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 > Das Konstrukt Tageszeitung ist überholt

Salon

ZeitungssterbenDas Konstrukt Tageszeitung ist überholt

Von Christian Jakubetz16. November 2012
picture alliance
FR,Zeitungssterben,Insolvenz,Tageszeitung
Das Zeitungssterben kannte man bisher nur aus den USA. Läutet die Insolvenz der „Frankfurter Rundschau“ den Untergang der gedruckten Zeitung in Deutschland ein?
Schrift:

Verleger, Journalisten und Gewerkschaften sind sich einig – das Internet ist der Feind der Tageszeitung. Bei genauerer Betrachtung erweist sich das jedoch als falsch. Die Auflagen sinken seit zwei Jahrzehnten kontinuierlich. Ihr Untergang scheint unabwendbar

Seite 1 von 2

Seit die „Frankfurter Rundschau“ Insolvenz angemeldet hat, ist die Aufregung nicht nur in der Medienbranche groß. Von Zeitungssterben hatte man schon was gehört, irgendwo in den USA - aber hier in Deutschland? Dabei werden momentan sehr schnell sehr leicht sehr viele Schuldige ausgemacht. Allen voran: das Internet. Doch das ist zu einfach. Das Netz hat mit dem Niedergang der Tageszeitungen nur wenig zu tun. Bedrohlicher ist die Ignoranz in vielen Verlags-Chefetagen, deren Credo häufig immer noch ist: Weiter so!

Grob gesagt lassen sich die Einschätzungen über die Zukunft der Tageszeitung in Deutschland auf zwei kontrastierende Positionen zusammenfassen:

Die einen bescheinigen ihr eine glänzende Zukunft. Die anderen sehen sie dem endgültigen Untergang geweiht.

Zwischen diese beiden Positionen passt im Regelfall nicht sehr viel, was interessante Konsequenzen hat: Auch nach der Insolvenz und dem kaum mehr abwendbaren Aus für das Traditionsblatt „Frankfurter Rundschau“ hat sich an diesen beiden Positionen nicht sehr viel geändert. Selbst die betroffenen Redakteure der FR mochten keineswegs das Produkt Tageszeitung als das eigentliche Problem ausmachen: „Die Tageszeitung wird, ob gedruckt oder digital, auch in Zukunft überleben, weil sie für die Menschen, die an ihrer Umwelt teilhaben wollen als Zeitgenossen, unverzichtbar ist“, schrieb das Blatt auf seiner Online-Seite (!) und schlug ansonsten das handelsübliche Lamento an: Im Netz sei irgendwie alles so unüberschaubar, die Zeitung schaffe Ordnung, sei übersichtlich und ein wichtiger Wegweiser. FAZ-Herausgeber Werner d´Inka wollte in seinem Leitartikel gar Anzeichen für ein Ende des Leserschwunds ausgemacht haben.

Für diese Annahmen der FR und der FAZ spricht zunächst einmal ungefähr nichts. Die Tageszeitung in Deutschland erlebt einen schleichenden Niedergang, der sich schon sehr viel länger hinzieht, als wie es das momentane Krisengeschrei nach dem mutmaßlichen Ende der FR und den entsprechenden Gerüchten um die „Financial Times Deutschland“ vermuten lassen. Insofern ist alleine schon der Begriff „Krise“ mindestens fahrlässig: Eine Krise, das wäre etwas, was vorübergehend kommt und dann irgendwann auch mal wieder vergeht. Davon kann bei den Tageszeitungen keineswegs die Rede sein: Sie verlieren seit der Einheit Deutschlands konstant an Auflage. Nicht in dramatischen Schüben, nie so, als dass ein einzelnes Jahr Sorgen machen müsste. Zahlen zwischen 1 und 2 Prozent sind schließlich nichts, was ein sofortiges Ende eines Blatts begründen würde. Das größere Problem ist die Konstanz: Diese Verluste gibt es in dieser Größenordnung inzwischen schon seit 15 Jahren. Ohne irgendeine Unterbrechung. Ohne irgendein Anzeichen, das die Vermutung vom langsamen Ende des Leserschwunds von FAZ-Mann d´Inka belegen würde.

In Zahlen: Im dritten Quartal des Jahres 2002 wurden in Deutschland jeden Tag 27,49 Millionen Tageszeitungen aufgelegt. Im gleichen Quartal 2012 waren es nur noch 21,13 Millionen. Das sind die Zahlen der so genannten Gesamtauflage. Zieht man dann noch Bordexemplare und andere Komponenten ab und nimmt man dann nur die so genannte „harte Auflage“ als Maßstab, dann ist nach Auffassung von Experten die tägliche Stückzahl bereits unterhalb der 20-Millionen-Marke angekommen. Und schon kursieren Berechnungen wie die des Eichstätter Professors Klaus Meier, der eine simple Formel ausgibt: Geht es mit dem Auflagenschwund so weiter, dann erscheint 2034 in Deutschland die letzte gedruckte Zeitung.

