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Salon

Im Rausch der EmanzipationDas Ende der Männer

Von Hanna Rosin22. Februar 2013
picture alliance
Hanna Rosin: Die „Plastikfrau” kommt
Schrift:

Frauen übernehmen zunehmend männliche Pflichten und begraben traditionelle Rollenbilder. Die Gesellschaft wird dadurch nicht weiblicher. Vielmehr, so die Buchautorin Hanna Rosin, würden Frauen martialischer und in ihrer Unabhängigkeit zwiegespalten

Seite 1 von 7

Im Jahr 2009 bemerkte ich in der Küstenstadt, wo ich mit meiner Familie seit Jahren Urlaub machte, etwas Seltsames: Wenn ich mich von den gemieteten Häusern der Urlauber entfernte und zum Beispiel zum Supermarkt oder zur Eisdiele ging, sah ich kaum noch Männer. Auch am Samstagabend auf dem Rummelplatz waren kaum welche da, und am Sonntagmorgen auf den Parkplätzen vor den Kirchen stiegen kaum mehr welche aus den Autos, wie sie es in früheren Zeiten getan hatten. Wir waren in einer wohlhabenden Arbeiterstadt, in der eines der wichtigsten Gewerbe immer der Bau gewesen war. Ich erinnerte mich, dass in früheren Jahren selbst an Samstagen Gruppen von Männern in Pick-ups die Hauptstraßen entlangfuhren. Jetzt aber waren kaum mehr Pick-ups unterwegs, aber viele Chevys und Toyotas mit Frauen und Kindern, die ihren Wochenendaktivitäten nachgingen.

US-Autorin Hanna Rosin (Foto: picture alliance)Eines Nachmittags stieß ich bei einem hektischen Einkauf im Supermarkt mit dem Einkaufswagen einer anderen Frau zusammen. Dabei fielen ein paar Müsliriegel zu Boden, die auf einer Riesenpackung Cheerios gelegen hatten. Ich entschuldigte mich, und sie verzieh mir. Ja, sie entpuppte sich sogar als eine gesprächsbereite Fremde. Sie hieß Bethenny und sagte, sie sei 29 und betreibe in ihrem Haus eine Kindertagesstätte (deshalb die Riesenpackung Frühstückszerealien). Außerdem studierte sie, um einen Abschluss als Pflegekraft zu machen, und sorgte für eine zehnjährige Tochter.

Weil sie so entgegenkommend war, wagte ich mich näher an den Kern der Sache. Ob sie verheiratet sei, fragte ich. Nein. Ob sie gern verheiratet wäre? Irgendwie schon, sagte sie. Dann gab sie einen halb ironischen Wunschtraum über einen Doppelgänger von Ryan Reynolds zum Besten, der auf einem weißen Pferd oder vielleicht auch nur in einem weißen Chevy daherkommt. Ob es denn irgendeinen normal­sterblichen Mann gebe, der für diese Rolle infrage komme. „Na ja, da ist Calvin“, sagte sie und meinte damit den Vater ihrer Tochter. Sie schaute zu ihrer Tochter hinüber, warf ihr einen Müsliriegel zu und beide lachten. „Aber mit Calvin hätten wir zwei einfach einen Müsliriegel weniger.“

Bethenny hatte offenbar in vieler Hinsicht zu kämpfen. Als ich sie an der Kasse wiedersah, stritt sie gerade wegen irgendwelcher Gutscheine herum. Trotzdem war sie nicht gerade der Typ der mitleiderregenden alleinerziehenden Mutter. Ihr Lachen hatte echte Freude ausgedrückt, eine Art geheimes Einverständnis mit ihrer Tochter, die Müsliriegel selbst zu behalten. Ohne es direkt zu sagen, hatte sie mir zu verstehen gegeben, was ihre Tochter offenbar schon verstanden und akzeptiert hatte. Wenn sie Calvin auf Distanz hielt, blieb sie Herrin im Haus, und wenn sie ein Maul weniger stopfen musste, ging es ihr und ihrer Tochter vielleicht sogar besser.

Wie kam es, dass der Vater ihres Kindes so wenig Einfluss auf sie hatte? Wie kam es, dass sein Wert gegen den einer Süßigkeit aufgewogen werden konnte? Ich traute mich, sie zu fragen, ob ich mit Calvin Kontakt aufnehmen dürfe, und sie gab mir bereitwillig seine Telefonnummer. Im Lauf der nächsten paar Monate sprachen Calvin und ich alle paar Wochen miteinander. Dabei versuchte ich herauszufinden, wie er so unsichtbar geworden war. Er war ein netter, ernsthafter Mensch, und es war nicht schwer, ihn zu mögen.

