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Digitale DemenzComputer machen dumm und das Leben endet tödlich

Von Christian Jakubetz17. August 2012
picture alliance
Digitale Demenz, Manfred Spitzer, Facebook, social media, Cicero-Empfehlung
101110101101010101: Digitalen Urängste einer analogen Generation
Schrift:

Mit nichts lässt es sich momentan so schön gruseln wie mit der Angst vor allem, was irgendwie digital ist. Der Gehirnforscher Manfred Spitzer hat deswegen sein neues Buch “Digitale Demenz” genannt. Doch statt auf weniger käme es auf besseren Umgang mit Computern an

Seite 1 von 2

Sport macht krank! Die Zahl der jährlichen Sportverletzungen, Unfälle und dauerhaften Beschädigungen geht in die Millionen. Lassen Sie es also lieber sein. Bitte ebenfalls auf die rote Liste setzen: Fernsehen (macht dumm). Autofahren (macht aggressiv). Schokolade (macht zwar angeblich glücklich, aber mindestens genauso dick und zudem noch Krebs, so wie gefühlt jedes zweite Lebensmittel). Und wenn wir es zu Ende denken, sehen Sie doch bitte gleich vom Rest Ihres Lebens ab, weil es voller ungeahnter Risiken ist und es sich zudem dann auch noch um einen hochpragmatischen Ansatz handelt: Nachdem es erwiesenermaßen tödlich endet, kann man es irgendwie ja gleich bleiben lassen.

Polemischer Unsinn, Schwarzmalerei? Wenn Sie das jetzt gedacht haben, herzlichen Glückwunsch: Sie haben selbstverständlich Recht. Es ist ziemlich absurd, von Dingen immer nur das Schlimmste zu erwarten und es ist noch absurder, einzelne Dinge oder Handlungen pauschal für irgendwas zu verantworten. Dennoch erlebt der deutsche Gehirnforscher Manfred Spitzer zur Zeit einen beachtlichen Hype. Dabei tut er nichts anderes als: Computer pauschal für irgendwas zu verantworten. Computer machen doof, lautet seine – zugegeben – stark verkürzte These. Weil es sich aber bei dem Computer- und Internetthema so nett gruseln lässt und den meistens von uns diese Kiste, vor der sie und vor allem ihre Kinder so oft sitzen, dann doch etwas unheimlich ist, steigt man ein in Spitzers Geisterbahn, an deren Eingang ein Titel prangt, der die Fahrt gleich noch ein bisschen unheimlicher macht: Digitale Demenz! Nicht nur eine hübsche Alliteration, sondern auch noch eine, die zwei Gruselbegriffe zusammenwirft: Digital! Demenz! Wer da nicht Angst bekommt, dem ist nicht mehr zu helfen.

Spitzer bedient einigermaßen geschickt die digitalen Urängste einer analogen Generation, der letzten vermutlich.  Man begreift das alles, was da passiert, nicht so wirklich, man arrangiert sich  lediglich irgendwie. So, wie das schon bei unzähligen anderen Dingen war, der Elektrizität, dem Auto und dem Dampfradio. Die Masse misstraut der Neuerung und irgendwo findet sich sicher jemand, der einen Beleg dafür findet, dass das Neue auch gefährlich ist.

Besonders neu und originell ist das nicht, im Gegenteil. Schon FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher schrieb in seinem Buch “Payback” leicht alarmistisch, dass sich das Hirn irgendwie negativ verändert, wenn man viel am Computer sitzt. Das war schon damals nicht sonderlich originell und einen Beleg für die Schädlichkeit von Netz und Computer blieb Schirrmacher in seinem gesamten Buch schuldig. Jetzt kommt Spitzer, der selbst Wissenschaftler ist – und gibt dem Schirrmacher-Feuilleton eine Turnvater-Jahn-Komponente hinzu: Wer nicht ausreichend trainiert, der verliert seine Fähigkeiten. Da hat Spitzer durchaus Recht, Sätze dieser Güte stehen übrigens in jedem “In zehn Schritten zu...”-Ratgeber. Aber wenn er schon Turnvater spielen will: Jeder gute Sportler weiß, dass er am besten die Fähigkeiten trainiert, die er für seinen Wettkampf braucht. Es ist also per se noch überhaupt kein Wert, wenn ich mir Telefonnummern merken kann, wenn es dafür inzwischen ausreichend digitale Speicher gibt, die mit zwei Fingertipps eine direkte Anwahl des gewünschten Gesprächspartners ermöglichen. Sich eine zehn- oder zwölfstellige Zahl merken zu können, ist demnach ein nettes Gimmick, mehr nicht – weil man es schlichtweg nicht mehr braucht.