So sehr um solche Thesen wie die von Klaus Meier gestritten wird, in einem sind sich die Teilnehmer der Debatten erstaunlich einig. Wenn es um die Ursachen für die Probleme der Zeitungen geht, dann dauert es nicht lange, bis fast alle zu dem Schluss kommen: Das Internet, das ist schuld! Was ja auf den ersten Blick auch einleuchtend klingt: Das Internet ist schnell, die Zeitung ist langsam. Das Internet ist modern und hip, der Tageszeitung haftet irgendwas Tantiges an. Junge Menschen lesen nur noch auf stylischen Smartphones und Tablets, die Zeitung hat raschelndes Papier zu bieten. Und, womöglich das wichtigste: Das Internet ist kostenlos, die Zeitung kostet etwas, inzwischen sogar richtig viel.

Doch so einfach ist es nicht. Geht man mit den Zahlen noch sehr viel weiter zurück, stellt man schnell fest, dass der erste Leserschwund bereits Mitte der 80er Jahre begann. Natürlich gab es Anfang der 90er Jahre nochmal einen kurzen und heftigen Anstieg in der Kurve, doch der ist leicht erklärt und obendrein kein Verdienst der Tageszeitungen: 17 Millionen Neubürger sorgten logischerweise auch für einen entsprechenden Auflagensprung. Lässt man also mal diese Sonderkonjunktur außen vor, verlieren Tageszeitungen seit mehr als 20 Jahren an Auflage und an Bedeutung. Wie also kommt man dann auf die Idee, dass es den Blättern noch so richtig gut ginge, wenn es das böse Netz nicht gäbe?

Seite 2: Haben die Verlage die Zeichen der Zeit übersehen?

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Was soll, bzw. muss sich denn ändern?

Wenn man auf zwei Seiten immer wiederholt, dass es doch Nonsens sei, die Schuld beim Internet zu suchen und das Problem ein strukturelles sei, dann würde ich vom Autor auch gerne hören, was denn konkret verändert werden müsste.

Übrigens mag ich persönlich die PDF Darstellung der FAZ, denn diese bietet den besten Überblick.

  • Antworten
Marc Bohn16.11.2012 | 11:02 Uhr

Lieber Herr Jakubetz, liest man Ihren Blogartikel...

.... auf jakblog.de, wird (mir jedenfalls) deutlicher, was sie eigentlich mit diesem Artikel aussagen: Sie stellen das Konstrukt Tageszeitung generell in Frage.

Ich selbst lese meine Zeitungen bereits am Vorabend des Erscheinungstages auf dem iPad und ich mache dies, weil mir Zeitungen in kompakter Weise einen Überblick über die Nachrichtenlage verschaffen und dazu Kommentare/Einschätzungen/Meinungen bieten. Eine Zeitung ist quasi so etwas wie ein Musikalbum, also eine Komplettkomposition und nicht nur eine Ansammlung einzeln gekaufter Musiktitel. Das mag ich so an Zeitungen und dies ist die Dienstleistung, die ich erwerbe.

Wenn es also einen Bedarf an dieser Dienstleistung gibt (ich bin mir sicher, dass diese Dienstleistung auch von anderen Menschen nachgefragt wird), kann man doch nicht davon sprechen, dass das Konstrukt Tageszeitung überholt sei?

  • Antworten
Marc Bohn16.11.2012 | 12:43 Uhr

Das Internet ist keine Mode

Viele Online News Leser vertreten diese Meinung schon seit dem DotCom Boom. Damals wurden alle Szenarien ausgiebig durchgespielt. Was wir heute sehen sind nicht unbedingt Innovationen, sondern Umsetzungen viel älterer Konzepte.
Viele Jahre hat man sich gefragt, warum kann ich seit 2000 MP3 Player kaufen, aber die erste legale MP3 gab es erst 2008 im Angebot? Warum kann ich keine Filme oder Serien online legal erwerben oder noch besser direkt anschauen? Bis 2010 hat man sich gefragt wo denn die E-Books bleiben, auf dem illegalen Markt sind sie seit Jahren beliebt.

Ein ähnliches Spiel gibt es bei den Printmedien. Auf der einen Seite werden Inhalte nicht, oder erst seit dem iPad2 zugänglich gemacht. Auf der anderen Seite versuchen mir so viele die exakt gleichen Top 100 Agenturmeldungen zu verkaufen.

Es gibt kaum Konzepte für Lokalnachrichten, ausser vielleicht das werbefinanzierte Hyperlocal Modell. Und auch Qualitätsjournalismus wird von Amateur und Expertenbloggern angegriffen.

Im Moment steuert die Printindustrie einfach nur auf den Kollaps zu. Es wird dann einige Jahre der Unterversorgung geben, bis endlich neue Konzepte die kritische Masse erreichen.

  • Antworten
Ray16.11.2012 | 11:57 Uhr

Na toll...

...junge Menschen lesen also keine Zeitung mehr. Diese Erkenntnis hat ja nun wirklich schon einen kilometerlangen Bart.

Das macht es zwar nicht weniger schlimm, ist aber auch nicht in erster Linie die Schuld der Verlage und Redaktionen, die ja schon - erfolglos - vieles versucht haben, um junge Menschen mit Jugendseiten, Beilagen, Aktionen in der Schule etc. ins Boot zu holen. Die Wirkung war jedoch gleich Null.

