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Salon

LesekulturDas Ende des Buches und was wir verlieren

Von Thomas Hettche16. September 2012
picture alliance
Buch,Bücher,Lesen,Eselsohr
Das gute alte Buch - ein Relikt vergangener Tage?
Schrift:

Bibliotheken wirken wie aus der Zeit gefallen. Und auch die Idee von Autor- und Urheberschaft steht zur Disposition. Warum der Verlust unserer Lesekultur verheerender ist, als wir denken

Seite 1 von 5

Der Altphilologe zuckt entschuldigend mit den Achseln. Ich halte noch immer seine Geschichte der antiken Texte in der Hand, die er mir in seinem Büro gegeben hat, 700 Seiten mit Listen von Editorennamen und Fundorten, Verlagen, Autoren und Titeln, bibliografischen Kürzeln und Jahreszahlen. Über zehn Jahre hat Manfred Landfester an dem Band gearbeitet, Teil einer Neuausgabe der 84-bändigen „Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft“, die der Stuttgarter Gymnasiallehrer August Friedrich Pauly 1837 begann. Der Neue Pauly enthält auf 12 000 Seiten unter 30 000 Stichworten, verfasst von über 2000 wissenschaftlichen Beiträgern aus 50 Ländern, unser Wissen über die Antike. 19 Bände, von dem Typografen Hans Peter Willberg aus der Bembo auf holz- und säurefreiem, geglättetem und alterungsbeständigem Werkdruckpapier gesetzt, in stabiles Bibliotheksleinen geschlagen und fadengeheftet, mit einem schönen Vorsatzpapier versehen und einer zweifarbigen Prägung auf dem Rücken.

„Das ist rein äußerlich ja ein etwas trockenes Werk“, sagt Professor Landfester und setzt mit einem etwas schüchternen Lächeln hinzu: „Aber im Grunde genommen ist es die Auflistung unseres ganzen kulturellen Gedächtnisses.“

Eine solche Edition wird es nie mehr geben, schon bei Erscheinen war sie anachronistisch. Brill, der Verlag der englischsprachigen Ausgabe, bietet längst den Zugang zur elektronischen Version im Abonnement. Und, höre ich die Verfechter der Netzkultur fragen, was ändert sich dadurch? Alles. Der Verweis auf die unendlichen Speicher der digitalen Welt, in denen nichts verloren geht, verkennt die spezifische Verschränkung von Medium und Gehalt, die unsere literarische Kultur ausgezeichnet hat, seit 1816 von Friedrich Christoph Perthes „Der deutsche Buchhandel als Bedingung des Daseyns einer deutschen Literatur“ erschien.

Perthes, der 1796 in Hamburg die erste Sortimentsbuchhandlung in Deutschland eröffnete, gehörte zu den Gründern des Börsenvereins des deutschen Buchhandels, und die Entwicklung, die mit ihm einsetzte, gibt seiner Überzeugung recht, Literatur entstehe immer in Wechselwirkung mit der Kultur ihrer Verbreitung. So, wie etwa der Roman als Form seinen Siegeszug nur deshalb und erst dann antreten konnte, als er sich für eine literarisierte Öffentlichkeit als das ideale Packmaß von Fiktionen erwies. Mit der Gründung der modernen Universitäten, mit den Zeitungen und ihren Feuilletons, den Verlagen, Buchhandlungen und Lesezirkeln fand diese Kultur die Gestalt, die wir kennen, eine gesellschaftliche Formation der Lesenden, zu deren grundlegenden Gesetzen die Unterscheidung von Text und Kommentar gehört, diejenige zwischen Autor und Werk, die Anerkennung und Honorierung von Urheberschaft, die Unverletzlichkeit des Textes. Das Ausmaß des medialen Bruchs, den wir erleben, zeigt sich daran, dass all diese Regeln heute zur Disposition stehen.