Seite 2: Warum die Kulturpessimisten Unrecht haben

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"Man muss nicht alles wissen,

man muss nur wissen, wo es steht." Das gilt noch immer. Irgendwas bleibt immer hängen. Das Wichtigste ist, Brauchbares von Unbrauchbarem trennen zu können. Daran hapert es oft. Vielleicht stimmt es tatsächlich, dass das Internet Schlaue schlauer macht und Dumme dümmer. Aber wer verdummen will, sollte auch das Recht darauf haben.

  • Antworten
MS17.08.2012 | 12:48 Uhr

Prof. Spitzer und digitale Demenzen

Schreibt Herr Prof. Dr. med. Spitzer seine Bücher nicht im Note- bzw. Macbook? Jedenfalls hat sein ehemaliger Heidelberger Chef - nach seiner Rückkehr aus den USA - ein Zimmer mit einem PC bzw. PC-Anschluss für ihn suchen müssen. Hat er die Erfahrungen, die er nun in seinem Buch äussert, auch aus dieser Zeit?

  • Antworten
Erwin Anselment17.08.2012 | 13:08 Uhr

Teil 2 fehlt

Wenn man Computer für dumm machend erklärt, muß man die Zeit komplett zurück drehen. Man kann seine Überweisungen dann wieder auf der Sparkasse tätigen, vorausgesetzt, die Sparkasse eröffnet auch die früher nahen Filialen. Man kann auch mit der Landkarte auf Reisen gehen, dann muß der Verkehr nur entschleunigt und ausgedünnt werden - dann kann ich auch mal an der Kreuzung stehen und schauen, ob ich schon an der xx-Straße bin oder noch eine weiter muß. Ich kann auch die Welt wieder sicherer machen und niemand braucht ein Handy für den Notfall. Ich kann.....Mag Herr Spitzer durch Übertreibung manche wunde Punkte aufdecken, es fehlt dann eben Band 2, wie nun mit der digitalen Wirklichkeit möglichst schadlos zu leben ist. Denn das brauchen wir, Hilfen zum Umgang damit. So, wie wir sie langsam auch brauchen für den Umgang mit schnellen Autos und einer Arbeitswelt, die uns bis ins Bett hinein verfolgt. Übrigens, ob Herr Spitzer einen Airbag hat? Oder reißt er sich im Ernstfall das gute alte Kissen vors Gesicht. Und mit ein wenig Rechentechnik könnte man sogar ausrechnen, wann der Tank leer ist. Wozu den Tankanzeige-Computer?

  • Antworten
hallertauer17.08.2012 | 14:40 Uhr

neue medien?

Wie kange will man computer so eigentlich noch bezeichnen? wer damit noch immer nicht warm wird, der ist dumm. darüber schüttelte sogar laut bericht ein mitarbeiter eines jobcenters den kopf, als eine der schlecker-frauen vor ihm saß, die im netz nach stellen suchen sollte und noch niemals vor einem pc gesessen hat, und das mit 56 jahren! meine alten eltern, beide mitte 80 können computer bedienen...

  • Antworten
denise-a. langner-urso17.08.2012 | 15:05 Uhr

Ganz herzlichen Dank für diesen wunderbaren Artikel!!!

Nur ganz kurz Herr Jakubetz.
Ganz herzlichen Dank für Ihren Artikel. DANKE!