Man kann den Verlags-Geschäftsführern sicherlich vieles vorwerwerfen. Radikales Sparen in den Redaktionen, immer weniger journalistische Unterscheidbarkeit einzelner Blätter, fehlende Konzepte für den Umgang mit den Neuen Medien. Stimmt alles. Andererseits frage ich mich, was eine Tageszeitung letztlich anderes tun kann, als das tägliche globale, nationale, regionale und lokale Geschehen in mundgerechte Häppchen zu verpacken, einzuordnen und zu bewerten? Wenn die Menschen zunehmend das interesse verlieren, sich noch kritisch mit ihrer Umwelt auseinanderzusetzen und mit Facebook, Computerspielen, Youtube und Co. lieber in ihre eigenen Welten abtauchen, dann wird noch kein so innovatives Zukunftskonzept das Medium Zeitung retten können.
Mir bleibt aber die Hoffnung, dass es dazu nicht kommen und früher oder später die Erkenntnis einsetzen wird, was man an seiner Tageszeitung hat und auf sie - ob nun auf dem Tablet oder auf Papier - doch nicht verzichten möchte.

  • Antworten
Oliver Vogt16.11.2012 | 12:17 Uhr

Wenn sonst nix mehr geht...

@Oliver Vogt: Sie benennen das Problem ja selbst sehr gut: Man hat sehr vieles versucht, um ein junges Publikum an sich zu binden. Das hat alles nur sehr mäßig funktioniert. Wenn aber das, was man versucht, einfach nicht klappt, muss man dann nicht schlichtweg darüber nachdenken, ob man etwas völlig Neues versucht?

Ich glaube übrigens auch nicht daran, dass man die Probleme der Zeitungen mit einem immer geringerem Interesse der Menschen am Zeitgeschehen begründen kann. Es werden ja nicht generell weniger Medien konsumiert, im Gegenteil. Medien werden nur anders konsumiert.

  • Antworten
Christian Jakubetz16.11.2012 | 13:19 Uhr

@Marc Bohn: Generell ist es

@Marc Bohn: Generell ist es vermutlich problematisch, wenn man von den eigenen Gewohnheiten auf die anderer Menschen schließen will. Was ich in meinen Beiträgen geschrieben habe, widerspricht ja auch meinen eigenen Gewohnheiten. Ich selbst lese immer noch Tageszeitungen, sowohl digital als auch gedruckt. Aber ich bin mit meinen 47 Jahren auch kein Maßstab, schon gar nicht für ein junges Publikum. Ich bin mit Tageszeitungen sozialisiert worden und ich habe selbst 15 Jahre bei Tageszeitungen gearbeitet. Trotzdem müssen wir einen Auflagenrückgang von sechs Millionen in zehn Jahren erst einmal zur Kenntnis nehmen. Mich wundert, wie man angesichts dieser Zahlen immer noch nicht darauf kommt, dass womöglich das ganze Konstrukt in Gefahr bzw. überholt ist. Wo kommen denn diese sechs Millionen her?

Wenn das jetzt nicht zu weit führen würde, dann müsste und könnte man diese Problematik ja auch auf alle anderen klassisch-analogen Medien anwenden. Auch Fernsehen wird aus einer ganzen Reihe von Gründen nicht mehr so rezipiert wie das noch vor, sagen wir, zehn Jahren war.

  • Antworten
Christian Jakubetz16.11.2012 | 13:24 Uhr

Denkfehler

@Herr Jakubetz
Sie begehen ja denselben Fehler, den die Internetgegner auch begehen. Sie sehen einen krassen Auflagenrückgang über die letzten 20 Jahre - und leiten daraus eine Erklärung ab, für die sie aber eigentlich keinerlei Beweise haben: das Konstrukt Tageszeitung ist überholt. Wo ist da der kausale Zusammenhang? Sie ersetzen eine wilde Vermutung mit der anderen. Zugegeben, ihre wilde Vermutung hat sicherlich eine gewisse Erklärungskraft. Jedoch glaube ich kaum, dass die Tageszeitung grundlegen als Konstrukt überholt ist, einfach, weil sie von weniger Lesern konsumiert wird. Was mich geradezu tödlich nervt bei all diesen Diskussionen ist die Tatsache, dass keine der beiden Seiten sich auch nur die Mühe macht, ihre Behauptungen auf Fakten zu stützen. Wir messen, wer wie wann wie viel Medien konsumiert. Aber wieso er das eine tut und das andere lässt, wo er doch früher genau andersherum getun und gelassen hat, darüber spekulieren wir, anstatt wir das mit qualitativen Untersuchungen in Erfahrung zu bringen versuchen. Solange das nicht gemacht ist, glaube ich ihren absoluten Thesen genau so wenig, wie denjenigen der Webschreckhasen.

Übrigens: Ich bin jung und lese Zeitungen. Auch Tageszeitungen. Nicht jeden Tag, aber doch ab und zu. Und ich sehe durchaus, was mit Einordnung, Übersichtlichkeit etc. gemeint sein soll. Dass aber vor einigen Jahren noch 3 von 4 Jugendlichen täglich Tageszeitungen konsumiert haben sollen, kann ich weder bestätigen noch glauben. Damit dürften die Befragten Jugendlichen, die ein solches Konsumverhalten angegeben haben, wahrscheinlich höchsten gemeint haben, dass sie Sportnachrichten nachgeschaut haben. Ich erinnere mich, wie ich mich jeweils am Montag gierig auf den Sportteil gestürzt habe, um die Fussballresultate nachzuschauen (ja, das war in den 90er Jahren). Heute braucht man dazu keine Zeitung mehr. Dennoch habe ich heute eine abonniert. Und mir haben es verschiedene Bekannte und Freunde, die früher nie Zeitung gelesen haben, gleich getan.

