Im Rausch der Emanzipation

Das Ende der Männer

Frauen übernehmen zunehmend männliche Pflichten und begraben traditionelle Rollenbilder. Die Gesellschaft wird dadurch nicht weiblicher. Vielmehr, so die Buchautorin Hanna Rosin, würden Frauen martialischer und in ihrer Unabhängigkeit zwiegespalten

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Unser Autor

Hanna Rosin wurde 1970 in Israel geboren und wuchs in New York auf. Sie schreibt unter anderem für die Washington Post und das Magazin The Atlantic.

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Im Jahr 2009 bemerkte ich in der Küstenstadt, wo ich mit meiner Familie seit Jahren Urlaub machte, etwas Seltsames: Wenn ich mich von den gemieteten Häusern der Urlauber entfernte und zum Beispiel zum Supermarkt oder zur Eisdiele ging, sah ich kaum noch Männer. Auch am Samstagabend auf dem Rummelplatz waren kaum welche da, und am Sonntagmorgen auf den Parkplätzen vor den Kirchen stiegen kaum mehr welche aus den Autos, wie sie es in früheren Zeiten getan hatten. Wir waren in einer wohlhabenden Arbeiterstadt, in der eines der wichtigsten Gewerbe immer der Bau gewesen war. Ich erinnerte mich, dass in früheren Jahren selbst an Samstagen Gruppen von Männern in Pick-ups die Hauptstraßen entlangfuhren. Jetzt aber waren kaum mehr Pick-ups unterwegs, aber viele Chevys und Toyotas mit Frauen und Kindern, die ihren Wochenendaktivitäten nachgingen.

US-Autorin Hanna Rosin (Foto: picture alliance)Eines Nachmittags stieß ich bei einem hektischen Einkauf im Supermarkt mit dem Einkaufswagen einer anderen Frau zusammen. Dabei fielen ein paar Müsliriegel zu Boden, die auf einer Riesenpackung Cheerios gelegen hatten. Ich entschuldigte mich, und sie verzieh mir. Ja, sie entpuppte sich sogar als eine gesprächsbereite Fremde. Sie hieß Bethenny und sagte, sie sei 29 und betreibe in ihrem Haus eine Kindertagesstätte (deshalb die Riesenpackung Frühstückszerealien). Außerdem studierte sie, um einen Abschluss als Pflegekraft zu machen, und sorgte für eine zehnjährige Tochter.

Weil sie so entgegenkommend war, wagte ich mich näher an den Kern der Sache. Ob sie verheiratet sei, fragte ich. Nein. Ob sie gern verheiratet wäre? Irgendwie schon, sagte sie. Dann gab sie einen halb ironischen Wunschtraum über einen Doppelgänger von Ryan Reynolds zum Besten, der auf einem weißen Pferd oder vielleicht auch nur in einem weißen Chevy daherkommt. Ob es denn irgendeinen normal­sterblichen Mann gebe, der für diese Rolle infrage komme. „Na ja, da ist Calvin“, sagte sie und meinte damit den Vater ihrer Tochter. Sie schaute zu ihrer Tochter hinüber, warf ihr einen Müsliriegel zu und beide lachten. „Aber mit Calvin hätten wir zwei einfach einen Müsliriegel weniger.“

Bethenny hatte offenbar in vieler Hinsicht zu kämpfen. Als ich sie an der Kasse wiedersah, stritt sie gerade wegen irgendwelcher Gutscheine herum. Trotzdem war sie nicht gerade der Typ der mitleiderregenden alleinerziehenden Mutter. Ihr Lachen hatte echte Freude ausgedrückt, eine Art geheimes Einverständnis mit ihrer Tochter, die Müsliriegel selbst zu behalten. Ohne es direkt zu sagen, hatte sie mir zu verstehen gegeben, was ihre Tochter offenbar schon verstanden und akzeptiert hatte. Wenn sie Calvin auf Distanz hielt, blieb sie Herrin im Haus, und wenn sie ein Maul weniger stopfen musste, ging es ihr und ihrer Tochter vielleicht sogar besser.

Wie kam es, dass der Vater ihres Kindes so wenig Einfluss auf sie hatte? Wie kam es, dass sein Wert gegen den einer Süßigkeit aufgewogen werden konnte? Ich traute mich, sie zu fragen, ob ich mit Calvin Kontakt aufnehmen dürfe, und sie gab mir bereitwillig seine Telefonnummer. Im Lauf der nächsten paar Monate sprachen Calvin und ich alle paar Wochen miteinander. Dabei versuchte ich herauszufinden, wie er so unsichtbar geworden war. Er war ein netter, ernsthafter Mensch, und es war nicht schwer, ihn zu mögen.

