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RatgeberDas Leben, ein Minenfeld oder Lob der Tücke

Von René Aguigah6. Juli 2009
Schrift:
Adam Soboczynski schlägt nach in Baltasar Graciáns «Hand-Orakel» und gibt Ratschläge für die Gegenwart: Wie die nächste Gehaltsverhandlung bestreiten? Wie verliebte Frauen abwehren?
Seite 1 von 4

Wer auf der Suche nach einem Ratgeber durch die Buchhandlung streift, braucht in der Regel schon Rat, um überhaupt den richtigen zu finden. Nicht nur, dass sich um jeden beliebigen Lebensbereich – Beruf und Recht, Zeitmanagement und Kinder­erziehung, Gesundheit und Ernährung, Liebe, Sex und Zärtlichkeit – schriftliche Expertisen ranken. Nein, auch wer ganz sicher weiß, in welchen Dingen er Beratungsbedarf hat, muss aus einer Unzahl von Büchern wählen, die jeweils erklären, «Wie Sie überzeugend wirken» oder «Wie Sie lernen, Schüchternheit und Angst vor dem Flirten mit einfachen Übungen erfolgreich selbst zu überwinden». Erst auf den zweiten Blick, wenn man den Wald vor lauter Bäumen wieder sieht, ahnt man, dass all die Ratgeber so unterschiedlich nicht sein können. Alle versprechen sie ein Wissen, das nicht ohne weiteres zugänglich ist (sondern erst ab 8,95 €). Alle schreiben einen mehr oder weniger steinigen Weg vor, bis das Ziel der Vervollkommnung erreicht ist. Fast alle empfehlen, möglichst eins mit sich selbst zu werden: «Liebe dich selbst, und es ist egal, wen du heiratest», «So bin ich eben! Erkenne dich selbst und andere», «Simplify your life».

In diesem Sommer erscheint ein Buch mit Empfehlungen wie diesen: «Niemals perfekt scheinen», «Auszuteilen verstehen», «Einzustecken wissen», «Witz zeigen», «Vertrauen erzeugen», «Mit Bildung glänzen», «Einen Kompromiss vortäuschen», «Höflichkeiten austauschen», «Peinlichkeiten verkraften», «Sich selbst belügen», «Dünn sein», «Über Bande spielen», «Seine Meinung ändern». Ohne Zweifel handelt es sich bei diesem Buch um einen Ratgeber, denn all diese Empfehlungen werden dem Leser nachdrücklich ans Herz gelegt. Doch sollte das Buch in weniger gut sortierten Geschäften tatsächlich ins selbe Regal wie die handelsübliche Ratgeber­ware gestellt werden, es wäre dort ein Monstrum. Schon äußerlich, weil es keinen Umschlag aus Pappe hat, sondern harte Buchdeckel, starkes Papier mit bordeauxroten Rändern und eine edle Typografie. Und weil es seine Expertise nicht auf ein Feld beschränkt, sondern mit der Liebe und dem Beruf, mit Öffentlichem und Privatem ein ganzes Menschenbild skizziert. Schließlich, weil es seinen Lesern eben nicht rät, zu sich selbst zu kommen – sondern sich gründlich zu verstellen.


Wie sich durchsetzen? Immer mit einem Lächeln

«Die schonende Abwehr verliebter Frauen oder Die Kunst der Verstellung» von Adam Soboczynski ist ein Handbuch der Inszenierung, der Maskerade, der Täuschung, des strategischen Handelns. «Nie sind wir bei uns selbst», heißt es da, «die Schöpfung, seit wir den Sündenfall erlitten, ist reines Welttheater.» Nicht, dass der Autor all die Tricksereien, von denen er berichtet, um ihrer selbst willen anpreisen würde; er hält sie schlicht für unausweichlich. Schon der allmorgendliche freundliche Gruß, der dem heimlich verachteten Kollegen gilt, ist Verstellung: «Ohne Höflichkeit, die unsere Leidenschaften dämpft, die den Alltag mit sanften Lügen umspannt, ohne Triebhemmung, ohne auferlegte Distanz wären wir so unverstellt gefährlich, wie es nur Tiere sind.» Wenn es sich beim Homo sapiens also ohnehin um ein Maskenwesen handelt, ist er gut beraten, sich zum Virtuosen der Verstellung zu mausern. «Wie sich verhalten, um sich durchzusetzen? Immer mit einem Lächeln.»

Es mag Menschen geben – Soboczynski nennt sie Anhänger des «alten Wahrhaftigkeitskults» –, die derlei als Propaganda für die Falschheit missbilligen. Doch folgt man dem Autor, so verkennen diese vermeintlich Aufrechten nicht nur das Wesen des Menschen, sondern auch eine ehrwürdige philosophisch-literarische Tradition: die alteuropäische Moralistik. Baldassare Castiglione und Niccolò Machiavelli, die im 16. Jahrhundert kanonisch festschrieben, wie sich «Hofmann» und «Fürst» am klügs­ten zu verhalten haben, werden zitiert; wir begegnen Montaigne, La Rochefoucauld und vor allem dem spanischen Jesuiten Baltasar Gracián (1601–1658). «Ein Krieg ist das Leben des Menschen gegen die Bosheit des Menschen», heißt es in dessen «Hand-Orakel», das Arthur Schopenhauer 1832 übersetzte. «Die Klugheit führt ihn, indem sie sich der Kriegslisten hinsichtlich ihres Vorhabens bedient. Nie tut sie das, was sie vorgibt, sondern zielt nur, um zu täuschen.» Und Adam Soboczynski schreibt heute: «Was ist das Leben? Es ist ein Minenfeld. Was die Verstellung? Bedingung unseres Aufstiegs. Was ist die Liebe? Die schönste aller Täuschungen.» (Bezeichnend, dass die deutschen Dichter und Denker kaum etwas zu jener Tradition der Moralisten beizutragen wussten – mit Ausnahme jenes soziologisierenden Werkes «Über den Umgang mit Menschen» des Freiherrn Knigge. Und dieser dürfte bis heute keine Grabesruhe finden, weil sein Name inzwischen nur mehr klingt wie ein anderes Wort für altbackene oder, was in diesem Fall dasselbe ist, neumodische Benimmfibeln.)

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