  • Antworten
Michael21.11.2012 | 15:04 Uhr

Jugend

Als ich noch jung war, hat mich auch keine Tageszeitung interessiert. Es ist aber wohl nicht so, dass junge Leute nicht lesen. Sondern dort interessiert man sich nur für Themen, die in einer Tageszeitung nicht vorkommen.

  • Antworten
Robert16.11.2012 | 13:48 Uhr

Jugend

Bitte, H. Robert, welche Themen sollten dies denn sein? Wenn man Leser zur< Zeitung tragen muss, wird wohl kein Thema funktionieren. Die Lesebereitschaft scheint abgenommenh zu haben.

  • Antworten
rehse18.11.2012 | 19:25 Uhr

@ Christian Jakubetz

Einverstanden, vielleicht ist noch nicht alles versucht worden, um junge Menschen an die Zeitung zu binden. Meiner Meinung nach sind nur die Dinge, die eine Zeitung leisten kann und sollte, letztlich begrenzt. Sicher, Redaktionen können cross-medialer und interaktiver werden, Videos drehen, in gewissem Maße neue Ansätze finden, um Inhalte zu vermitteln - aber das wird ja alles schon gemacht. Doch eine Frankfurter Rundschau kann nicht M-TV werden. Wenn eine Zeitung von jungen Menschen nicht mehr für das wertgeschätzt wird, was sie nun einmal anzubieten hat - im besten Fall seriöse, interessant aufbereitete Informationen über das Zeitgeschehen - dann sehe ich die Zukunftsaussichten für die Zeitungslandschaft tatsächlich als begrenzt an.

Zum zweiten Punkt: Ja, Medien werden heute anders konsumiert. Ich genieße es selbst, im Internet zwischen Cicero, FAZ, taz, Welt, Spiegel, Zeit hin und her zu springen. Und ich bin dankbar, dass mir die Verlage diesen Komfort ermöglichen. Allerdings weiß ich auch, dass es ein Heidengeld kostet, diese Inhalte, die ich mal eben für lau konsumiere, zu erstellen. Als Leser würde es mich extrem nerven, wenn ich dafür plötzlich Geld bezahlen müsste - als Journalist sehe ich aber, dass es mittelfristig nicht mehr anders gehen wird. Denn eigentlich ist es gar nicht so bedeutsam, ob eine Zeitung auf Papier, als Online-Ausgabe oder als E-Paper erscheint. Entscheidend ist, dass die Leser bereit sind, Geld dafür zu bezahlen. Eine Art von "Kultur-Flatrate", wie sie vor einiger Zeit schon einmal im Gespräch gewesen ist, hielte ich daher nicht für die schlechteste Idee.

Bei allem berechtigten Pessismismus glaube ich persönlich aber nicht, dass Amateur-Blogger und Internet-Freestyler wirklich die Lücke füllen könnten, die die Zeitungen hinterlassen. Denn erstens können sie nicht die Kontinuität und Verlässlichkeit bieten, die man von einer Zeitung erwarten kann, und zweitens besitzen sie auch längst nicht das Vertrauen, das die etablierten Titel in ihrer Leserschaft noch genießen. Denn ebenso entscheidend wie die Information selbst, ist auch die Quelle, aus der sie kommt.

  • Antworten
Oliver Vogt16.11.2012 | 16:33 Uhr

Generelle Medienverdrossenheit

Ich weiß nicht, ob wir es hier nur mit einem Problem der Tageszeitungen zu tun haben. Was die Informationsqualität angeht, misstrauen viele Bürger den Medien längst insgesamt.

Ich persönlich lese Nachrichten überwiegend über Google News. Wer das tut, macht eine erschreckende Erfahrung: Man findet bei allen Anbietern mehr oder weniger den gleichen Text, der im Allgemeinen direkt von dpa oder ähnlichen Dienstleistern stammt. Eigenrecherche: Fehlanzeige.

Schlimmer noch: Es gibt keine Meinungsvielfalt mehr. Nehmen wir mal Eva Herman: Ich bin 68er, Atheist und halte freie Liebe für eine kulturelle Errungenschaft. Eva Herman steht weltanschaulich für das genaue Gegenteil davon. Als ich ihre Worte in 2007 las, die zum damaligen Skandal führten, war mir jedoch sofort klar: Sie hatte überhaupt nichts Schlimmes gesagt, man hatte sie lediglich falsch interpretiert.

Das wäre noch kein großes Problem gewesen, wenn es innerhalb der Medienlandschaft eine Meinungsvielfalt geben würde, sodass immerhin ein nennenswerter Teil in ihrem Sinne argumentiert hätte. Das war - mit Ausnahme eines Großteils der Bevölkerung - damals jedoch nicht der Fall. So geschah großes Unrecht. Man konnte die Lust an der Kreuzigung regelrecht erspüren. Und: Man hat sich bis heute nicht bei ihr entschuldigt.