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Er erzählte von den vielen Jobs, die er schon gemacht und gehasst hatte, und ich gab ihm gute Ratschläge in Bezug auf die Arbeit und andere wichtige Dinge. (Zum Beispiel erklärte ich ihm, wie man die Mikrowelle im 7‑Eleven bedient, eine permanente Quelle der Frustration, wenn er dort seine Mittagsmahlzeit kaufte.) Ich kam auf den Gedanken, eine Geschichte darüber zu schreiben, was im postindustriellen Zeitalter mit Typen wie Calvin passierte, und hoffte, er könnte mir vielleicht helfen, das Rätsel der fehlenden Männer zu lösen.

Die Begriffe „Mancession“ und „He-cession“ für eine Rezession, durch die vor allem Männer arbeitslos werden, hatten in jenem Jahr eine wichtige Rolle in den Schlagzeilen gespielt. Dabei sollte die etwas verkrampfte Eleganz der Wortschöpfungen wohl die schmerzliche Tatsache erträglicher machen, dass die Opfer dieser jüngsten ökonomischen Katastrophe traditionelle Familienernährer wie Calvin waren. Ich fragte mich, wie diese Männer, die schon von der Rezession der neunziger Jahre arg gebeutelt worden waren, fast 20 Jahre später, nach dieser neuen Serie von Schlägen, wohl dastanden. Und wie sie wieder in ein normales Leben zurückfinden würden.

Seite 2: Wir haben das Ende einer 200 000-jährigen Periode der Menschheitsgeschichte erreicht

Ich hoffte, so lange mit Calvin in Kontakt bleiben zu können, bis er den Familieneinkauf wieder zahlen könnte und nach Hause zurückkehren würde. Ein Teil von mir stellte sich immer noch irgendeine ferne Zukunft vor, in der Calvin und Bethenny wieder zusammenkommen und mit ihrer Tochter ein glückliches Trio bilden würden. Aber als ich meine Gespräche mit ihm führte und das Problem immer genauer recherchierte, entdeckte ich, dass ich mit den falschen Fragen begonnen hatte. Calvin und seine Freunde versuchten gar nicht mehr, in die Leben zurückzukehren, die sie einst geführt hatten, weil es diese Leben überhaupt nicht mehr gab.

Ich verstand allmählich, dass sich Wirtschaft und Kultur grundlegend verändert hatten, und zwar nicht nur in Bezug auf die Männer, sondern auch in Bezug auf die Frauen. Beide Geschlechter würden sich an eine ganz neue Art, zu arbeiten und zu leben und sogar zu lieben, anpassen müssen. Calvin würde nicht mit einem Chevy vorfahren und seinen alten Platz am Kopf der Tafel wieder einnehmen, weil dort schon Bethenny saß, ganz zu schweigen davon, dass sie die Monatsraten für die Hypothek, die Renovierung der Küche und ihren eigenen Gebrauchtwagen zahlte. Bethenny tat zu viel, aber es funktionierte, und sie hatte ihre Freiheit. Warum sollte sie das alles aufgeben wollen?

Meine Geschichte handelte jetzt nicht mehr davon, wie tief die Männer gesunken waren; diese Entwicklung war schon seit mehreren Jahrzehnten im Gange und mehr oder weniger abgeschlossen. Das neue Thema bestand darin, dass die Frauen die Männer zum ersten Mal in der Geschichte in vieler Hinsicht übertroffen hatten. Die Calvins und die Bethennys, wir alle, hatten das Ende einer 200 000-jährigen Periode der Menschheitsgeschichte und den Beginn einer neuen Ära erreicht, und es gab kein Zurück. Sobald ich mich dieser Möglichkeit stellte, erkannte ich, dass es überall Hinweise auf sie gab und wir alle nur durch jahrhundertelange Gewohnheiten und Traditionen daran gehindert wurden, sie zu sehen.

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Während der großen Rezession ab 2007 waren drei Viertel der 7,5 Millionen Arbeitsplätze, die in den USA verloren gingen, männliche Arbeitsplätze. Die am schwersten betroffenen Branchen hatten in der weit überwiegenden Mehrheit männliche Beschäftigte und ein ausgeprägtes Macho-Image: Bau, Industrieproduktion, Finanzmanagement. Einige dieser Arbeitsplätze entstanden wieder, aber insgesamt ist die Veränderung weder zufällig noch vorübergehend. Durch die Rezession wurde lediglich ein tiefgreifender wirtschaftlicher Wandel erkennbar (und beschleunigt), der schon 30 Jahre und in mancher Hinsicht sogar noch länger andauert.