[video:Meyers Monolog: „Den Deutschen mangelt es an erotischer Kultur“]

Er erzählte von den vielen Jobs, die er schon gemacht und gehasst hatte, und ich gab ihm gute Ratschläge in Bezug auf die Arbeit und andere wichtige Dinge. (Zum Beispiel erklärte ich ihm, wie man die Mikrowelle im 7‑Eleven bedient, eine permanente Quelle der Frustration, wenn er dort seine Mittagsmahlzeit kaufte.) Ich kam auf den Gedanken, eine Geschichte darüber zu schreiben, was im postindustriellen Zeitalter mit Typen wie Calvin passierte, und hoffte, er könnte mir vielleicht helfen, das Rätsel der fehlenden Männer zu lösen.

Die Begriffe „Mancession“ und „He-cession“ für eine Rezession, durch die vor allem Männer arbeitslos werden, hatten in jenem Jahr eine wichtige Rolle in den Schlagzeilen gespielt. Dabei sollte die etwas verkrampfte Eleganz der Wortschöpfungen wohl die schmerzliche Tatsache erträglicher machen, dass die Opfer dieser jüngsten ökonomischen Katastrophe traditionelle Familienernährer wie Calvin waren. Ich fragte mich, wie diese Männer, die schon von der Rezession der neunziger Jahre arg gebeutelt worden waren, fast 20 Jahre später, nach dieser neuen Serie von Schlägen, wohl dastanden. Und wie sie wieder in ein normales Leben zurückfinden würden.

Seite 2: Wir haben das Ende einer 200 000-jährigen Periode der Menschheitsgeschichte erreicht

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Der intellektuelle Bankrott des Feminismus

Das ist tatsächlich das einzige "Ende", das sich in Rosins Buch dokumentiert. Denn was sie unter dem Etikett "Männer und Frauen" beschreibt, ist tatsächlich die amerikanische Klassengesellschaft - eine 30/70-Gesellschaft, in der es sich 30 Prozent der Bevölkerung leisten können, biografisch flexible Berufs- und Elternzeitmodelle zu leben, während sich 70 Prozent irgendwie an eingeschränkte Entfaltungsmöglichkeiten anzupassen versuchen.

Es ist auch keine weiblich dominierte "Dienstleistungsgesellschaft", wie Rosin behauptet, sondern eine Gesellschaft, deren Ökonomie weiterhin auf den technologischen Revolutionen beruht, die von den Männern der 30% aufsteigender Mittelschicht vorangetrieben werden, während 70% auf die Folgen dieser Revolution nur passiv reagieren können und von Stagnation oder Abstieg bedroht sind.

Aber "Klassengesellschaft" ist nun mal ein Begriff, für dessen Gebrauch sich Rosin als Amerikanerin den Mund mit Seifenlauge ausspülen müsste. Und so münden ihre Folgerungen in ein Plädoyer für die perfekte Anpassung: ihr Ideal ist "plastic woman", das opportunistische Anpassungswunder an die Systemzwänge des Kapitalismus. Wobei es sich im 70%-Part der Gesellschaft eben auszahlen sein kann, beruflich gefährdeten männlichen Kernfamilienanhang als Ballast abzustoßen und das dann als weibliche Autonomie zu feiern.

Feminismus hatte mal was mit Emanzipation zu tun. Alles, was heute davon übrig ist, ist ein lobbyistisches Establishment, das sich nur noch für die selektive Aufwärtsmobilität von Mittelschichtfrauen einsetzt, auf diese Weise weibliche Gewinner hofiert und männliche Verlierer zu selbstverschuldeten Trotteln erklärt.

  • Antworten
djadmoros22.02.2013 | 17:49 Uhr

Da ist was dran

Der Artikel ist etwas uferlos - was will die Autorin sagen? Eigentlich weiß ich es nicht. Wahr bleibt, dass sie tendenziell den Aufbruch der Plastikfrauen behauptet, wo bei genauem Hinsehen lediglich und nicht nur in Amerika eine "Jeder-muss-sehen-wo-er-bleibt"-Gesellschaft entsteht. Wozu sollte eine Frau aus den 70 % auch auf einen Ernährer warten, wenn sie täglich sieht, dass das nicht funktioniert? Nicht, weil plötzlich die Männer anders geworden sind, sondern weil diese keine oder nur kurze Jobs bekommen, mit denen man keine Familie "ernährt". Also krempeln sie - wie die Frauen aller Zeiten in Notsituationen - selber die Ärmel hoch und versuchen Land zu gewinnen. Dass dabei die Domestikationseigenschaften der Schattenidylle Familie, die nur dort in Ruhe überleben können, auf der Strecke bleiben - wen wunderts? Prinzipiell sind Frauen einfach nur Menschen, und sie sind grundsätzlich weder besser noch schlechter als Männer. Warum sollte es denn anders sein?