Nehmen wir Wulff. Ich will ihn nicht in Schutz nehmen. Dennoch war auffällig, dass von den Medien im Laufe der Affäre ständig neue Vorwürfe aus dem Hut gezaubert wurden, einer davon der rollierende Geldmarktkredit bei der BW-Bank. Mit dem ließ sich jedoch kein Vorwurf begründen. Dennoch stellten alle Zeitungen den Sachverhalt so dar, als habe Wulff einen Kredit bekommen, der überaus vorteilhaft war. Keine einzige Zeitung (selbst die fachlich gut aufgestellten nicht) war in der Lage oder Willens, ihren Lesern die Konditionen des risikoreichen Vertrages auf ernsthafte Weise zu erläutern. Das wäre durchaus möglich gewesen. Stattdessen stimmte man ein in das allgemeine Wulff-Bashing. Vielfalt und Sachlichkeit: Fehlanzeige. Kreuzigung hieß das Motto.

Nehmen wir DSK. Der Mann ist genauso alt wie ich. Vielen Bürgern war bereits bei den ersten Berichten klar, dass die Darstellung des Zimmermädchens in weiten Teilen nicht stimmen konnte. Das sagte bereits der gesunde Menschenverstand, die späteren Details zu den zeitlichen Abläufen und den fehlenden Spuren machten es offensichtlich. Dennoch gab es in den Medien kaum kritische und besonnene Stimmen, die auf der Unschuldsvermutung beharrten. Wenn, dann fand man sie außerhalb der Medien.

Viele Bürger sind es leid, ständig schlichte Meinungen als Nachrichten verkauft zu bekommen, vor allem wenn es nur noch eine Meinung gibt und die Vielfalt auf der Strecke bleibt. Dann fühlt man sich manipuliert.

Für gute Informationen bin ich weiterhin bereit, Geld zu zahlen, für Einheitsmeinungen dagegen nicht.

Fehlende Meinungsvielfalt hat übrigens noch ein anderes Problem zur Folge: Sie macht eine Gesellschaft undurchlässig. Es reden dann immer die gleichen Stimmen den gleichen Senf, während die anderen zum Zuschauen verdammt sind. Die wandern dann zu anderen, nicht selten äußerst dubiosen Informationsquellen ab.

  • Antworten
Peter Mersch17.11.2012 | 01:09 Uhr

Das sind auch für mich die Gründe:

Wortgleiche dpa-news quer über die Blätter und
Sensationsgewinnung oft genug und anhaltend aus Trivialem.
Da wird man schnell geizig, zappt sich durch die Online-Auftritte, um zu schauen, ob irgendwo doch Lesenwertes ist.
Das gibt es, aber selten, und man muss es suchen.

  • Antworten
Leo18.11.2012 | 15:33 Uhr

Zeitungssterben

Tatsächlich müßte jedes Medium abgewickelt werden, denn sie lügen alle. Es sind keine kleinen Lügen, es sind die großen : 9/11 und Klima. Auf diesen Sektoren wird seit dem 11.September 2001 permanent gelogen, obwohl die Wahrheit schon länger bekannt ist. Hier erkennt man die Gleichschaltung der Medien zumindest in Deutschland.
Das andere große Lügenthema ist das Klima. Hier wird seit Jahren dem Volk bzw. den Völkern, etwas vom Pferd erzählt. Das IPCC gibt sich seriös, ist es aber nicht. Al GORE hat die "Geldmaschine Klima" angestoßen, alle sind aufgesprungen, denn es wird in bestimmten Kreisen sehr viel Geld damit verdient.
Auffällig ist, dass auch Hochschulabsolventen den Quatsch mit dem CO2 nachbeten.
Tatsächlich ändert sich das Klima nicht, es variiert nur etwas. Jetzt gehen die Temperaturen nach unten, bis 2026, Ende offen.
Die moderne Jugend hat im Internet vielleicht schon die Wahrheit zu diesen Themen gefunden, wendet sich deshalb von den Zeitungen ab.
Solange die Lügen nicht abgestellt werden, solange werden wir keinen Frieden haben.
Gruss
Tyll

  • Antworten
Tyll Ruhtenberg17.11.2012 | 15:00 Uhr

@Oliver Vogt: Ich glaube, das

@Oliver Vogt: Ich glaube, das ist in manchen Teilen zu sehr schwarz-weiß gedacht.

Erstmal zur Finanzierung: Natürlich kostet Journalismus Geld, richtig viel sogar. Und natürlich wird man Finanzierungsmodelle finden müssen. Dass man im Netz nicht mal eben Millionen Menschen, die vorher nichts bezahlt haben, plötzlich zu zahlenden Kunden macht, halte ich persönlich für utopisch, zumindest, wenn man eine pauschale Zahlungsbereitschaft unterstellt. Trotzdem wird es Finanzierungsmodelle geben, mglicherweise komplexer und kleinteiliger als wie wir das bisher kennen. Wenn es diese Modelle nicht gäbe, gäbe es auch in absehbarer Zeit keinen Journalismus mehr.

