Oprah Winfrey hat immer Recht, und wir alle könnten ihre Ratschläge viel öfter beherzigen. Wer trotzdem noch schlechtgelaunt durch Berlin stapft, sollte unbedingt Nicki Minaj hören und nach Tel Aviv fliegen
Ich weiß nicht, ob ich es an dieser Stelle schon mal erwähnt habe, aber ich bin ein großer Fan von Oprah Winfrey. Warum genau, könnte ich nicht sagen. Wahrscheinlich einfach, weil es sie gibt. Seit einiger Zeit – eine Kolumne mit dem Thema Gelassenheit schreibt sich nicht von alleine – setze ich einen ihrer Ratschläge um. Und zwar empfiehlt sie, jeden Abend vor dem Schlafengehen fünf schöne Dinge aufzuschreiben, die einem am zurückliegenden Tag zugestoßen sind. Fünf Dinge, für die man dankbar ist. Die ersten Tage dieses Selbstversuchs sind relativ frustrierend, man kommt maximal auf drei Dinge, mit Schummeln. Aber irgendwann beginnt man schon aus purer Aufschreibenot, ein bisschen positiver durchs Leben zu gehen.
Ich meine das ganz ernst. Dankbarkeit hat im öffentlichen Bewusstsein ja zu Unrecht so ein verknöchert-protestantisches Image bekommen. Ich weiß noch genau, wie lange ich vor einigen Jahren gelacht habe, als die Schauspieler in Christoph Marthalers Volksbühneninszenierung „Murx, der Europäer“ in einer grotesken Endlosschleife das Siebziger-Jahre-Kirchenlied „Dankbar für jeden neuen Morgen, dankbar für jeden neuen Tag“ sangen. Wahrscheinlich würde ich das heute immer noch witzig finden. Aber so richtig amüsieren kann man sich darüber nur, wenn man eigentlich denkt, dass sich das Leben mal nicht so anstellen soll mit seinen Geschenken. Dass einem sowieso alles zusteht: der gute Job, die tolle Beziehung, der Kaschmirmantel aus der letzten Burberry-Kollektion, der starke Euro und das Wirtschaftswachstum.
Falls Sie so denken sollten, empfehle ich Ihnen eine Reise nach Tel Aviv. An keinem Ort der Welt manifestiert sich ein stärkeres Gefühl der Dankbarkeit. Eine ganze Metropole ist hier am Mittelmeer auf den Klippen des Prekären gebaut, mit dem Ergebnis, dass es jeden Tag einen Grund gibt, um zu feiern, dass man am Leben ist. Man vergisst nur selten, wo man sich befindet. Wenn man am Strand liegt, fliegen die Militärflugzeuge so dicht über einen hinweg, dass man glaubt, man könnte mit Tennisbällen nach ihnen werfen. Wenn Orte wie Pop-Alben sind, dann wäre Tel Aviv wie Nicki Minaj’s hübsche letzte Platte „Roman reloaded“: Irgendwo zwischen rohem Rap und hohem Euro-Trash, zwischen basalen Instinkten und musikalischem Genie, hypersexualisiert, komplex und superheiß.
Ich war vor anderthalb Monaten dort und wollte schon die ganze Zeit drüber schreiben, fand aber keinen richtigen Aufhänger. (Eintrag in Oprahs Dankbarkeitstagebuch!) Tel Aviv ist viel mehr als die hippe Party-, Strand- und Flirtstadt, als die sie unter jungen Touristen gilt und für die immer wieder gerne ins Feld geführt wird, dass es in ihr pro Kopf mehr Sushi-Restaurants gibt als in Japan. Was nicht heißt, dass man in den Clubs in Jaffa, am Strand, auf dem neuen Farmer’s Market im Tel Aviv Port oder den großen Restaurants der Stadt keine gute Zeit hätte. Im Gegenteil.
Seite 2: Tel Aviv hat die coolsten Architekturen der Welt