Ein schleichender Prozess der Auszehrung ist im Gang, man spürt sein Fortschreiten überall, in den Buchhandlungen, den Universitäten, den Rundfunkanstalten, den Literaturhäusern und Schulen: überall die potemkinsche Empfindung, durch bloße Fassaden zu gehen. Zwar gibt es all diese Institutionen noch, aber es kommt mir so vor, als wären sie dabei, von innen heraus zu vergehen. Die literaturwissenschaftlichen Seminare, in die ich eingeladen werde, muten ihren Studenten keine Bücher mehr zu, sondern kopieren zehnseitige Ausschnitte, anhand derer nicht etwa Romane verstanden, sondern lediglich Frage- und Diskussionstechniken eingeübt werden sollen. Kunststücke. Immer mehr Traditionsbuchhandlungen, die seit Jahrzehnten Lesungen veranstalten, mutieren zu Papeterien. In den Rundfunksendern trifft man auf Redakteure, die das Buch, über das sie mit einem sprechen wollen, nicht mehr gelesen haben dürfen, damit sie die Hörer besser abholen können, wie man das nennt.

Es ist, als fahre man von einer Geisterstadt zur nächsten, und überall trifft man auf Menschen, die in ihrer Begeisterung für die Literatur alt geworden sind und wissen, dass das, was sie tun, mit ihnen enden wird. Der literarische Raum zerfällt, er verliert seine Gravitation, alle Kräfte streben hinaus.

Wie sehr das literarische Kunstwerk selbst im Kern von diesem Prozess der Auszehrung betroffen wird, ja dass man sich dieses Kunstwerk überhaupt nicht unabhängig von dem Gedächtnisraum der literarischen Öffentlichkeit vorstellen darf, in den hinein es entsteht, zeigt sich an den eklatanten Veränderungen der Weise, wie Bücher gelesen werden. Auffällig an den Leserrezensionen des Onlinebuchhandels, die zunehmend die literarische Kritik ablösen, ist, dass jedes Buch rezipiert wird, als wäre es das erste, das man liest. Intertextuelle Bezüge, Anspielungen, Traditionen werden nicht mehr erkannt, eine gelungene Lektüre ist vor allem eine, bei der keine Verunsicherung der eigenen Kompetenz die Leseerfahrung stört. Der Boom von Festivals und Literaturevents bestätigt paradoxerweise nur dieses Absterben der Literarizität, denn der Untergang der literarischen Öffentlichkeit und Bildung erzwingt geradezu das eintauchende, unbedingte Leseerlebnis der Jugend, bei dem das Buch die reale Welt zu ersetzen imstande ist. Danach bleibt nur, es ebenso wie den musikalischen Hit, dem man eine Weile verfällt und dessen man doch zwangsläufig überdrüssig wird, in einer Liste abzuspeichern.

Seite 2: Irgendwann wird das Alte zum Ballast

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Da bin ich

mal Optimistin: Ich hoffe, das Buch und die Bibliotheken werden bleiben. Die schönsten Momente in meinem Leben verbrachte ich in meiner Lieblingsbar und in der Universitätsbibliothek.

  • Antworten
Katharina K.18.09.2012 | 01:07 Uhr

Bedauerlich...

..wie der Derridasche Aufsatz in seiner zukunftsoffenen Komplexität schematisch heruntergebrochen wird auf ein Werkzeug im Dienste kulturpessimistischen Gejauners. Lieber Derrida lesen: Das kommende Buch, in: Jacques Derrida: Maschinen Papier. Das Schreibmaschinenband und andere Antworten, Wien 2006, S. 17-33.

