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Streit um Berliner Gemäldegalerie„Da wird ein Riesen-Skandal zelebriert“

Interview mit Hermann Parzinger4. Juli 2012
picture alliance
Umbau Berliner Gemäldegalerie, Alte Meister, Sammlung Pietzsch, Galerie des 20. Jahrhunderts, Protest Kunsthistoriker, Petition, Neubau Museumsinsel, Bode-Museum
Stiftungspräsident Hermann Parzinger möchte den ersten Schritt der Rochade machen
Schrift:

Moderne gegen Alte Meister, Giacometti gegen Giotto: Für zehn Millionen Euro soll in Berlin aus der Gemäldegalerie eine Galerie des 20. Jahrhunderts werden, die London und New York Konkurrenz macht. Doch bei Kunsthistorikern und Mittelalterfreunden regt sich Protest aus Sorge um die alten Gemälde

Seite 1 von 2

Es wird ein gigantischer Umzug: Hunderte Kunstwerke aus dem 13. bis 18. Jahrhundert müssen aus der Berliner Gemäldegalerie weichen. Stattdessen sollen Werke der Klassichen Moderne nach einem Umbau in die neu gestalteten Räume: die Sammlung der Neuen Nationalgalerie mit den Sammlungen Pietzsch und Marx. Diese neue Galerie des 20. Jahrhunderts wäre die größte Deutschlands. Für den Umbau hat der Bundestag am 12. Juni 2012 zehn Millionen Euro bewilligt.
Doch es regt sich Protest: Die Bilder der alten Meister würden in der Zwischenzeit nur in verminderter Zahl im Bode-Museum ausgestellt und ansonsten im Depot gelagert werden, bis für sie eine neue Gemäldegalerie an der Museumsinsel errichtet ist. Das dauert vielen Kunstfreunden zu lange. Professor Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, die für diese Planung zuständig ist, sieht sich massiver Kritik ausgesetzt. 

Herr Professor Parzinger, Sie haben einen zehn Millionen Euro schweren Geldsegen erhalten und können dadurch die Umbaumaßnahmen am Kulturforum beginnen. Was haben Sie gedacht, als das beschlossen war?
Wir haben uns alle sehr gefreut. Damit wird ein Prozess eingeleitet, den wir schon seit langem vorbereitet haben. Wie schnell es jetzt doch Realität wird, das hat uns dann tatsächlich überrascht.

Das Umbauprojekt der Gemäldegalerie wird massiv kritisiert. Die FAZ wirft Ihnen vor, der Plan sei in einer „Nacht und Nebel-Aktion verabschiedet“ worden…
Das ist natürlich überhaupt nicht zutreffend. Den Plan dieser Rochade, dass die Gemäldegalerie eine Galerie des 20. Jahrhunderts werden soll und dass die Alten Meister in einem erweiterten Bode-Museum ein neues Zuhause bekommen sollen, gibt es seit über zehn Jahren. Zunächst aber waren andere Bauvorhaben vordringlicher, jetzt ist für den ersten Schritt die Zeit gekommen. Kulturstaatsminister Neumann ist es gelungen, im Nachtragshaushalt des Bundestages den Betrag von zehn Millionen unterzubringen, der diesen Schritt ermöglicht. Von Nacht und Nebel kann also keine Rede sein.

[gallery:Streitfall Moderne - Heiner Pietzsch zeigt seine Sammlung]

Haben Sie mit solch einer starken Kritik, wie sie jetzt kommt, gerechnet?
Dass nicht alle sofort die Chancen dieses Schrittes sehen, damit musste man rechnen. Aber ich hätte nicht gedacht, dass die Kritiker in dieser Weise die Alten Meister gegen die Moderne ausspielen – das ist grotesk! Wir  jedenfalls haben bei diesem Schritt beide Sammlungen im Auge. Überraschend für mich ist, dass einige jetzt offenbar ignorieren, wie wenig die Moderne in Berlin  zu sehen ist. Wo können Sie heute Kirchner sehen? Wo können Sie Otto Dix, George Grosz und seine Zeitgenossen sehen? Seit Jahrzehnten ist die Neue Nationalgalerie zu klein, unser eigener Bestand kann immer nur in geringen Ausschnitten gezeigt werden. Die Sammlung Pietzsch macht die Platznot nur noch deutlicher. Wir wollen unseren eigenen Bestand zeigen, plus die Sammlung Pietzsch, plus die Werke der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts aus dem Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart. Diese Tatsache wird von den Kritikern bewusst nicht thematisiert.

