Es gibt Tiere, die sind Tiere, und es gibt Tiere, die sind Menschen. Menschen sind alle Tiere, die zu anthropomorphen Gespenstern taugen. Seit Anbeginn der Zoologie wurden Tiere mit Menschenähnlichkeiten überschüttet, und dabei verwandelte sich Gottes Schöpfung in den Zoopark unserer animalischen Moralität, wo sich treue Hunde, stolze Pferde, mutige Löwen, schlaue Füchse, dumme Hühner tummelten. Eine der ältesten und abgründigsten Tiergeschichten dieser Art erzählt das Buch über die Vierfüßler in Plutarchs «Moralia». Es ist die Biografie des Schweins Gryllus. Ursprünglich zählte Gryllus zu den Gefährten des Odysseus, die auf der Irrfahrt von Troja auf der Insel Aia landeten und dort von der Hexe Kirke in Schweine verwandelt wurden. Als Mensch und Herr möchte Odysseus seinem Gefährten die Rückkehr ins Menschenfleisch ebnen, doch das Schwein will nicht. Gryllus hat nicht das geringste Interesse daran, wieder Menschengestalt anzunehmen. Er erklärt dem erstaunten Odysseus, dass seiner Erfahrung nach die animalische Vernunft der menschlichen weit überlegen ist: In der Tierwelt herrschen der wahre Frieden, die echte Liebe, der gesunde Verzehr. Tiere sind die wahren Menschen. Oder vielmehr sind sie die wahren Kinder. Die unwahren Kinder betrügen die Elternliebe dadurch, dass sie dauernd Kindlichkeitshäute abwerfen. Erst können sie noch nicht sprechen, dann können sie noch nicht schreiben, dann können sie noch keine Filme ab 18 sehen. Am Ende ist der Spuk des Nichtkönnens vorbei. Das Tier hingegen bewahrt seine kindliche Gestalt. Nie lernt es sprechen, nie lernt es schreiben, nie will es ins Kino. Am Ende fügt es sich stets widerspruchslos unter die Vormundschaft des Anderen. Noch in der Psychologie und Physiognomik des 18. Jahrhunderts galten Menschen mit hoher Löwenstirn als mutig oder solche mit spitzer Windhundnase als quick. Zugleich las man auf der Stirn der Hunde die Zeichen der Melancholie, und im Gebaren der Katze verbarg sich die höfische Schmeichelei. Das alles, wohlgemerkt, sagt sich von Tieren, die Menschen sind. Hingegen bleiben alle Tiere, die Unmenschen sind, darum Tiere, weil ihnen keine Menschenmaske passt. Dazu gehören die Wesen aus den fremden Elementen, Luft und Wasser und Feuer und aus der Tiefe der Erde: Würmer, Salamander, Fische, Fliegen geben unserer anthropomorphen Phantasie nichts zu tun. Nie wird ein Artenschutzgesetz der Fliege Zuflucht bieten. Seit 200 Jahren aber haben sich diese Dinge fundamental verändert. Das verdanken wir auch der Fotografie. Einst beruhten alle religiösen oder mythischen Verbote, Tiere zu töten, auf der ehrfürchtigen Vermutung latenter Menschengestalt. Die Fotografie aber hat dem Tier unsere Gestalt aufgenötigt und durchtränkt sie mit unseren Gefühlen. Aus jedem Tierbild springt ein Affekt. Noch im 19. Jahrhundert galt in französischen Schlachthöfen die Vorschrift, das Schlachtvieh an den Beinen aufzuhängen, damit die Verbindung zur natürlichen, nämlich magischen Gestalt abriss. Unsere Beziehung zum Tier ist nicht mehr magisch, sondern affektiv und technisch zugleich. Jedes fotografierte Tier liefert ein Vexierbild, denn es ist unser Doppel und industrielles Produkt: Seit Kameras die Tiere mit Blicken belehnen, wie es auch der Tierfotograf Steve Bloom tut, kennt Europa Vegetarier. Und seit Maschinen dem Metzger zur Hand sind, ersparen uns Fleischbrühwürfel den Gedanken an solche Blicke.
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Wir und das Tier
Das Tier als Mensch und Fleischbrühwürfel
von 15. September 2009
Manfred Schneider
Die Fotografie zieht den Tieren Masken über und gibt ihnen die Wildnis zurück
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