  • Antworten
Gernot20.09.2012 | 17:45 Uhr

Unschädliche "Literarizität"

Die hier gefeirte "Literarizität" ist ein kleingeistiges Sich-selbst-Feiern mit medialer Hilfe, auf Kosten realer Aufklärung.
Das zumeist von der öffentlichen Hand zu Tode subventionierte Entkommens vom "Gängelwagen" (vgl. Kants Beschreibung dieses Karrens, der für Kind und Vieh genutzt wurde), hat sich für bestimmte, sich immer stärker selektierende Bevölkerungssegmente, die über Geld, Grund und Aktien verfügen, als spießbürgerliches Dekor erwiesen, aufgeschmückt mit ein wenig Buch, mit viel Musik, mit medialem Radau.
Widerborstigkeit und Befreiungsversuche blieben dem Occupy und einigen Shades of grace vorbehalten: nutzlose Versuche einer uniformen Gleichheit auf hohem kulturellen Niveau und unschädlichem Erfolg.
"Literarizität" als Behauptung eines zivilisataorisch Faktischen ist so schnurz wie das Wörtle selbst. Ein spätbürgerlicher Euphemismus. Typisches Politdeutsch.

Was bleibt von der Aufklärung?
Eine isolierte Sprengkraft: Hölderlinsche Spätmetaphorik. (Sie bleibt ein Ästhetikum. Kein politisches Aphrodisiakum.)

  • Antworten
Antonius REyntjes21.09.2012 | 15:35 Uhr

Perspektivwechsel

Ich lese den Artikel so ähnlich wie die Rede von Michael Krüger bei den Buchtagen (http://www.kohlibri-blog.de/2012/06/die-berliner-rede-von-michael-kruger/). Man kann ja den Verlust des Buches oder des Buchlesens, wie er hier von Thomas Hettche prophezeit wird, bedauern und die Folgen mit Vokabeln beschreiben wie "verheerend", "Auszehrung", "vergehen", "zerfallen", "Gravitation verlieren", "alle Kräfte dtreben hinaus", "verloren gehen", "nichts bleibt", "auflösen".
Aber man kann auch erkennen, daß alle diese Begriffe nur dann stimmen, wenn man sie aus der Perspektive des Buches bzw. des Lesens als dem Zentrum aller Dinge heraus sieht.
So mag es ja sein, daß die Buchwelt ihre Gravitationskraft verliert - etwas ähnliches hat zum Beispiel auch Alexander Skipis, Geschäftsführer des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, formuliert, der sinngemäß sagte, er sehe die Buchwelt vom Zentrum der kulturellen Auseinandersetzung an den Rand driften.
Nur muß das Bild für jemanden, für den das Buch nicht das Lebenszentrum ist, nicht erschreckend sein - man könnte es auch von der anderen, der buchfernen Seite sehen und erkennen, dass Elemente, die vorher im Buch aufgehoben waren, nun auch in alle Lebensbereiche dringen. Das Storytelling, das früher auf dem Marktplatz, später dann in Romanen stattfand, wandert nun in interaktive Spiele weiter...
Und die Vorstellung vom "Vergehen", "Verfallen", "Auflösen" kann ich angesichts des beeindruckenden Umfangs von digitalter Textproduktion auf Hunderten von Blogs und Social Media-Plattformen überhaupt nicht nachvollziehen.
Das, was war, löst sich nicht auf, und das, was noch nicht geschrieben ist, wird nun nicht mehr so geschrieben, wie es geschrieben worden wäre, wenn die Welt nicht so geworden wäre, wie sie ist.
Aber dieser Gedanke ist, genau betrachtet, so komisch, wie er sich niederschreibend anfühlt.
Es wird etwas anders sein, als es war - das kann man konstatieren, aber nicht ernsthaft mit einer Salve pejorativer Attribute kommentieren, finde ich.

Ich würde mir von Thomas Hettche und Gleichgesinnten etwas anderes wünschen: So wie er das Projekt Null einst ausprobierte, wäre interessant, wäre interessant, an Werken und Infrastrukturen mitzuformen, die versuchen, die Verluste, die Thomas Hettche fürchtet, aufzufangen, die das von ihm beschriebene Leseerlebnis bewahren helfen, die der Flüchtigkeit entgegenwirken.
Solange die digitale Landschaft überwiegend nur von literatur- und buchfremden Menschen geprägt wird, bildet sie eben dies auch ab: Eine Literaturabwesenheit.

Aber das muß ja nicht so bleiben.

  • Antworten
René Kohl28.09.2012 | 09:10 Uhr

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