Rund 3.500 Unterstützer haben bereits die Petition gegen Ihr Projekt unterschrieben. Sie fordern: So lange Geld nicht da ist, darf man nicht umräumen!
Es ist natürlich einfach zu sagen: Ihr habt das Gebäude nicht, also darf nichts begonnen werden. Wer  alles auf einmal haben will, wird nichts bekommen. Wenn wir jetzt den ersten Schritt nicht gehen, ist die Chance vertan, die Museumsinsel zu einem Berliner Louvre zu vollenden, und es wird auch die Chance vertan sein, das Kulturforum als Standort für das 20. Jahrhundert zu profilieren. Es wundert mich etwas, dass von den Unterstützern der Petitionen niemand Kontakt mit uns aufgenommen hat, einige kenne ich persönlich. Viele gehen von falschen Tatsachen aus. Es ist total absurd zu glauben, dass uns die Alten Meister egal seien! Das Gegenteil ist der Fall. Bernd Lindemann, der Direktor der Gemäldegalerie und der Skulpturensammlung, ist seit vielen Jahren ein großer Verfechter dieses Plans. Er sieht in einer für Berlin seit Bode spezifischen gattungsübergreifenden Präsentation eine großartige Chance für die öffentliche Wirkung seiner Sammlungen. 

Es wird auch die Sorge geäußert, dass es nie einen Neubau an der Museumsinsel geben wird, dass aus einer vorrübergehenden Unterbringung eine auf unbestimmte Zeit wird. Lassen Sie das zu?
Auf keinen Fall. Es wird kein Gemälde aus der Gemäldegalerie abgehängt, wenn nicht gleichzeitig bis zu diesem Zeitpunkt auch ein Realisierungswettbewerb für den Erweiterungsbau am Bode-Museum auf den Weg gebracht sein wird – das geht nur im Paket. Solch ein Wettbewerb kostet Geld und ist eine klare Weichenstellung. Es wird natürlich auch einige Jahre des Übergangs geben. Wer umbaut und ein großes Ziel ansteuert, muss in dieser Zeit mit Einschränkungen rechnen. Das ist bei allen unseren Baustellen so. Wenn man alle Schritte auf einmal haben will, wird man keinen hinbekommen.

Lesen Sie weiter: Wird das Mittelalter wie ein Stiefkind behandelt? 

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Museumsinsel und Kulturforum

Die Berliner Museumsinsel war Ende des 19. Jahrhunderts konzipiert worden, um den gesamten klassischen Kanon der abendländischen Kunst und ihrer antiken Wurzeln zu zeigen. Die Museumsinsel ist in das historische Zentrum Berlins eingebunden und verfügt über beachtliche historische Bausubstanz. Wenn dann noch das Berliner Schloss wieder steht, bietet die Museumsinsel den idealen Rahmen für die kostbare Gemäldegalerie.

Das Kulturforum ist ein Produkt der Teilung Berlins. Es besteht wird von Bauten der 1960er bis 80er Jahre dominiert und ist dem nach der Wiedervereinigung entstandenen Potsdamer Platz Viertel benachbart. Daher eignet es sich genau so ideal als Standort für die Kunst des 20. Jahrhunderts.

Die Strategie, die Sammlungen perspektivisch an die ihnen gemäßen Orte zu bringen ist richtig. Niklas Maaks Aufruf in der FAZ, die Gemäldegalerie dauerhaft in ihren heutigen Räumen zu belassen, würde zu einer Perpetuierung der bereits aus Dahlem gewohnten und am Kulturforum in edleren Räumen fortgesetzten Präsentation des hervorragenden Berliner Altmeisterbestandes in der Art eines begehbaren Depots - sachgerecht, aber unattraktiv - führen. Die von Jeffrey Hamburger initiierte Petition richtet sich dem gegenüber nicht gegen den Umzug auf die Museumsinsel, sondern mahnt an, dass dort zunächst Räume errichtet werden müssten, bevor die Gemälde am Kulturforum abgehängt würden. Damit sind die Kontrahenten weniger weit auseinander als sie es selbst empfinden mögen und ziehen eigentlich an einem Strang: die Politik zu einer Beschleunigung des Neubaus an der Museumsinsel zu bewegen. Wenn das dann noch dazu führen würde, diesen in das wiederaufzubauende Schloss statt in das ehemalige Kasernenareal zu integrieren, hätte der Hegelsche Weltgeist am Wirkungsort des Philosophen ganze Arbeit geleistet.

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Karl Schade05.07.2012 | 18:40 Uhr

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