Zu den "Amateur-Bloggern": Niemand verlangt und glaubt ernsthaft, dass Blogger Journalisten ersetzen können. Offen gestanden(ich bin ja so ein Zwitterwesen aus beidem): Journalismus zu ersetzen, diesen Anspruch haben Blogger auch gar nicht. Aber wieso müssten wir denn gleich von einem Wegfall oder Untergang des Journalismus ausgehen, wenn es ein paar Zeitungen erwischt? Denken Sie doch mal darüber nach, wie viel Journalismus Sie jeden Tag konsumieren, ohne dabei eine Zeitung in die Hand zu nehmen ;-)

  • Antworten
Christian Jakubetz17.11.2012 | 22:00 Uhr

@Peter Mersch: Es gibt eine

@Peter Mersch: Es gibt eine Reihe Punkte, bei denen ich bei Ihnen bin. Aber wenn das Problem eine wie von Ihnen geschilderte generelle Medienverdrossenheit wäre, dann müssten auch alle anderen Medien von schwindenden Nutzungszahlen betroffen sein. Das ist aber nicht der Fall, im Gegenteil, der Medienkonsum war 2011 so hoch wie nie. Ich denke, wir sehen einfach eine Verschiebung zu anderen Kanälen - und keinen generellen Bedeutungsverlust. Was nicht bedeuten soll, dass es nicht vieles an Medienkritik zu diskutieren gäbe.

  • Antworten
Christian Jakubetz17.11.2012 | 22:03 Uhr

Problem: Mantel, Unobjektivität und fehlender investig. Journali

Obwohl bei dem Verweis auf "das böse Internet" sicher etwas dran ist, sieht es dennoch wie eine einfache Suche nach einem vermeintlichen Schuldigen aus. Man kann mit dem Internet durchaus Geld verdienen: Bild/Spiegel Online und Facebook machen es vor.

In den letzten Jahren wurden zudem die Redaktionen stark ausgedünnt! Zeit für richtige eigene Recherchen blieb nicht mehr, es werden lediglich die Meldungen der letzten verbliebenden Agentur dpa abgedruckt. Und wie im Biermarkt gibt es zwar unterschiedliche Etiketten, aber gleiche Inhalte: Die Blätter von DuMont (z. B. Kölne Stadtanzeiger und Bonner Stadtanzeiger), WAZ (WAZ, WZ, NDZ) etc. sind sehr ähnlich.
Dafür werden die Artikel immer flacher, wichtige Details weggelassen. So sind bei Migrantenkriminalität die Polizeimeldungen aussagekräftiger als die Zeitungsartikel, und das Thema "Zuwanderung" aus islamischen Ländern wird mit Samthandschuhen angefasst, anstatt objektiv zu berichten. Früher hatte ich mal mehrere Zeitungen täglich gekauft, heute reicht eine, wenn überhaupt.
Und wenn erst bei einigen Artikeln nicht objektiv und vollständig berichtet wird, dann fragt man sich zwangsläufig: Bei welchen anderen denn noch? Und man verliert das Vertrauen in das Printmedium insgesamt!
Für objektive Berichterstattung, interessante Artikel gebe ich gern Geld aus, für linke Parteipropaganda nicht!

  • Antworten
Martin117.11.2012 | 23:14 Uhr

Was wir Leser nicht wollen:

Was wir Leser nicht wollen:
-politische Einseitigkeit.
-ständig „Kommentare“ einseitig festgelegter Journalisten.
- Tabuisierung von Themen( z.B. Treffen Bundeskanzlerin Chefredakteure )
- „ Hetzjagden“ oder politische „Christenverfolgung“
-Parteipropaganda
-Einschränkungen der inneren und äußeren Pressefreiheit
- politisch einseitige Selbstbindung von Journalisten.
Also, es gibt genug zu tun, warum packt ihr es nicht an und versucht stattdessen den Eindruck zu erwecken, es ginge auch durch Realitätsverweigerung. Gut auf den Punkt gebracht hat es ein Mit-Kommentator im Blog von Michael Spreng(Sprengsatz).

26) DrMushnik, Samstag, 17. November 2012, 17:59 Uhr
Hier wurde bereits viel Wichtiges zur “Rundschau”-Misere gesagt. Als langjähriger Leser möchte ich noch dies beisteuern:
Allzu oft merkte man den ungeschminkten Versuch, die Leser umzuerziehen. Die widerwärtigste Form der PC lief auf den Seiten der “FR” Amok, jedes noch so absurde linke Projekt wurde hochgejubelt, Gegenstimmen totgeschwiegen und Andersdenkende diskreditiert. Ich kündigte mein FR-Abo vor einigen Jahren, nachdem der Verlag sich außerstande sah, eine regelmäßige und zuverlässige Zustellung der Zeitung innerhalb der Frankfurter Innenstadt zu gewährleisten. Der Vertrieb bot mir an, ich könne auch regelmäßig Gutscheine erhalten, um mir die FR am Kiosk aushändigen zu lassen. Kommentar überflüssig!
Solche Amateurhaftigkeit im Wirtschaftlichen – zwei Tage später riefen übrigens Abo-Werber an und wollten mich mit Elektronikprämien zum FR-Abonnement überreden – paßt zum inhaltlichen Gestümper der letzten Jahre.
Sobald man über einen Vorgang oder ein Thema Bescheid wußte, war es offenkundig, daß die FR mehr kompiliert als recherchiert wurde, daß Meinungsmache leichter war als Analyse und Bewertung von Fakten. Nicht das Tabloid-Format war das Problem, sondern die fehlenden Inhalte und der anhaltende Versuch, die Leserschaft entgegen ihrer eigenen Realitätswahrnehmung in einer engen und konfliktreichen Stadt wie Frankfurt auf eine bestimmte politische Schiene zwingen zu wollen. Ich kenne ehemalige FR-Leser, die sich irgendwann fragten, wie lange sie sich noch von der FR beschimpfen und belehren lassen sollten, und warum sie für dieses zweifelhafte Vergnügen noch bezahlen sollten.
Der alten “Rundschau”, mit der ich aufgewachsen bin, traure ich hinterher, sie ist aber längst gestorben. Persönlich sehe ich den Untergang des Blattes als gerechte Strafe für die Zerstörung des alten Rundschau-Hauses am Eschenheimer Tor, mit dem ein wichtiger Bau der 1950er-Jahre der üblichen gesichtlosen Müll-Architektur der letzten Jahre geopfert wurde

