Bibliotheken wirken wie aus der Zeit gefallen. Und auch die Idee von Autor- und Urheberschaft steht zur Disposition. Warum der Verlust unserer Lesekultur verheerender ist, als wir denken
Der Altphilologe zuckt entschuldigend mit den Achseln. Ich halte noch immer seine Geschichte der antiken Texte in der Hand, die er mir in seinem Büro gegeben hat, 700 Seiten mit Listen von Editorennamen und Fundorten, Verlagen, Autoren und Titeln, bibliografischen Kürzeln und Jahreszahlen. Über zehn Jahre hat Manfred Landfester an dem Band gearbeitet, Teil einer Neuausgabe der 84-bändigen „Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft“, die der Stuttgarter Gymnasiallehrer August Friedrich Pauly 1837 begann. Der Neue Pauly enthält auf 12 000 Seiten unter 30 000 Stichworten, verfasst von über 2000 wissenschaftlichen Beiträgern aus 50 Ländern, unser Wissen über die Antike. 19 Bände, von dem Typografen Hans Peter Willberg aus der Bembo auf holz- und säurefreiem, geglättetem und alterungsbeständigem Werkdruckpapier gesetzt, in stabiles Bibliotheksleinen geschlagen und fadengeheftet, mit einem schönen Vorsatzpapier versehen und einer zweifarbigen Prägung auf dem Rücken.
„Das ist rein äußerlich ja ein etwas trockenes Werk“, sagt Professor Landfester und setzt mit einem etwas schüchternen Lächeln hinzu: „Aber im Grunde genommen ist es die Auflistung unseres ganzen kulturellen Gedächtnisses.“
Eine solche Edition wird es nie mehr geben, schon bei Erscheinen war sie anachronistisch. Brill, der Verlag der englischsprachigen Ausgabe, bietet längst den Zugang zur elektronischen Version im Abonnement. Und, höre ich die Verfechter der Netzkultur fragen, was ändert sich dadurch? Alles. Der Verweis auf die unendlichen Speicher der digitalen Welt, in denen nichts verloren geht, verkennt die spezifische Verschränkung von Medium und Gehalt, die unsere literarische Kultur ausgezeichnet hat, seit 1816 von Friedrich Christoph Perthes „Der deutsche Buchhandel als Bedingung des Daseyns einer deutschen Literatur“ erschien.
Perthes, der 1796 in Hamburg die erste Sortimentsbuchhandlung in Deutschland eröffnete, gehörte zu den Gründern des Börsenvereins des deutschen Buchhandels, und die Entwicklung, die mit ihm einsetzte, gibt seiner Überzeugung recht, Literatur entstehe immer in Wechselwirkung mit der Kultur ihrer Verbreitung. So, wie etwa der Roman als Form seinen Siegeszug nur deshalb und erst dann antreten konnte, als er sich für eine literarisierte Öffentlichkeit als das ideale Packmaß von Fiktionen erwies. Mit der Gründung der modernen Universitäten, mit den Zeitungen und ihren Feuilletons, den Verlagen, Buchhandlungen und Lesezirkeln fand diese Kultur die Gestalt, die wir kennen, eine gesellschaftliche Formation der Lesenden, zu deren grundlegenden Gesetzen die Unterscheidung von Text und Kommentar gehört, diejenige zwischen Autor und Werk, die Anerkennung und Honorierung von Urheberschaft, die Unverletzlichkeit des Textes. Das Ausmaß des medialen Bruchs, den wir erleben, zeigt sich daran, dass all diese Regeln heute zur Disposition stehen.
Ein schleichender Prozess der Auszehrung ist im Gang, man spürt sein Fortschreiten überall, in den Buchhandlungen, den Universitäten, den Rundfunkanstalten, den Literaturhäusern und Schulen: überall die potemkinsche Empfindung, durch bloße Fassaden zu gehen. Zwar gibt es all diese Institutionen noch, aber es kommt mir so vor, als wären sie dabei, von innen heraus zu vergehen. Die literaturwissenschaftlichen Seminare, in die ich eingeladen werde, muten ihren Studenten keine Bücher mehr zu, sondern kopieren zehnseitige Ausschnitte, anhand derer nicht etwa Romane verstanden, sondern lediglich Frage- und Diskussionstechniken eingeübt werden sollen. Kunststücke. Immer mehr Traditionsbuchhandlungen, die seit Jahrzehnten Lesungen veranstalten, mutieren zu Papeterien. In den Rundfunksendern trifft man auf Redakteure, die das Buch, über das sie mit einem sprechen wollen, nicht mehr gelesen haben dürfen, damit sie die Hörer besser abholen können, wie man das nennt.
Es ist, als fahre man von einer Geisterstadt zur nächsten, und überall trifft man auf Menschen, die in ihrer Begeisterung für die Literatur alt geworden sind und wissen, dass das, was sie tun, mit ihnen enden wird. Der literarische Raum zerfällt, er verliert seine Gravitation, alle Kräfte streben hinaus.
Wie sehr das literarische Kunstwerk selbst im Kern von diesem Prozess der Auszehrung betroffen wird, ja dass man sich dieses Kunstwerk überhaupt nicht unabhängig von dem Gedächtnisraum der literarischen Öffentlichkeit vorstellen darf, in den hinein es entsteht, zeigt sich an den eklatanten Veränderungen der Weise, wie Bücher gelesen werden. Auffällig an den Leserrezensionen des Onlinebuchhandels, die zunehmend die literarische Kritik ablösen, ist, dass jedes Buch rezipiert wird, als wäre es das erste, das man liest. Intertextuelle Bezüge, Anspielungen, Traditionen werden nicht mehr erkannt, eine gelungene Lektüre ist vor allem eine, bei der keine Verunsicherung der eigenen Kompetenz die Leseerfahrung stört. Der Boom von Festivals und Literaturevents bestätigt paradoxerweise nur dieses Absterben der Literarizität, denn der Untergang der literarischen Öffentlichkeit und Bildung erzwingt geradezu das eintauchende, unbedingte Leseerlebnis der Jugend, bei dem das Buch die reale Welt zu ersetzen imstande ist. Danach bleibt nur, es ebenso wie den musikalischen Hit, dem man eine Weile verfällt und dessen man doch zwangsläufig überdrüssig wird, in einer Liste abzuspeichern.












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