Aber zugleich hat Tel Aviv eben auch eine der lebendigsten Kunst- und Designszenen und eine der coolsten Architekturen der Welt. Ohne Kunst wäre die erst 1909 gegründete Stadt eigentlich gar nicht vorstellbar. Schon das Wohnhaus des ersten Bürgermeisters von Tel Aviv, Meir Dizengoff, zugleich das Rathaus und das Gebäude, in dem Israel 1948 seine Unabhängigkeit erklärte, war ein Museum. Dizengoff war nämlich ein begeisterter Kunstsammler, unter anderem von Chagall-Bildern, die er bei sich im Rathaus ausstellte. Architektonisch wurde die Metropole von jüdischen Einwanderern geprägt, die aus Deutschland die Bauhausarchitektur mitbrachten und eine modernen Utopie aus strahlend weißen, kubischen Häusern errichteten. Auf dem Rothschild Boulevard, der ersten Prachtstraße der Stadt, reihen sich heute denkmalgeschützte Bauhausbauten an teure Galerien in eklektischen Villen und Hochhausfirmensitze, die irgendwie an Florida erinnern.
Die Politiker der Stadt wissen um dieses Kapital. Unglaubliche sechs Prozent aller Ausgaben des Haushalts fließen in die Kultur, in den meisten europäischen Städten sind es anderthalb bis drei Prozent. Davon werden nicht nur Theater, Konzerthäuser und Museen wie das gerade eröffnete New Tel Aviv Museum of Art der Architekten Preston Scott Cohen und Amit Nemelich finanziert, sondern auch die Tausenden von Künstlern gefördert, die in die Stadt gezogen sind. Für dieses Jahr hat man das Tel Aviv Art Year ausgerufen, ein Reigen von stadtweiten Ausstellungen, mit Höhepunkten im Juni und im September.
Eigentlich ist Tel Aviv ein großes, Stein und Meeresschaum gewordenes Zukunftsversprechen. Fast immer scheint die Sonne. Schöne schwule Paare schieben niedliche adoptierte Babys durch die Stadt. Und einige Viertel sehen so aus, als würde man sich wieder in Williamsburg, Brooklyn, um die Jahrtausendwende befinden.Truppen junger Künstler machen ihre Studios und Werkstätten zum Beispiel seit ein, zwei Jahren in alten Industriegebäuden in Kiryat Hamelacha auf, einem ehemaligen Arbeiterbezirk im Süden der Stadt, wo sich nachts Prostituierte und Drogendealer die Hand geben. Auf den Häuserwänden ganzer Straßenzüge befinden sich dort Bilder und Graffitis von Street Artists wie No Knowpe, dem israelischen Banksy. Anfangs waren die Arbeiten noch streng verboten. Inzwischen entfernt die Stadt die Kunst nicht mehr und hat stattdessen in diesem Jahr zum ersten Mal Rundgänge für interessierte Touristen organsiert.
Itay, ein Freund von mir, der bei einem Tel Aviver Kulturmagazin arbeitet, ging, als ich zu Besuch war, pflichtbewusst zu den samstäglichen Demonstration, die sich damals gegen den drohenden Krieg mit dem Iran formierten. Zum Anfang kamen gerade einmal tausend Leute ins Zentrum der Stadt. Für den Sommer sind größere Proteste angekündigt. Er hat einen ziemlich anspruchsvollen Job, und als ich ihn fragte, ob es denn wirklich notwendig sei, den Sabbattag bei den Protesten zu verbringen, meint er: „Die meisten Leute verstehen nicht, dass all das hier morgen vorbei sein könnte, wenn wir uns nicht darum kümmern.“ Also, definitiv ein Eintrag in Oprahs Dankbarkeitstagebuch.
Das Programm des Tel Aviv Art Year finden Sie hier.










