Auch wenn man eine Vergangenheit nur aus Erzählungen kennt, spürt man sie am eigenen Leib. Vor allem, wenn sie die eigene Familiengeschichte betrifft. So geht es auch unserem Kolumnisten, immer wenn er in Berlin spielt
Anfang Juni spielte ich im Konzerthaus Berlin das „War Concerto“, ein Auftragswerk des Komponisten Bechara el Khoury. Mit dem Violinkonzert will der libanesische Komponist ein Zeichen gegen Gewalt und Zerstörung setzen. Dafür untermalt er seine Erinnerungen aus dem vom Bürgerkrieg erschütterten Libanon der siebziger Jahre mit einer Art Klagelied. El Khoury hat das Konzert mir gewidmet und darin, für mich überraschend, auch das Thema der Vertreibung musikalisch verarbeitet – ein wesentlicher Bestandteil meiner Berliner Familiengeschichte.
Berlin und ich – das ist eine Geschichte voller Geister und nostalgischer Erinnerungen. Es fing schon in London an, als ich ein Kind war und unsere deutsche Oma uns von „ihrem“ Berlin vorschwärmte, dem Berlin der Weimarer Republik. Von ihrer Villa in Dahlem erzählte sie, von Fahrradtouren am Wannsee, von Picknicks mit der kaiserlichen Familie oder von der Einsegnung ihres Bruders. Am liebsten erinnerte sie sich daran, wie die Wagen neben dem Rasenplatz hielten, auf dem ein spanischer Brunnen stand. Wie die Gäste ausstiegen, plaudernd auf dem Kiesweg an der Terrasse entlang gingen und das Haus durch die Verandatür betraten.
Die letzten Anweisungen an die Bediensteten, alles so feierlich. Ansprachen zu Beginn, nicht zu förmlich, aber unabdingbar. Und erst danach wurde zu Tisch gebeten: Forelle in Gelee, Kalbsrücken mit Gemüse und als Dessert Herzogintorte. Dazu ein Zeltinger Schlossberg aus dem Jahre 1917.
Eines Tages, lange nach ihrem Tod, stand ich tatsächlich vor ihrer Villa in Dahlem. Noch immer war da die Terrasse, der Garten, der Rasen, genauso wie sie es mir damals erzählt hatte. Ich konnte förmlich sehen, wie mein Urgroßvater Wilhelm Valentin auf der Terrasse saß, eine Zigarre rauchte und in den Garten hinunterschaute. In diesen Fantasiebildern schwelgend, nahm ich meine Kamera, um ein Bild vom Haus zu machen. Da öffnete sich ein Fenster und eine ältere Dame blickte heraus. Bevor ich auch nur freundlich lächeln konnte, schrie sie: „Verschwinden Sie!“ Ich versuchte, sie zu beruhigen, ihr zu erklären, dass ich nichts weiter wolle, als ein Foto von dem Haus zu machen, wo einst meine Familie lebte.
„Familie? Sie meinen die Familie Valentin?“, rief die Dame irritiert. „Ja“, sagte ich hoffnungsfroh. „Kennen Sie die Familie?“, wagte ich zu fragen. Überhaupt war ich überrascht, dass sie sich, nach über 60 Jahren, noch an den Namen erinnerte. Jetzt kreischte sie fast: „NEIN! Aber die Geschichte des Hauses kenne ich.“
Diese Geschichte war der Teil, den unsere Oma bei all unseren Gutenachtgeschichten ausgelassen hatte: die Enteignung des Hauses, durchgeführt von Albert Speer und Joachim von Ribbentrop höchstpersönlich. Nach der Flucht meiner Familie hatte zwischen 1936 und 1939 die jüdische Kaliski-Schule provisorisch ihr Quartier in der Villa bezogen, zu ihren Schülern gehörten der spätere Filmemacher Mike Nichols und Michael Blumenthal, heute Direktor des Jüdischen Museums in Berlin. Nach der Zwangsschließung der Schule installierten die Nazis im Haus meiner Oma eine zentrale Dechiffrierstation, die kriegswichtige Botschaften entschlüsselte. Das Auswärtige Amt ist heute noch Eigentümer der Villa Im Dol 2-6.
Seit ich von dieser Geschichte durch diesen unschönen Vorfall zufällig erfahren habe, begegne ich meiner Familie an vielen weiteren Ecken Berlins wieder. An der Familiengruft, auf dem Luisenfriedhof, im Grunewald, auf dem Hof der ehemaligen Familienfabrik in der Großbeerenstraße 71 in Kreuzberg, in der St. Annen-Kirche in Dahlem. Aber was mich an der Hauptstadt am meisten fasziniert, ist die unendliche Geschichte, die hinter so vielen ihrer Bauten steckt.
Deshalb habe ich mich vor Jahren konsequent entschlossen, viele davon zu bespielen: den Reichstag, das Finanzministerium, die Mendelssohn-Remise, Tempelhof. Denn dort Musik zu machen, umzingelt von all den Geschehnissen und Gespenstern, befreit mich von einer Vergangenheit, die ich nicht erlebt habe, aber trotzdem noch spüre. Und als ich vor dem gesamten Bundestag stand und Maurice Ravels „Kaddisch“ meinen beiden Berliner Urgroßvätern widmete, spürte ich mehr denn je, dass in Berlin Musik und Geschichte Hand in Hand gehen. So wie neulich in dem „War Concerto“.