Es wird spannend sein zu sehen, wie sich Menschen künftig mit der völligen Auflösung jeder Sicherheit arrangieren werden: politisch, ökonomisch und privat. Familie als Hort der Zuverlässigkeit hat vermutlich wirklich ausgedient. Die Individualisierung vollendet sich. Statistisch von BigData mehrfach erfasst und ausgewertet, ohne dauerhafte Bedeutung für irgendwen. Ein Episodenleben ohne persönliche Geschichte.

  • Antworten
Leo23.02.2013 | 10:46 Uhr

Raus aus der Komfortzone! Geht oft nur wenn es drückt...

Das klingt irgendwie alles wie meine eigene Familiengeschichte. Als meine Mutter es mit meinem cholerischen Vater nicht mehr aushielt, haben sie sich geschieden. Mein kleiner Bruder (damals 8 Jahre alt) hatte ihr gesagt "Du kannst auch Geld verdienen!" Und meine Mutter hat ihm geglaubt. Und sie hat es auch geschaft. Während dessen hat mein Vater "geschmollt" er hat es mir später selbst so ähnlich gestanden: er hat den Kontakt zu uns Kindern immer mehr vernachlässigt und uns damit verletzt, er hat seine Gesundheit und seine Arbeit vernachlässigt. Er kommt über die Runden, aber Unterhalt gab es nicht. Jetzt wo ich erwachsen geworden bin, kommt ein Gefühl hoch: Ich hatte ihn am liebsten an den Schultern gepackt und feste gerüttelt "WACH AUF! TU WAS!" aber er fühlt sich immer noch einsam und träumt davon, dass sich vielleicht irgendwann einer seiner Söhne doch noch bei ihm melden wird. Er ist 76, viel Zeit haben meine Brüder nicht mehr um sich mit ihm zu verSÖHNen. Ich tat es vor 4 Jahren, sie haben das Schmollen wohl auch von ihm gelernt. Was sie alle (auch mein Vater) mit "ich brauche ihn nicht" verkleiden.

Ein wenig mehr weibliche Eigenschaften würden vielen gut tun und sie würden erstaunt feststellen, dass sie glücklicher werden würden.

Danke für den Text. Obwohl mir einige Überschriften nicht gefallen. Wenn es ein "Ende" der Männer gäbe, dann wäre das gleichzeitig das Ende der Frauen. Ich begrüße es, dass ich selbst mehr Freiheit habe um mich zu definieren oder redefinieren und deshalb bin ich nicht weniger Frau. Das gleiche gilt für die Männer, die sollen es einfach mal ausprobieren. Da fällt mir mein Kollege ein, der nach seinen 2 Monaten Elternzeit nur noch gestrahlt hat, weil er Papa ist und sein Sohn sein ein und alles (und ich strahle wenn ich ihn begeistert erzählen höre).

  • Antworten
M. Delgado22.02.2013 | 19:04 Uhr

Sexismus

Christoph Kucklick resümierte bereits im "Spiegel":
"Rosin weicht in jene Denkwelten aus, in denen auch die Brüderle-Debatte zu verhallen droht - und präsentiert einen der sexistischsten Texte der jüngeren Vergangenheit. Denn ihren Aufstieg verdanken die Frauen laut Rosin und ihren Anhängerinnen allein ihrer naturgegebenen Flexibilität, ihrem Fleiß und ihrer Durchsetzungskraft. Und der Fall der Männer ist allein deren Idiotie, Faulheit und Verantwortungslosigkeit geschuldet. Männer kommen in dieser Gedankenwelt nur als pornoglotzende, videospielende und emotional restlos verkümmerte Grenzdebile vor, die nicht einmal eine Mikrowelle bedienen können."

"Im Rausch der Emanzipation" ist insofern eine recht treffende Subline. Von feministischer Selbstbeweihräucherung benebelt, bricht da latenter Sexismus gleich Unverdautem aus dem Inneren der Berauschten und verbreitet nichts als den sauren Gestank der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit.