Im Jahr 2009 waren in den USA zum ersten Mal mehr Frauen als Männer beschäftigt, und die Frauen stellen auch heute noch etwa die Hälfte der amerikanischen Beschäftigten. (Das Vereinigte Königreich und mehrere andere Länder erreichten den Umschlagpunkt ein Jahr später.) An allen Hoch- und Fachschulen auf der ganzen Welt mit Ausnahme Afrikas sind Frauen in der Überzahl. In den Vereinigten Staaten zum Beispiel kommen auf zwei Männer, die einen Bachelor of Arts machen, jeweils drei Frauen. Von den 15 Kategorien von Tätigkeiten, deren Zahl in den USA im kommenden Jahrzehnt vermutlich am stärksten zunehmen wird, werden zwölf primär von Frauen ausgeübt. Tatsächlich ist die US‑Wirtschaft in mancher Hinsicht mehr und mehr von einer Art rotierender Schwesternschaft geprägt: Frauen werden berufstätig und verlassen den Haushalt und schaffen damit Haushaltsjobs für weitere Frauen. Unsere riesige notleidende Mittelschicht, in der die Unterschiede zwischen Männern und Frauen am größten sind, wird langsam zu einem Matriarchat, in dem die Zahl der Männer sowohl unter den Beschäftigten als auch in den Haushalten mehr und mehr schwindet und in dem Frauen alle Entscheidungen treffen.

In der Vergangenheit waren die Männer vor allem wegen ihrer Körpergröße und Körperkraft im Vorteil, aber in der postindustriellen Wirtschaft ist Muskelkraft unwichtig geworden. In einer Dienstleistungs- und Informationsgesellschaft werden genau die gegenteiligen Eigenschaften belohnt, nämlich solche, die nicht so leicht durch Maschinen zu ersetzen sind. Diese Eigenschaften – soziale Intelligenz, Kommunikationsfähigkeit, die Fähigkeit, still zu sitzen und sich zu konzentrieren – sind keine vornehmlich männlichen Skills, ja sie scheinen sogar bei Frauen weiter verbreitet zu sein. In den ärmeren Regionen Indiens lernen die Frauen schneller Englisch als die Männer, um den Anforderungen der neuen globalen Call-Center gerecht zu werden. In China sind mehr als 40 Prozent der Privatunternehmen im Besitz von Frauen; dort ist ein roter Ferrari das Statussymbol der Unternehmerin. Im Jahr 2009 machten die Isländer Johanna Sigurdardottir zu ihrer Ministerpräsidentin; sie wurde die erste offen lesbisch lebende Staatschefin der Welt. Sigurdardottir hatte das Ende des „Testosteronzeitalters“ propagiert und ihren Wahlkampf ausdrücklich gegen die männliche Elite geführt, die ihrer Aussage nach das isländische Bankensystem zerstört hatte.

Seite 3: Der Wandel reicht weit in die intimen Beziehungen zwischen Paaren hinein

Der Wandel reicht weit in die intimen Beziehungen zwischen Paaren hinein und verändert weltweit die Einstellung, die Männer und Frauen zu den Themen Liebe, Ehe und Sex haben. In Asien, wo die Frauen immer mehr an Macht gewinnen und sich mehr und mehr von dem traditionellen kulturellen Ideal der perfekten Ehefrau distanzieren, liegt das durchschnittliche Heiratsalter der Frau inzwischen bei 32, und die Zahl der Scheidungen nimmt explosionsartig zu. Das Missverhältnis zwischen traditionell gesinnten Männern und fortschrittlichen Frauen hat zu einem internationalen Heiratsmarkt geführt, auf dem Männer aus der ganzen Welt Frauen suchen, deren Werte (noch) mit ihren eigenen übereinstimmen. Im Westen bringen Frauen ihre sexuellen Bedürfnisse inzwischen mit einer Offenheit zum Ausdruck, die noch vor 20 Jahren unvorstellbar gewesen wäre.

In den Vereinigten Staaten sind die Veränderungen in den Geschlechterbeziehungen je nach sozialer Schicht sehr unterschiedlich, ja fast gegensätzlich. Unser Land spaltet sich in zwei auseinanderstrebende Gesellschaften, die jeweils durch bestimmte Ehestrukturen gekennzeichnet sind. Die eine Gesellschaft besteht aus den 30 Prozent der Amerikaner, die über einen Hochschulabschluss verfügen, und die andere besteht aus allen anderen: aus den Armen, aus der Arbeiterschicht und aus der Gruppe, die die Soziologen als „mäßig gebildete Mitte“ bezeichnen. Damit meine ich Personen, die einen Highschool-Abschluss und eine gewerbliche Ausbildung und manchmal auch Hochschulerfahrung haben, aber keinen vollwertigen Hochschulabschluss besitzen. In dieser großen zweiten Gruppe geht der Aufstieg der Frau mit der langsamen Erosion der Institution Ehe und sogar mit wachsendem Zynismus in Bezug auf die Liebe einher.

