m, 35, Brille“. Ein potenzieller Kandidat stand schon da. Dunkelhaarig, besagte Brille, mit einem Jutebeutel in der Hand. Und der schaute mich auch leicht irritiert suchend an. Ich blieb stehen. Er auch. Er guckte weg. Und wieder hin. Und wieder weg. Dann – ging er. Hm. Das war natürlich weniger schön. Die perfekte Frau schien ich für ihn nicht gewesen zu sein. Das ganze Haare kämmen umsonst. Auch für Mathematiker „Markus, 1,98 Meter groß, 32, sportlich-kluger Mann“, der mir gegen Ende des ersten Treffens eröffnete, er leide noch zu sehr unter der Trennung von seiner Ex-Freundin, um mich noch mal zu treffen, schien ich nicht perfekt gewesen zu sein.

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Es gab jedoch auch Männer, die etwas mit mir anfangen konnten. Und wollten: „Jürgen, Kameramann, 36, 1,93 m“ brachte mich nach einem netten Gespräch mit Kaffee in eine Penthouse-Suite – in der gleich seine ganze Ausrüstung nebst Matratze auf mich wartete. Torsten, ein 38-jähriger Modevermarkter, suchte „eine Frau für das Parkett“ und „nur das Beste für sich“. Nach der Begrüßung im Café glänzte er mit intensiver Betrachtung meines Oberkörpers und: „Dich würde ich jetzt gern hier auf dem Tisch durchvögeln.“ „Unternehmensberater Friedrich, 28 Jahre, 194 cm“ schleppte mich auf eine Party mit seinesgleichen. Perlenohrring-Alarm und Manschettenknöpfe en masse. Die Männer begutachteten das Angebot an Frauen wie wahrscheinlich sonst die Unternehmensbilanz – und entschieden sich dann vor allem für ganz viel Alkohol. „Mein“ Unternehmensberater wechselte an dem Abend drei Sätze mit mir. Bis er schließlich im Vollsuff Vorwürfe stammelte, warum ich ihn nicht küssen wolle.

Was auch immer ich bei den einen richtig und bei den anderen falsch gemacht habe, bei meinen 40 Dates – ich weiß es nicht. Zumindest habe ich mich nicht hier so und hier anders gezeigt, meine ich. Der Traummann – oder für ihn die Traumfrau war jedenfalls nicht beim Buchprojekt dabei. Vielleicht hätte ich doch nackt kommen sollen.

Das ist natürlich nicht der ultimative und, zugegeben, ziemlich abgedroschene Tipp am Ende, wie die perfekte Frau zu sein hat. Zumindest nicht visuell. Sonst ist an dem „Nackt kommen“ nämlich doch etwas dran. Was gleich beiden Geschlechtern helfen kann zu sehen, ob das Gegenüber perfekt für ihn oder sie sein könnte. Sich die Möglichkeit zu geben, den perfekten Partner zu finden, kann man nur, wenn sich das Gegenüber ganz ehrlich, ganz authentisch zeigt. Ohne zu prahlen, zu übertreiben, zu spielen. Das zumindest habe ich bei der Recherche gelernt. Sich stets echt, offen, ehrlich zeigen. Erst dann kommt etwas, was ziemlich perfekt sein kann. Ganz nackt, sozusagen.

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