  • Antworten
ReVolte22.02.2013 | 20:40 Uhr

Sie haben eins vergessen

und zwar, dass Männer keine Kinder kriegen können. Und wenn sie welche Zeugen und die Beziehung beendet wird (meist von den gut beschriebenen Plastikfrauen), bleibt ihnen nichts. Die Kinder bleiben selbstverständlich bei der Mutter (denn Mann kann das ja nicht, bzw soll es auch gar nicht dürfen). Zu diesem Entzug der sozialen Grundlage kommt noch der Verlust der Ernähreraufgabe. Es geht dabei garnichtmal um Machtausübung, sondern um den Sinn den dieser Status dem Leben gibt.
Frauen sind Mütter und Männer ...? Berufliche Perspektiven sind nicht das was das Leben allein ausfüllen. Und dieses Problem wird im tollen neuen Matriarchat schlichtweg ignoriert und das erzeugt viel unnötiges Leid.

  • Antworten
Hans Wurst22.02.2013 | 23:56 Uhr

Jedes Ende beinhaltet einen Anfang ...

... und aus diesem Wissen heraus, bin ich überzeugt, dass die Autorin mit dem Ende ihrer eingeschränkten Weltsicht, auch irgendwann in der Lage sein wird, Menschen, statt Männer und Frauen zu sehen.

Und dann erst beginnt auch das Ende ihrer dogmatischen Sicht auf Mann und die Frau und so wird sie beginnen können zu verstehen, dass in dieser Welt MENSCHEN darum bemüht sind, ihren Platz, Ihre Rolle und ihre Aufgabe im Leben zu erkennen und sie zu auszufüllen ...

Diesen marktschreierischen Titel benötigte sie, um ihre durchschnittlichen Gedanken in überdurschnittliche Verkaufszahlen für ihr Buch umzusetzen. Es wird ihr damit ganz sicherlich gelingen, da es noch immer viele weibliche Menschen mit dieser eingeschränkten Weltsicht gibt ...

  • Antworten
Ippokratis23.02.2013 | 13:16 Uhr

@Ippokratis

ich begleite gedanklich ihre Zeilen mit einem SEHR GUT. Denn ja, wir sind, ob Frau oder Mann, erst mal Menschen, ( zudem jeglicher Hautfarbe.) Danke!

  • Antworten
marianne erni-stiner02.04.2013 | 15:41 Uhr

Aus eigener Erfahrung...

...kann ich nur sagen, dass die meisten Frauen sich im Kern nur wenig geändert haben. Sie wollen immer noch den erfolgreichen Beschützer, gerne mit einem guten Schuss des viel geschmähten Machismo. Sie stehen insbesondere im Bett auf eindeutige Rollenverteilungen, nur weil sie mal oben sein will ändert das daran im Grundsatz überhaupt nichts.

Die Frauen, die sich warum auch immer davon völlig verabschiedet haben, klagen gleichzeitig über Leere im Leben, Leistungsdruck, Überforderung, Langeweile im Bett.

Ich mache mir da keine Sorgen und gönne jeder Frau ihre Unabhängigkeit oder was sie dafür hält von Herzen. Für bestimmte Charakteristika, Tätigkeiten, Rollen werden die Damen langfristig reumütig zu uns zurückfinden, weil sie es mit noch so viel Übung nicht so gut hinkriegen oder nicht darauf verzichten wollen - wie umgekehrt übrigens auch.

...und es könnte sein, dass selbst Schwarzer, Jelinek und Co. das noch miterleben.

  • Antworten
Christopoulos25.02.2013 | 11:37 Uhr

Basic`s

So isses. Denn es sind die Basic`s des Lebens. Ohne das gibt`s kein Kribbeln im Bauch.Aber wenn man Alles will, hat man Ende nichts.

  • Antworten
kultura25.02.2013 | 19:29 Uhr

Den hier beschriebenen Effekt

Den hier beschriebenen Effekt kann ich Ansatzweise auch bei uns in Deutschland nachvollziehen. Aber hier werden die Rolle der gebildeten Frau mit dem ungebildeten Mann verglichen. Vielmehr geht es in unserer Gesellschaft momentan um eine Spaltung in die beschriebenen flexiblen Gewinner der Veränderung und in Verlierer. In der Tat gibt es überproportional viele "Verlierer" unterden Männern, aber es gibt auch sehr viele Frauen. Die angeführten Kranführer sind ebenso betroffen wie die "Schlecker Frauen" (Unwortkandidat).
Die eigentlichen Verlierer sind die Kinder denen die Familien abhanden kommen.

  • Antworten
Alleinerziehender25.02.2013 | 15:20 Uhr

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