Während die Frauen in dieser Gruppe ihr Los langsam verbessern, stellen sie zugleich höhere Anforderungen an die Ehe: einen Mann, der wie Ryan Reynolds aussieht, mit weißem Chevy. Doch die Männer aus ihrer Schicht werden diesen Anforderungen nicht gerecht. Sie halten vielleicht noch am traditionellen Ideal des männlichen Ernährers fest, können es aber längst nicht mehr erfüllen.

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In der gebildeten Klasse hat die neue wirtschaftliche Macht der Frauen zu einer Renaissance der Ehe geführt. Paare mit Hochschulabschluss sind viel flexibler in Bezug darauf, wer welche Rolle spielt, wer wie viel Geld verdient, und in gewissem Ausmaß auch darauf, wer die Kinderlieder singt. Sie gehen über das Konzept der Gleichheit hinaus und entwickeln ganz neue Ehemodelle. Diese neue Ehe, in der das Verdienstverhältnis zwischen Mann und Frau 40 zu 60 oder 80 zu 20 betragen und sich binnen ein oder zwei Jahren durchaus umkehren kann, sodass jeder Partner einmal die Befriedigung hat, mehr zu verdienen, nenne ich „Ehe mit wechselnden Rollen“.

Immer mehr Frauen aus der Oberschicht werden eine Zeit lang Alleinverdiener, und dank dieser neuen Freiheit bezeichnen viele dieser Paare ihre Ehe als „glücklich“ oder „sehr glücklich“. Schon eine „glückliche“ Ehe kann jedoch mit versteckten Komplikationen verbunden sein.

Als ich Paare aus dieser Schicht interviewte, merkte ich, dass die Männer, selbst wenn sie das Kästchen für „glücklich“ ankreuzten, nicht annähernd so bereit oder scharf darauf waren, eine neue Rolle auszufüllen, wie die Frauen. Tatsächlich stieß ich bei all meinen Interviews immer wieder auf ein Duo, das wie aus einem Comic entsprungen wirkte: die „Plastikfrau“ und der „Mann aus Pappe“.

Seite 4: Übrig bleiben „Mancessoires”: Jeans, Pick-ups, Schnappmesser

Die Plastikfrau vollbringt schon ein ganzes Jahrhundert lang wahre Wunder an Flexibilität. Sie hat zunächst fast gar nicht und dann nur bis zur Ehe gearbeitet, dann auch während der Ehe und schließlich auch als Mutter von Kindern und sogar von Säuglingen. Wenn sie die Gelegenheit sieht, mehr zu verdienen als ihr Mann, greift sie zu. Sobald sie sich in der Öffentlichkeit nicht mehr damenhafter Zurückhaltung befleißigen muss, kann sie durchaus einen Wirtshausstreit vom Zaun brechen. Wenn sie damit durchkommt, bis weit über 30 unverheiratet zu bleiben und ein selbstbestimmtes Leben zu führen, tut sie auch das. Und wenn die Zeiten sexuelle Abenteuerlust verlangen, ist sie auch in dieser Beziehung aufgeschlossen. Sie hat einen geradezu napoleonischen Eroberungsdrang.

Während sie sich eifrig Neues erschließt, hält sie zugleich am Alten fest und produziert damit ein ganz neues Sortiment existenzieller Zwickmühlen (zu viel Arbeit und zu viel häusliche Verantwortung, zu viel Macht und zu viel Verwundbarkeit, zu viel Nettigkeit und nicht genug Glück).

Studien, die die Karriere von Frauen verfolgen, nachdem sie den Master of Business Administration gemacht haben, haben sogar eine neue Superspezies der Plastikfrau entdeckt. Sie verdient mehr als weibliche Singles und genauso viel wie Männer. Sie hat Kinder, aber sie arbeitet so viel im Beruf, als ob sie keine hätte. Sie ist die Mutantin, die von unserer Gesellschaft heute am meisten belohnt wird, ein Mensch, der die alten weiblichen und männlichen Pflichten gleichzeitig erfüllt, ohne dabei irgendwie kürzerzutreten.

