Elina Garanca, begnadeter Mezzosopran und Opernschönheitskönigin du jour, hat alles: Timbre, Technik, Charisma, Musikalität, Darstellungskraft und besagte Schönheit. Warum sich die Lettin auf der Bühne trotzdem manchmal sterbenseinsam fühlt
Erst, wer ihr gegenübersitzt, bemerkt, was ihre Erscheinung ungewöhnlich macht: zupackende Hände mit kräftigen Fingern und kurz geschnittenen Nägeln. Eine große, klare, breite Stirn. Ein überwacher, forschender Blick. Sieht so eine romantische Frau aus? Elīna Garanča, von den Kritikern zur Schönheitskönigin der Oper hochgejubelt, hat eine neue CD eingespielt, die „Romantique“ heißt. Sie liebt die Lieder der deutschen Romantik und hat am Vorabend unserer Begegnung das bis auf den letzten Platz gefüllte Münchner Opernhaus mit leisen Liedern von Robert Schumann in Aufruhr versetzt.
Das Wesen der Romantik, hat Oscar Wilde gesagt, sei die Ungewissheit. Es wirkt jedoch so, als gebe es nichts Ungewisses bei dieser Mezzosopranistin. Ihr beruflicher Weg, der in nur zehn Jahren vom Debüt in Meiningen bis zur Met in New York führte, scheint eine Autobahn gewesen zu sein, mit Gewissheit asphaltiert. Über Garanča wird oft geschrieben, dass sie alles habe: Timbre, Technik, Charisma, Musikalität, Darstellungskraft und besagte Schönheit. Dass die Lettin nordisch kühl wirkt, passt. Was nicht passt, ist ihr Eingeständnis, eine professionelle Maske zu tragen. Auf der Höhe des Weltruhms bebt sie noch immer vor dem ersten Ton, auf mancher Gala fühlt sie sich sterbenseinsam. Hören will das niemand.
Das, was alle hören wollen, gibt sie nur sehr zögerlich preis: Ihren Ehemann, den Dirigenten Karel Mark Chichon, erzählt sie stockend, habe sie bei einer gemeinsamen Probe in ihrer Heimatstadt Riga kennengelernt. Er kam zehn Minuten zu spät. „Und ich war bitterböse.“ Aber als er ihr die Hand reichte, durchfuhr sie ein Blitz. „Ich wusste: Das ist ein Mann, den du heiraten kannst.“ Vor sechs Jahren tat sie das auch, im vergangenen Jahr wurde die Tochter Catherine geboren.
In ihrer Heimat habe Romantik viel mit Wehmut und Sehnsucht zu tun, sagt Garanča. Im Unabhängigkeitskampf haben Hunderttausende von Letten bei Demonstrationen etwas gesungen, was von den Deutschen ihres Alters kaum mehr einer kennt: Volkslieder. In Lettland heißt es, für jeden Letten gebe es ein Volkslied. Zwei Millionen für zwei Millionen. „Unsere Volkslieder sind voller Weisheit“, sagt sie und dreht an ihrem Brillantring. Ihre Stimme klingt so innig wie am Abend zuvor bei einem Schumann-Lied. „Aber es gibt darin auch viel Schmutziges“, strahlt sie.
Die Hände von Elīna Garanča bewegen sich wenig, aber energisch. Sie sehen aus, als könnten sie hart arbeiten. „Ich habe gelernt, wie viel Erdung mein Beruf verlangt.“ Ihre Großeltern sind Bauern. „Die väterlicherseits haben sich mehr mit Pferden, die mütterlicherseits mehr mit Milchwirtschaft und Fleischproduktion befasst.“ Ferienmachen hieß für Elina, dort, 200 bis 300 Kilometer von Riga entfernt, mitten im Wald, Kühe zu melken, Schweine zu füttern, Unkraut zu jäten. Und sie melkte, fütterte und jätete gern. „Ich habe als Kind kapiert, dass es eine Welt gibt, die sich mit Lebenserhalt befasst, und eine, die sich mit Kunst beschäftigt.“











