Verleger, Journalisten und Gewerkschaften sind sich einig – das Internet ist der Feind der Tageszeitung. Bei genauerer Betrachtung erweist sich das jedoch als falsch. Die Auflagen sinken seit zwei Jahrzehnten kontinuierlich. Ihr Untergang scheint unabwendbar
Seit die „Frankfurter Rundschau“ Insolvenz angemeldet hat, ist die Aufregung nicht nur in der Medienbranche groß. Von Zeitungssterben hatte man schon was gehört, irgendwo in den USA - aber hier in Deutschland? Dabei werden momentan sehr schnell sehr leicht sehr viele Schuldige ausgemacht. Allen voran: das Internet. Doch das ist zu einfach. Das Netz hat mit dem Niedergang der Tageszeitungen nur wenig zu tun. Bedrohlicher ist die Ignoranz in vielen Verlags-Chefetagen, deren Credo häufig immer noch ist: Weiter so!
Grob gesagt lassen sich die Einschätzungen über die Zukunft der Tageszeitung in Deutschland auf zwei kontrastierende Positionen zusammenfassen:
Die einen bescheinigen ihr eine glänzende Zukunft. Die anderen sehen sie dem endgültigen Untergang geweiht.
Zwischen diese beiden Positionen passt im Regelfall nicht sehr viel, was interessante Konsequenzen hat: Auch nach der Insolvenz und dem kaum mehr abwendbaren Aus für das Traditionsblatt „Frankfurter Rundschau“ hat sich an diesen beiden Positionen nicht sehr viel geändert. Selbst die betroffenen Redakteure der FR mochten keineswegs das Produkt Tageszeitung als das eigentliche Problem ausmachen: „Die Tageszeitung wird, ob gedruckt oder digital, auch in Zukunft überleben, weil sie für die Menschen, die an ihrer Umwelt teilhaben wollen als Zeitgenossen, unverzichtbar ist“, schrieb das Blatt auf seiner Online-Seite (!) und schlug ansonsten das handelsübliche Lamento an: Im Netz sei irgendwie alles so unüberschaubar, die Zeitung schaffe Ordnung, sei übersichtlich und ein wichtiger Wegweiser. FAZ-Herausgeber Werner d´Inka wollte in seinem Leitartikel gar Anzeichen für ein Ende des Leserschwunds ausgemacht haben.
Für diese Annahmen der FR und der FAZ spricht zunächst einmal ungefähr nichts. Die Tageszeitung in Deutschland erlebt einen schleichenden Niedergang, der sich schon sehr viel länger hinzieht, als wie es das momentane Krisengeschrei nach dem mutmaßlichen Ende der FR und den entsprechenden Gerüchten um die „Financial Times Deutschland“ vermuten lassen. Insofern ist alleine schon der Begriff „Krise“ mindestens fahrlässig: Eine Krise, das wäre etwas, was vorübergehend kommt und dann irgendwann auch mal wieder vergeht. Davon kann bei den Tageszeitungen keineswegs die Rede sein: Sie verlieren seit der Einheit Deutschlands konstant an Auflage. Nicht in dramatischen Schüben, nie so, als dass ein einzelnes Jahr Sorgen machen müsste. Zahlen zwischen 1 und 2 Prozent sind schließlich nichts, was ein sofortiges Ende eines Blatts begründen würde. Das größere Problem ist die Konstanz: Diese Verluste gibt es in dieser Größenordnung inzwischen schon seit 15 Jahren. Ohne irgendeine Unterbrechung. Ohne irgendein Anzeichen, das die Vermutung vom langsamen Ende des Leserschwunds von FAZ-Mann d´Inka belegen würde.
In Zahlen: Im dritten Quartal des Jahres 2002 wurden in Deutschland jeden Tag 27,49 Millionen Tageszeitungen aufgelegt. Im gleichen Quartal 2012 waren es nur noch 21,13 Millionen. Das sind die Zahlen der so genannten Gesamtauflage. Zieht man dann noch Bordexemplare und andere Komponenten ab und nimmt man dann nur die so genannte „harte Auflage“ als Maßstab, dann ist nach Auffassung von Experten die tägliche Stückzahl bereits unterhalb der 20-Millionen-Marke angekommen. Und schon kursieren Berechnungen wie die des Eichstätter Professors Klaus Meier, der eine simple Formel ausgibt: Geht es mit dem Auflagenschwund so weiter, dann erscheint 2034 in Deutschland die letzte gedruckte Zeitung.
So sehr um solche Thesen wie die von Klaus Meier gestritten wird, in einem sind sich die Teilnehmer der Debatten erstaunlich einig. Wenn es um die Ursachen für die Probleme der Zeitungen geht, dann dauert es nicht lange, bis fast alle zu dem Schluss kommen: Das Internet, das ist schuld! Was ja auf den ersten Blick auch einleuchtend klingt: Das Internet ist schnell, die Zeitung ist langsam. Das Internet ist modern und hip, der Tageszeitung haftet irgendwas Tantiges an. Junge Menschen lesen nur noch auf stylischen Smartphones und Tablets, die Zeitung hat raschelndes Papier zu bieten. Und, womöglich das wichtigste: Das Internet ist kostenlos, die Zeitung kostet etwas, inzwischen sogar richtig viel.
Doch so einfach ist es nicht. Geht man mit den Zahlen noch sehr viel weiter zurück, stellt man schnell fest, dass der erste Leserschwund bereits Mitte der 80er Jahre begann. Natürlich gab es Anfang der 90er Jahre nochmal einen kurzen und heftigen Anstieg in der Kurve, doch der ist leicht erklärt und obendrein kein Verdienst der Tageszeitungen: 17 Millionen Neubürger sorgten logischerweise auch für einen entsprechenden Auflagensprung. Lässt man also mal diese Sonderkonjunktur außen vor, verlieren Tageszeitungen seit mehr als 20 Jahren an Auflage und an Bedeutung. Wie also kommt man dann auf die Idee, dass es den Blättern noch so richtig gut ginge, wenn es das böse Netz nicht gäbe?














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