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Der Mann aus Pappe hingegen ändert sich fast gar nicht. Ein Jahrhundert kann vergehen, und sein Lebensstil und seine Ziele sind immer noch fast die gleichen. Viele Berufe, in denen früher nur Männer tätig waren, werden heute auch von Frauen ausgeübt, aber umgekehrt ist dies kaum der Fall. Fast ein Jahrhundert lang beruhte der männliche Selbstwert auf dem Beruf, den der Mann ausübte, oder auf seiner Rolle als Familienoberhaupt. „Bergmann“ oder „Kranführer“ waren früher vollständige Identitäten, die den Mann mit einer langen Traditionslinie von Männern verbanden. Und sie schlossen die Funktion als Familienoberhaupt mit ein.

Irgendwann in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts begannen diese offensichtlichen Formen sozialen Nutzens zu verblassen. Nur wenige Männer übten noch einen der körperlich anspruchsvollen traditionellen Berufe aus, und wenn, dann nicht mehr das ganze Leben lang. Die meisten arbeiteten in Büros, oder sie arbeiteten gar nicht mehr und kämpften stattdessen mit der Mikrowelle im 7‑Eleven. Und weil immer weniger Menschen heirateten, verloren sie auch ihre Rolle als Familienoberhaupt. Sie verloren die alte Basis ihrer männlichen Identität, haben aber noch keine klar umrissene neue gefunden.

Was heute noch übrig ist, sind Accessoires oder vielleicht „Mancessoires“: Jeans, Pick-ups und Designer-Schnappmesser, Superhelden und Gangster, die im Fernsehen herumwüten und schon nach einer Staffel wieder vergessen sind.

Dies ist das Phänomen, das die amerikanische Autorin Susan Faludi in den neunziger Jahren als „ornamentale Männlichkeit“ bezeichnete, und es hat bis heute keine solidere Gestalt angenommen. Aufgrund dieser Entwicklung stecken die Männer fest oder sind, wie die Journalistin Jessica Grose formuliert, „in kulturellem Aspik fixiert“. Sie könnten die neuen Rollen als Hochschulabsolvent, Pflegekraft, Lehrer, Vollzeitvater, die ihnen jetzt offenstehen, schneller übernehmen, aber aus irgendeinem Grund zögern sie. Persönlichkeitstests zeigen seit Jahrzehnten, dass der Mann Neuland nur mit Trippelschritten betritt, während die Frau regelrecht hineinrast. Die Männer machen heute ein kleines bisschen mehr Hausarbeit und Kinderfürsorge als vor 40 Jahren, während die Frauen sehr viel mehr bezahlte Arbeit leisten. Die arbeitende Mutter ist heute die Norm. Aber der Vater, der daheimbleibt, ist immer noch eine schlagzeilenträchtige Anomalie.

Seite 5: Eine stärker weiblich dominierte Gesellschaft wird nicht notwendigerweise zu einem weichen, femininen Utopia

Der Bem-Test ist das psychologische Standardinstrument, um Menschen darauf zu testen, wie stark sie mit einer Reihe von Eigenschaften übereinstimmen, die als typisch männlich oder typisch weiblich gelten, zum Beispiel „selbstständig“, „nachgiebig“, „hilfsbereit“, „ehrgeizig“, „liebevoll“, „dominant“. Da der Test schon seit Mitte der siebziger Jahre eingesetzt wird, sind die Frauen inzwischen weit auf das damals noch als männlich definierte Territorium vorgedrungen und betrachten sich typischerweise als „selbstbehauptend“, „unabhängig“ oder „bereit, Stellung zu beziehen“. Die typische Bem-Frau ist heutzutage „mitfühlend“ und „eigenständig“, „individualistisch“ und „anpassungsfähig“. Die Männer jedoch haben die Frauen nicht etwa auf halbem Wege getroffen, sondern finden sich auch heute noch kaum öfter als 1974 „liebevoll“ oder „sanft“. Tatsächlich haben sie sich in mancher Hinsicht sogar auf ein noch kleineres Territorium zurückgezogen, scheuen also traditionell weibliche Eigenschaften noch mehr als früher, während die Frauen immer mehr männliche annehmen.

Entwicklungspsychologen haben lange behauptet, wir seien immer noch von Anpassungszwängen aus einer fernen Vergangenheit beherrscht: Männer sind schneller und stärker und darauf programmiert, um knappe Ressourcen zu kämpfen, was seinen Ausdruck heutzutage entweder in der Bereitschaft zu morden oder in dem Bedürfnis, an der Wall Street Gewinne zu machen, findet. Frauen sind eher fürsorglich und entgegenkommend. Deshalb sind sie perfekt für die Aufzucht von Kindern und für die Herstellung von Harmonie zwischen Nachbarn geeignet.

