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 > Das rätselhafte Testament der Jacqueline Heusch

Salon
Erbschaft

Das rätselhafte Testament der Jacqueline Heusch

von 
Klaus-Peter Schmid
14. Juni 2011
Von Erbschaft und Schiffsbruch
Auch in Carl Sternheims Stück "Die Kassette" (1911) dreht sich alles um das liebe Erbe.

Die Geschichte des Dritten Reiches ist noch voll ungelöster Fälle. Zum Beispiel dem der Möchtegern-Schauspielerin Jacqueline Heusch und des Spions Herbert Ranft, die sich 1942 im von der Wehrmacht besetzten Paris begegneten, ein Millionenvermögen anhäuften und Schiffbruch erlitten.
 

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Im Februar 1984 treffen sich vier Männer vor einer versiegelten Wohnung im Haus Nummer 7 der Rue Cognacq-Jay im siebten Pariser Bezirk: ein Polizeibeamter, ein Notar, dazu ein Pastor und Daniel Groscolas, seit ein paar Wochen Generalsekretär des Deutsch-Französischen Jugendwerks. Groscolas ist aufgefordert worden, im Namen des Jugendwerks das Erbe einer im Alter von 66 Jahren verstorbenen alleinstehenden Frau namens ­Jacqueline Heusch entgegenzunehmen.

Niemand im Jugendwerk hat diesen Namen zuvor gehört. Der Notar, bei dem das Testament hinterlegt worden ist, hat die Erblasserin nicht persönlich gekannt. Hausbewohner berichten, ihre Nachbarin habe sehr zurückgezogen gelebt, kontaktscheu, allein. Niemand weiß etwas über Freunde oder Familie.

Das Testament, fünf in zierlicher Handschrift gefüllte Seiten, zählt Immobilien und Bankschließfächer mit Wertpapieren auf, Kunstwerke, Gold, Diamanten und Schmuck, kostbare Möbel und Bücher. Aber das Geheimnis wird nicht gelüftet: Warum ein Vermögen für die deutsch-französische Verständigung? Ein Brief an den Generalsekretär des Jugendwerks, von der Unbekannten in ihrer Wohnung hinterlassen, gibt wenigstens diesen Hinweis: „Nutzen Sie diese Hinterlassenschaft gut, sie soll die Freundschaft zwischen Frankreich und Deutschland fördern, damit niemand mehr die Qualen erleiden muss, die ich durchgestanden habe.“

Durchstandene Qualen? Für Jacqueline Heusch war das die kurze Zeit mit dem Deutschen Herbert Ranft. Nur gut zwei Jahre haben die beiden in dem von der deutschen Wehrmacht besetzten Paris zusammengelebt. Für beide war es die eine leidenschaftliche Beziehung. Und die Katastrophe ihres Lebens.

Die Liebesgeschichte beginnt im April 1942. Jacqueline ist 24 Jahre alt. Ihr Versuch, Schauspielerin zu werden, ist misslungen, sie braucht dringend eine feste Arbeitsstelle. Ein gewisser Herbert Ranft, so erfährt sie, sucht eine mehrsprachige Sekretärin, Schwerpunkt Deutsch-Französisch. Sie trifft ihn zu einem Vorstellungsgespräch. Später wird sie diese Begegnung so beschreiben: „Ich stehe einem großen, soliden Mann in den Vierzigern mit einem durchdringenden Blick aus blauen Augen gegenüber, er macht einen sehr reifen, verantwortungsbewussten Eindruck; er erklärt mir, er wolle ein Ingenieur- und Beratungsbüro aufmachen, sei Diplom-Ingenieur und brauche eine Fremdsprachensekretärin. Ich merke fast unmittelbar, dass er, obwohl er perfekt Französisch spricht, Deutscher ist.“

Na und, denkt die Französin, ihre Familie hat deutsche Wurzeln, sie spricht gut Deutsch und braucht dringend einen Job. Und dann passiert das, was die Franzosen einen „coup de foudre“ nennen, die große Liebe auf den ersten Blick: „Unvermittelt merke ich, dass mich dieser Mann sehr anzieht und dass ich auf dem besten Weg bin, mich in ihn zu verlieben. So wie mir das nie zuvor passiert ist.“ Schnell wird die Sekretärin zu Ranfts Maitresse, das Paar zieht in ein luxuriöses Appartement nahe der Place de l’Etoile. Eine scheinbar perfekte deutsch-französische Beziehung.

Die alles andere als einfach ist. Die politische Situation ist kompliziert. Sie ist eine nicht sehr lebenstüchtige junge Frau, er ein um 16 Jahre älterer Draufgänger. Im November 1936 hat ihn ein Pariser Militärgericht wegen Spionage für die deutsche militärische Abwehr zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt. Und wer die Prozessakten studiert, kommt aus dem Staunen nicht heraus. Ranft lügt wie gedruckt, sein Lebenslauf ist eine einzige Hochstapelei – und die Richter merken es nicht. Er nennt sich Diplom-Ingenieur, hat aber lediglich eine Mechanikerlehre gemacht. Er behauptet, er sei vor der antisemitischen Verfolgung in Deutschland geflohen – dabei ist er gar kein Jude.

Warum er 1925 nach Frankreich kam, bleibt unklar. Er schlägt sich mit Jobs als Dreher, technischer Zeichner und Vertreter durch. Erwiesen ist, dass Ranft sich im Oktober 1935 von der Abwehr des Admirals Canaris als Spion engagieren lässt. Angeblich bei einem kurzen Aufenthalt in einem Berliner Obdachlosenasyl von einem gewissen Otto Suhr. Als er sich ein paar Wochen später mit (wenig geheimen) Dokumenten zu einem Treff nach Amsterdam aufmacht, wird er im Pariser Nordbahnhof von der Sicherheitspolizei verhaftet. Im Prozess hat er wenig zu seiner Verteidigung vorzubringen. Auch dass sein Pflichtverteidiger, Maître Albert Naud, einer der bekanntesten Anwälte jener Jahre ist, nützt ihm nichts. Ranft muss für zehn Jahre ins Gefängnis.

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