Tunguska, Sibirien, 1908: Ein gleißendes Licht, Bäume knicken um wie Streichhölzer. Für Michael Hampe eine Parabel: Was ist, so fragt er, die Natur?
„Tunguska oder das Ende der Natur“: ein Totengespräch. In seinen Einleitungen zu den vier Runden mit den Titeln 'Wasser', 'Erde', 'Feuer' und 'Luft' – die vier Elemente des Empedokles – bringt Michael Hampe sie eindrücklich zur Anschauung: die so gute und so böse und stets so gleichmütige Natur, auf und tief unter den Ozeanen, draußen in den Weiten des feurigen Alls, hautnah in allerhand verrauchten Lüften, grandios über der verfalteten Erdkruste Zentralasiens. So vieles auch, was da kreucht und fleucht. Dem „Ende der Natur“ nähert er sich mit Personal, dem es an Autorität nicht fehlt. In Hampes vorangegangenem Buch über das Glück waren es sieben Autoren, sechs davon fiktiv. Von diesem Autor und der Polyphonie seiner Ensembles dürfen wir noch viel erwarten. Diesmal genügen ihm vier Mann.
BLACKFOOT: Alfred North Whitehead (1861-1947), Mathematiker – und Naturphilosoph eigenwilliger Prägung; BORDMANN: Adolf Portmann (1897-1982), Zoologe und Entwicklungsbiologe – und Philosoph des Lebens; TSCHERENKOV: Pawel Alexejewitsch Tscherenkow (1904-1990), Teilchenphysiker – und Philosoph der physikalischen Materie; FEIERABENT: Paul Feyerabend (1924-1994), Philosoph von allem – auch Physiker. „BORDMANN. Wo sind wir?“ Im Liegestuhl auf der heruntergelassenen Laderampe eines Kühlcontainerfrachters im Nordmeer. Wie das? „BLACKFOOT. Wahrscheinlich eine Bombe.“ Aber: „FEIERABENT. Immerhin können wir reden.“
Im Jahr 2011 – oder danach? – reden sie vom Tunguska-Ereignis, zu dessen entferntem Augenzeugen Tscherenkovs Onkel am früh„“en Morgen des 30. Juni 1908 geworden war. In der westsibirischen Region Krasnojarsk wurden bei einer oder mehreren Explosionen auf einem dünnbesiedelten Gebiet von 2000 Quadratkilometern 60 Millionen Bäume wie Streichhölzer umgeknickt. Aus einer Entfernung von 500 Kilometern war bei Tageslicht ein gleißender Lichtschein zu sehen, Beobachtungen näher beim Epizentrum wurden keine festgehalten. Von dem als Ursache vermuteten Meteoriten fehlen Nachweise. Die Explosion eines großen Methangas-Depots? Oder am Ende gar kein Naturereignis? Ein Einzelereignis allemal und eine Parabel ganz im Sinn von Hampes Anliegen.
Auf zahlreichen Forschungsgebieten, nicht nur in „Wissenschaften“ wie denen von Ökonomen oder Politologen, auch in der Evolutionsbiologie, der Meteorologie und Klimatologie, der Geologie und Vulkanologie, der Medizin, der Psychologie, nicht einmal die Letztere ganz unnatürlich, war das Einzelereignis in seiner unendlichen Komplexität die wegweisende Entdeckung der letzten dreißig Jahre. Wohl dürfte kaum eines davon gegen die Naturgesetze der Wissenschaft verstoßen (Hampe hat auch „Eine kleine Geschichte des Naturgesetzbegriffs“ geschrieben), doch aus ihnen ableitbar ist keines. Die Philosophie, wie Hampe sie im wissenschaftlich-technischen Umfeld der ETH Zürich lehrt, stößt unerschrocken nach, und das Tunguska-Rätsel, bis heute ungeklärt, erhebt sich in Hampes Quartett sogleich als die Frage, was die Natur im Ganzen sei.
Unsere abendländische Kultur stand 'der Natur' in zweierlei Haltungen gegenüber: auf der einen Seite der Münze als auszubeutendem Rohstoff, auf deren anderer Seite als lebensspendendem und daher schützenswertem Vermächtnis. In beiden Fällen aber als einer von uns abgegrenzten Objektivität, deren Teil doch zugleich mit unserem Denken und Handeln auch wir selbst sind – jedenfalls soweit wir „in der Welt vorkommen“, ein von Hampe keineswegs geringgeschätzter Umstand (und Ausdruck dafür).
Haben Hampes Gewährsmänner sich auf ihr Wechselgebrumm erst eingestimmt, bei aller sarkastischen Tönung eine heitere und glasklare Kammermusik, bleibt die Lektion nachdrücklich dieselbe: dass nämlich ihre Erörterungen auf Schritt und Tritt, wie Hampe sagt, „den Bereich des Natürlichen über das wissenschaftlich Feststellbare hinaus ausdehnen“ müssen. Chimären gebar schon die – Hampe nennt sie sokratische – Spaltung der Welt in einen Gegenstandsbereich deskriptiver wertfreier Beschreibung und eine alltagsweltliche Ordnung des Wollens, Sollens, Tuns und Leidens, die normativen Regeln unterliegt. Mit ihren Modellen wiederholbarer, unter experimentellen Bedingungen kontrollierbarer Prozesse konstruierten fortan unsere überkommenen Naturwissenschaften Abstraktionen und Fiktionen, die in der technischen Praxis recht nützlich sein mögen und uns zum Mond befördert haben. Einzelereignisse aber reißen ihre Grenzen ein und entziehen sich ihnen, demonstrieren, dass es deren Natur als eine und ganze nicht gibt.
Genau genommen schreitet derweil die Wirklichkeit ausschließlich in unwiederholbaren Einzelereignissen voran. Die Naturgeschichte selbst, der Weltenlauf seit dem Urknall, war und ist ein Einzelereignis, das ohne erkennbaren Grund ins Rollen kam und weiter neue Volten schlägt – für Hampe „ein Wunder“. Während also die Natur erst recht beginnen kann, gibt es für das Ganze, so viel mehr nebenbei, noch immer Namen. Kosmos etwa. Dieser endet mit Hampes schönem und wichtigem Buch nicht, sondern wird – nicht nur der Wissenskosmos – wieder einmal größer.