Diese Art Denken ist der Rahmen für das, was wir für die natürliche Ordnung halten. Inzwischen hat es jedoch den Anschein, als seien diese festen Rollen austauschbarer, als wir uns je vorstellen konnten. Eine stärker weiblich dominierte Gesellschaft wird nicht notwendigerweise zu einem weichen, femininen Utopia. Frauen werden auf Arten aggressiver und sogar gewalttätiger, von denen wir früher glaubten, sie seien ausschließlich auf Männer beschränkt. Diese Entwicklung findet in einer neuen Klasse weiblicher Mörder ihren Ausdruck und auch in einer aufsteigenden Klasse weiblicher „Killer“ an der Wall Street. Ob dieser Wandel darauf zurückzuführen ist, dass Frauen heute anders sozialisiert sind, oder einfach daher rührt, dass wir sowieso nie richtig verstanden haben, wie Frauen „programmiert“ sind, lässt sich jetzt noch nicht beantworten – und es spielt keine Rolle.

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Auch wenn es schwer zu glauben ist, das allzu rigide Selbstbild, das wir von uns hatten, ist heute jedenfalls eindeutig nicht mehr korrekt. Es gibt keine „natürliche“ Ordnung, nur die Dinge, wie sie sind. In letzter Zeit erleben wir, wie schnell eine Ordnung, die wir einst für „natürlich“ hielten, umgestürzt werden kann. Fast so lange, wie die Zivilisation existiert, war das Patriarchat, gestützt auf die Rechte des erstgeborenen Sohnes, von einigen wenigen Ausnahmen abgesehen, das Ordnungsprinzip. Männer im antiken Griechenland banden sich den rechten Hoden ab, um männliche Nachkommen zu zeugen; Frauen begingen Selbstmord (oder wurden getötet), weil sie keinen Sohn gebaren.

Nun jedoch erodiert die jahrhundertelange Bevorzugung der Söhne – oder verkehrt sich sogar in ihr Gegenteil. In den siebziger Jahren fand der Biologe Ronald Ericsson eine Methode, wie man die Spermien mit dem männliche Nachkommen produzierenden Y‑Chromosom von denen mit dem X‑Chromosom trennen konnte. Er ließ die Spermien durch eine Glasröhre mit immer dickeren Albuminbarrieren schwimmen. Spermien mit dem X-Chromosom haben einen dickeren Kopf und eine längere Geißel, und Ericsson nahm an, dass sie in dem dickflüssigen Medium stecken bleiben würden. Spermien mit dem Y-Chromosom sind schlanker und schneller und können, wie Ericsson glaubte, leichter an das Ende der Röhre schwimmen. Das Verfahren war laut Ericsson das gleiche, wie wenn man „Rinder am Tor aussortiert“. Die Rinder, die zu spät zum geschlossenen Tor kamen, waren natürlich die Spermien mit X‑Chromosom, was ihn zu freuen schien.

In den späten siebziger Jahren verkaufte er Lizenzen für die Verwendung seiner Methode – die er als das erste wissenschaftlich bewiesene Verfahren zur Wahl des Geschlechts bei Kindern bezeichnete – an Kliniken in verschiedenen Staaten der USA. Die Feministinnen der damaligen Zeit waren auf Ronald Ericsson und seinen Sperminator nicht gut zu sprechen. „Man muss sich um die Zukunft aller Frauen Sorgen machen“, schrieb Roberta Steinbacher, eine Nonne, die Sozialpsychologin geworden war, in einem Porträt von Ericsson, das 1984 in der Zeitschrift ­People erschien. Angesichts der „universalen Vorliebe für Söhne“ sah sie eine dystopische Gesellschaft mit massenproduzierten Jungen voraus, in der die Männer weiterhin die Positionen mit Macht und Einfluss beherrschen würden, während sie den Frauen einen Status zweiter Klasse zuweisen würden. „Ich glaube, die Frauen sollten sich fragen: ,Wo wird das enden?‘“, schrieb sie. „Viele von uns wären jetzt nicht hier, wenn es diese Praktiken schon vor Jahren gegeben hätte.“

Seite 6: „Die Ära des erstgeborenen Sohnes ist total vorbei”

Ericsson lachte, als ich ihm diese Zitate seiner alten Feindin vorlas. Selten war es so leicht, eine finstere Voraussage zu widerlegen. In den neunziger Jahren, als sich Ericsson die Zahlen der vielleicht zwei Dutzend Kliniken ansah, die sein Verfahren anwandten, entdeckte er zu seinem Erstaunen, dass sich die Paare häufiger Mädchen als Jungen wünschten. Diese Diskrepanz besteht bis heute, obwohl Ericsson seine Methode für effektiver hält, wenn es um die Produktion von Jungen geht. Seiner Aussage nach werden in einigen Kliniken Mädchen heute im Verhältnis von zwei zu eins bevorzugt. Umfragedaten darüber, welches Geschlecht die Amerikaner vorziehen, sind Mangelware und weisen keine klare Präferenz für Mädchen aus. Aber in den Arztpraxen ist das Bild klar.