  • Antworten
Politikverdruss18.11.2012 | 19:48 Uhr

Ich weiss nicht, wie Sie das Internet nutzen - ich jedenfalls

surfe wenn mein Email- und Facebook-Drang erledigt ist immer auch noch ein bisschen herum und da sind Tageszeitungen ein ganz wesentlicher Faktor! Warum? Ganz einfach: so toll und unerschöpflich das rosettaproject.org oder gutenberg.org sind, sie erfordern Konzentration und Spezial-Interesse. Aber die Übersicht, das bunte Format, finden Sie bei der Tageszeitung!

Als einziger erkannt hat das Google - und Ihr Redakteure kennt Eure Leser nicht! Denn meine Tageszeitung (wie Email und Facebook) laufe ich an, um zu schauen, ob es etwas Neues gibt, etwas das mich interessieren könnte - benötige ich die Syntax für PHP: mb_strlen suche ich lieber gleich per Schlagwort.

Doch auf den Tageszeitungsseiten finde ich - sprachlich flott für die Zielgruppe zugeschnitten - die üblichen Agenturmeldungen, die Nebelkerzen der Frau Merkel. Und Gigabyte-Tonnen an Flash-Filmchen, die ich meistens abdrehe, oder die 1000ste Präsentation eines Pullovers, den ich dann doch nicht gekauft habe. Bei vielen Online-Präsenzen sind mir die Forenbeiträge mittlerweile wichtiger als die Artikel selbst.

Ich weiss, frische Nachrichten, Anregungen für neue Interessensgebiete, exklusive Informationen und überlegenswerte Kommentare bieten diverse Blogs auch. Der Leser kann sich seine bunte Seite als Egozielgruppe per RSS-Feeds zusammenstellen - aber wer tut das tatsächlich? Die Tageszeitung bietet eine bekannte Marke im Netz.

Die herkömmliche Tageszeitung hatte ein zumindest regionales Monopol. Das ist nun entfallen. Man muss also den Leser ködern mit frischen Häppchen, Exklusivem und Kampagnen. Ich glaube, es war Newsweek, die kürzlich ein Special über die Armed Forces lieferte - ein muss für jeden Armee-Angehörigen und Familie.

Ich habe Merkel nicht gewählt, für mich die falsche Politik, ich-lass-mich-zahlen-und-bleib-unabhängig-Steinbrück geht mir auf die Nerven. Eine Zeitung welche zu 80% das schlechte Entertainment der Bundespolitik weitergibt, wird von mir nicht honoriert.

Auch Werbung ist ein Faktor der Medien-Wahrnehmung! Vielleicht habe ich kürzlich aus Not einen Toilettendichtungsring im Internet gesucht - es bedeutet trotzdem nicht, dass ich ähnliche Angebote im Zusammenhang mit gediegenen Rezeptideen oder Urlaubsreportagen sehen möchte. Und mein Interesse an Finanznachrichten bedeutet auch keinesfalls, dass ich jede Woche eine neue Lebensversicherung abschliessen will!

Die Tageszeitung im Netz hat Zukunft! Man muss nur das richtige Geschäftsmodell für sie finden.

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Irinäus18.11.2012 | 21:28 Uhr

@ Peter Mersch: Die 'Snippets

@ Peter Mersch: Die 'Snippets' bei Google spiegeln zum überwiegenden Teil die Meinung gedruckter Medien wieder. Insofern ist der Schluss von Google News auf alle Medien etwas gewagt, auch wenn ich die Diagnose ansonsten weitgehend teile ... Nebenbei bemerkt: Die fehlende Meinungsvielfalt der deutschen Print-Lego-Landschaft kompensiert bei mir die Lektüre ausländischer Medien - amerikanischer, französischer, englischer, arabischer - von der ich zu Prä-Internet-Zeiten doch ziemlich ausgeschlossen war.

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Klaus Jarchow19.11.2012 | 09:46 Uhr

Ich versteh die Argumentation nicht ganz

Wenn Sie davon ausgehen, Herr Jakubetz, dass Journalismus jenseits der physischen Zeitung sehr wohl zuhauf konsumiert wird, wie kann man dann davon ausgehen, dass das Internet dabei keine Rolle spielt? Ich lasse mich darauf ein, zu sagen, das Internet ist nicht der Alleinschuldige, aber natürlich ist der Gratiskonsum und die Vielfältigkeit der Quellen im Internet ein gehöriger Grund, warum Tageszeitung an Reichweite verlieren.