Für Micro-Sort, eine neuere Methode zur Spermienselektion, läuft derzeit das Genehmigungsverfahren für die klinische Anwendung. Bei Anwendung dieses Verfahrens werden etwa 75 Prozent Mädchen gewünscht. Die Frauen, die heutzutage in Ericssons Klinik anrufen, sagen ganz direkt: „Ich will ein Mädchen.“ Sie reden nicht mehr um den heißen Brei herum. „Diese Mütter“, sagt Ericsson, „schauen sich ihr eigenes Leben an und denken, dass ihre Töchter eine glänzende Zukunft haben werden, die ihre eigenen Mütter und Großmütter nicht hatten, ja sogar eine glänzendere Zukunft als ihre Söhne. Warum sollten sie dann kein Mädchen wählen?“ Er seufzt und konstatiert das Ende einer Ära. „Gab es eine Dominanz der Männer? Natürlich gab es sie. Aber jetzt ist sie anscheinend vorüber. Und die Ära des erstgeborenen Sohnes ist total vorbei.“

Der Wandel ist nicht nur in den Vereinigten Staaten, sondern auch in den meisten anderen modernen Volkswirtschaften deutlich zu beobachten. Mehrere Jahrhunderte lang war Südkorea einer der patriarchalischsten Staaten der Erde. Frauen, die keine männlichen Erben zur Welt brachten, wurden oft misshandelt und wie Bedienstete behandelt; manche Familien beteten zu Geistern, damit diese kleine Mädchen töteten. Nun jedoch ist diese Vorliebe für den erstgeborenen Sohn, oder überhaupt für Söhne, verschwunden. In den vergangenen Jahren hat die Regierung künftigen Eltern in einer landesweiten Befragung folgende Frage gestellt: „Wenn Sie schwanger wären, welches Geschlecht würden Sie sich dann für Ihr Kind wünschen?“ Im Jahr 2010 antworteten 29,1 Prozent der Frauen, sie hätten lieber einen Sohn als erstgeborenes Kind, und 36,3 Prozent sagten, ein Mädchen (der Rest antwortete: „keine Präferenz“). Bei Männern war die Kluft noch größer: Nur 23 Prozent wollten einen Jungen und 42,6 Prozent ein Mädchen.

Aus feministischer Sicht werden die jüngsten sozialen, politischen und wirtschaftlichen Gewinne der Frauen immer als langsame, mühevolle Aufholjagd im fortgesetzten Kampf um die Gleichberechtigung der Geschlechter dargestellt. Aber offenbar ist der Wandel viel radikaler: Die Frauen holen nicht mehr nur auf, sie werden zum Standard, an dem Erfolg gemessen wird. „Warum bist du nicht mehr wie deine Schwester?“ ist ein Satz, der vielen Eltern von Jungen und Mädchen im schulpflichtigen Alter einleuchtet, auch wenn sie ihn nicht immer laut aussprechen. Eltern, die sich vorstellen, dass sie stolz zusehen, wie ihr Kind heranwächst und sich entwickelt und im Erwachsenenalter Erfolg hat, haben dabei öfter ein Mädchen als einen Jungen vor ihrem geistigen Auge.

Ja, in den Vereinigten Staaten und vielen anderen Ländern gibt es immer noch eine Lohndifferenz zwischen den Geschlechtern. Ja, Frauen übernehmen noch immer den Löwenanteil bei der Kinderbetreuung. Und ja, die höchsten Positionen der Macht werden noch immer von Männern beherrscht. Aber angesichts der schieren Geschwindigkeit der wirtschaftlichen und anderer Entwicklungen scheinen diese Umstände eher die letzten Überbleibsel einer zu Ende gehenden Ära als eine permanente Struktur zu sein. Dutzende von Studentinnen, die ich interviewte, hielten es für durchaus wahrscheinlich, dass ihr Mann zu Hause bleiben wird, weil er für die Kinder sorgt oder einfach Arbeit sucht. Männer „sind der neue Klotz am Bein“, sagte eine Studentin im vierten Studienjahr, als sie mit mir sprach.

Es kann langsam und ungleichzeitig passieren, aber es passiert zweifellos: Das moderne Wirtschaftsleben wird zu einem Ort, an dem die Frauen die besseren Karten haben. Die Ergebnisse meiner Recherchen sprechen sowohl für einen eindeutigen Fortschritt der Frauen an manchen Fronten als auch für enorme Probleme an anderen. Frauen wie Bethenny – meine Freundin aus der Stadt der verschwindenden Männer – besitzen zurzeit eine zwiespältige Unabhängigkeit. Sie sind sehr viel seltener in Beziehungen, wo sie misshandelt werden, und treffen viel öfter selbst alle Entscheidungen über ihr Leben, aber sie sind auch viel häufiger alleinerziehend. Das ist eine schwere Last.

Seite 7: Es gibt massenhaft Chancen für Männer

Ein Erlebnis geht mir bis heute nicht aus dem Kopf: Ich musste in einem Community College in Kansas eine Frau im Aufzug wecken. Sie war zwischen dem Erdgeschoss und dem dritten Stock eingeschlafen, weil sie so hart arbeitete, um ihren Abschluss zu machen, nachts zu jobben und drei Kinder großzuziehen. Bei Frauen mit Hochschulabschluss äußert sich dieser Zwiespalt in zu vielen Wahlmöglichkeiten. Frauen dieser Schicht nehmen sich viel Zeit, um den perfekten Partner und einen kreativen, befriedigenden Beruf zu finden, und dann kommen sie nach Hause und betreuen ihre Kinder mit der Intensität einer Hauslehrerin. Ihr Leben ist reich an Möglichkeiten, von denen ihre Mütter nicht einmal träumten. Und doch bezeichnen sich die Frauen von heute in den meisten Umfragen nicht als glücklicher als die Frauen in den siebziger Jahren. Wahlfreiheit ist mit einem eigenen Set von Ängsten verbunden, mit neuen Sphären, in denen die Frau konkurrieren muss und sich unzulänglich fühlen kann, und mit der steten Furcht, dass sie etwas versäumen könnte.

Die Männer von heute, insbesondere die jungen Männer, befinden sich in einer Übergangsperiode. Sie wollen nicht mehr wie ihre Väter leben, also Frauen heiraten, mit denen sie sich nicht unterhalten können, jeden Tag Überstunden machen und ihren Kindern geistesabwesend den Kopf tätscheln, wenn sie nach Hause kommen. Sie haben begriffen, dass ein väterlicher weißer Chef wie in der Fernsehserie „Das Büro“ heute nur noch eine Witzfigur ist. Aber sie können sich nicht von alledem abwenden, weil sie Angst davor haben, Macht und Einfluss zu verlieren: durch Frauen, die mehr Geld verdienen, durch Berufe mit weniger Prestige, durch langweilige Dienstagnachmittage auf dem Spielplatz.

Es gibt massenhaft Chancen für Männer. Theoretisch können sie heute alles sein: Sekretär, Schneider, Präsident des Bundeselternrats. Aber um neue Rollen zu übernehmen und in eine neue Phase einzusteigen, braucht man bestimmte Eigenschaften, nämlich Flexibilität, Organisationstalent und die Bereitschaft, seine Identität zu erweitern. Als ich mit meinen Recherchen begann, dachte ich, wir würden uns auf eine weibliche Welt zubewegen und diese Welt würde durch eine Reihe von „weiblichen Werten“ geprägt sein, wie sie im Bem-Test definiert sind: „liebevoll“, „nachgiebig“, „mitfühlend“. Am Ende war ich jedoch nicht mehr so überzeugt, dass die Entwicklung bei Männern und Frauen etwas über solche festen Werte oder Eigenschaften aussagt oder von ihnen verursacht wird.

Auch die Annahme, dass eine von Frauen geführte Welt „liebevoller“ sein könnte, erscheint mir inzwischen wie eine Geschichte, die wir uns erzählen, um die gegenwärtigen massiven Umbrüche bei den Geschlechterrollen zahm und vorhersagbar erscheinen zu lassen, obwohl sie gerade das keineswegs sind. Sie sind eher revolutionär, potenziell beglückend und manchmal beängstigend, aber vollkommen unvermeidlich. 

Hanna Rosin: Das Ende der Männer (Berlin Verlag)Das Buch "Das Ende der Männer" von Hanna Rosin, das Anfang des Jahres im Berlin-Verlag erschien, ist für 19,99 € erhältlich.

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