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Heinz Rüdiger19.11.2012 | 14:39 Uhr

Der Fall Frankfurter Rundschau wird nicht der Einzige bleiben

Auch ich glaube nicht, dass die Zeitung stirbt, aber manche Printmedien haben fatale Anpassungsprobleme.
So haben beispielsweise die Leute genug vom politisch korrekten Diskurs, insbesondere was Themen wie Europa, Euro und die damit verknüpfte Politik angeht. Die Leser, insbesondere die Jüngeren, wollen einen neuen Stil der politischen Analyse und Debatte. Sie sehen keinen Unterschied zwischen der zur Zeit praktizierten Politik und den Artikeln in den Zeitungen. Diese sollten aber zur politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Meinungsbildung beitragen. Das ist immer seltener der Fall.

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von Schnittlauch19.11.2012 | 22:03 Uhr

Das Konstrukt Tageszeitungen ist nur z.T. überholt

Thesen
1. Definition: Zeitung, verstanden als Konzept, ist eine Zusammenstellung relevanter Informationen. Was relevant ist, musste immer schon gut geprüft werden. Dank Social Web ist es aber nicht mehr möglich, Relevanz undifferenziert zu setzen. Der Shitstorm, der die ARD erreichte, als sie nach Meinung vieler nicht angemessen über die Proteste in Spanien berichtete, zeigte das exemplarisch. Das „fragliche Konstrukt Tageszeitung“ ist daher noch richtig, aber die Verantwortlichen haben bislang nicht verstanden, ihr Produkt auf Veränderungen im Nutzerverhalten hin anzupassen. Ein gutes Beispiel sind SUV-Fahrzeuge: erst die Fülle an Möglichkeiten, Arbeits- und Freizeit mobil zu verbinden, brachte diesen merkwürdigen Autotyp hervor, der aber immer noch ein Auto ist. Und: Die zunehmende Verkehrsdichte zeigte überraschend, grade viele Frauen, nicht Männer, fahren gerne etwas erhöht. Sprich: Tageszeitungen müssen auf gewandelte Bedürfnisse eingehen und diese bestmöglich erfüllen.
2. Gattung. Wochentitel, Fachpresse etc. konnten die Vorteile des Internets leichter für sich erschließen (thematische Schwerpunkte, weniger Aktualitätsdruck, klare Zielgruppe). Die Überregionale Tagespresse tut sich de facto schwerer. Dennoch haben viele Überregionale versäumt, den Mehrwert des Social Web in ihre Zeitungsangebote zu integrieren. Ich nehm jetzt nur mal den Service-Aspekt, inhaltliche Mehrwerte würden jetzt zu weit führen: Wo sind die intelligenten Presse- (also heute auch Twitter-Schauen), die leserfreundlichen Aufbereitungen von Kommentaren der Kommentare, wo sind ‚offene Redaktion‘-Erlebnisse, wo hilfreiche Archiv-Verknüpfungen, wo echte Pre-View Ideen usw.usw. Ideen. Die Überregionalen hätten, da bin ich mit vielen einig, die Power gehabt, aber viel zu lange gewartet.
3. Wundertüte: Das Überraschungsmoment bleibt für Tageszeitungen essentiell. Gedruckt oder online: Dass man unverhofft irgendwo hängenbleibt, ist Teil des Konzepts. Dabei geht es nicht nur um News, oder ungewöhnliche Reportagen, sondern auch um objektiv Gegen- den Strich-Gebürstetes: In der Zeitschrift Mare zu lesen, dass Ölkatastrophen nicht das ärgste Problem der Meere sind, hat mich überrascht: Mein ohnehin guter Eindruck von Mare: hohe Glaubwürdigkeit, objektiv aufklärend ec. wurde erneut verstärkt. Der berühmte Aha!-Effekt ist nicht zu unterschätzen, ich muss ja heute mehr denn je vor mir selbst rechtfertigen, warum ich dieses Angebot lese und nicht andere.
4. Redaktion: Ich teile die Ansicht, dass Twitter, Feeds, Blogs usw. zu vollkommen unbeachteten Perlen führt. Aber ich habe nicht die Zeit, das jeden Tag selbst herauszufinden und zu filtern. Für diese Leistung bin ich bereit zu zahlen. Ich traue einer ordentlich besetzten Redaktion zu, das kompetent zu tun.
5. Abgeschlossenheit: Ein wichtiges Kriterium einer Tageszeitung ist psychologischer Natur: Dadurch, dass es eine letzte Seite gibt, vermittelt sie mir das Gefühl, ich wäre nun für alles Relevante dieses Tages ‚gerüstet‘. Abgeschlossenheit ist im Netz viel schwieriger zu erzeugen, aber nicht unmöglich. Was fehlt, sind intelligente Modelle, auf die immer kürzere Lesezeit einzugehen (ohne einfach die Artikel zu kürzen oder simple Lesezeichen einzufügen). Für Träumer und Entwickler gibt es hier viele Ideen, deren Praktikabilität zu prüfen bliebe.

Zur Debatte: Das Sterben der Tageszeitung. http://profilitas.wordpress.com/2012/11/20/wie-konnen-sich-tageszeitungen-im-netz-profilieren-5-thesen/

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Elvira Steppacher20.11.2012 | 14:42 Uhr

Zeitungsterben

Wie haben die Printmedien, denen es jetzt selbst an den Kragen geht, damals gelästern und höhnische Artikel en masse verzapft, als es zuerst der Musikindustrie an den Kragen ging (meingott, wie lange ist das jetzt schon her...?).
Will sagen: mein Mitleid mit den Blättern hält sich in Maßen. Wer zuletzt lacht...

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Ein Musiker20.11.2012 | 18:48 Uhr

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