  • Antworten
Jörg Dommel17.08.2012 | 18:12 Uhr

mit computern ist es wie mit drogen

dumme werden noch dummer, kluge können damit umgehen

das eigentliche problem mit computern ist weniger, daß sie dumm machen, als daß sie unglaubliche zeitvernichtungsmaschinen sind. wer schon mal einer person über einen gewissen zeitraum dabei zugeguckt hat, wie sie neue apps teste, alte updated oder nach besseren sucht, das touchpad rootet etc etc, fragt sich schon, wo da der "zeitgewinn" sein soll.

am grab von so etwas wie "second life", "myspace" oder ... seelige zeiten ... navCis stehend, kichere ich mich jedenfalls halbtot und schwöre auf eine nun gut 12 jahre alte version von "wavelab", die mal dem programm "clean" beigelegt war.

man kann auch ohne facebook ja sogar ohne handies passabel leben und den computer als knecht betrachten. und nicht als domina ...

obwohl, es soll ja leute geben, die das anders sehen

  • Antworten
hardy18.08.2012 | 03:28 Uhr

Natürlich braucht es

Natürlich braucht es gelerntes "Wissen", um gesellschaftlich und personal bestehen zu können. Natürlich muss ich keine Telefonnummern auswendig lernen. Wenn ich jedoch kein Wissen in mir trage, hilft mir auch alles Weltwissen im iPhone nichts. Wenn ich nicht weiß, was unter der Französichen Revolution zu verstehen ist, bringt es mir nichts, über google alle Fakten über Ludwig XIV. abfragen zu könenn.

Dass digitaler Mediengebrauch übrigens zum engen Denken neigt, merkt man übrigens häufig in zahlreichen Blogkommentaren: Nach wenigen Kommentaren nimmt das Argumentieren leider ab, und Verbalinjurien nehmen zu. Da sind analoger Dialog und klassische Bildung wohl doch die Rettung.

  • Antworten
Hans18.08.2012 | 11:00 Uhr

Durch Nutzung zum Nutzen

Die wenigsten Literaten sind sich bewußt, daß sich die Menschen in fast allen Kulturen auf der Grundlage von 25 Lauten, also mit 25 verschiedenen Zeichen/Digits, verständigen. Unter diesem Gesichtspunkt liefert das Binärsystem,das der Computer nutzt, nur eine technisch andere, aber systemisch gleiche Abbildung unserer Wahrnehmung und unseres Bewußtseins. Durch eine andere Technik der Beschreibung eines Zustandes ändert sich nicht der Zustand.

Die Menschheit hat die Verbreiterung ihres Wissens nur durch die Veränderungen der Kommunikationstechniken erreicht : mündliche Überlieferung, Schrift, Malerei, Buchdruck, Fotografie, Rundfunk, Film, Fernsehen und Internet. Das Internet bündelt alle vorhergehenden Techniken, führt die unterschiedlichen Quellen zusammen und stellt sie abrufbereit zur Verfügung.

Wenn heute Kultur- und Literaturkritiker meinen, daß die Menschheit in eine neue Dimension des Bewußtsein gedrängt wird, so zeigt sich, daß sie nicht erkennen, daß wir an einer ähnlichen Wende stehen wie zu Gutenbergs Zeiten: auf das Wissen der Menschheit kann schneller und umfangreicher zugegriffen werden. Auch damals sahen viele in den gedruckten Büchern Teufelswerk.

Dadurch daß man heute nicht mehr drei Stunden in der Universitätsbiblithek recherchieren muß, um ein Quelle zu finden, mag sich der Wert des wissenschaftlichen Handwerks verringern, an der Bedeutung des Ergebnisses ändert sich jedoch nicht.

Die Wisssenschaftler müssen verstehen, daß z.B. die Bedeutung des Automobils für die Menscheit nicht davon abhängt, ob man selber einen Führerschein hat oder nicht.

Robert Hürten

  • Antworten
Robert Hürten19.08.2012 | 14:59 Uhr

@ Herr Hürten

... mehr gibt es dazu eigentlich nicht zu sagen. Die Vermarktung dieses Buchs geht ja gerade in den Gazetten reihum. Ich verstehe wirklich nicht, was es bringen soll, eine existierende und aus dem Wirtschaftsleben nicht wegzudenkende Technik mit Polemiken zu bewerfen? Klar, man kann Geld damit verdienen. Das wars dann aber auch. Dummheit entsteht weniger durch das Medium selbst als durch den Gebrauch - das kann man auch mit Zeitunglesen "kriegen". Oder durch das Lesen sinnloser Bücher ....

  • Antworten
Leo19.08.2012 | 23:40 Uhr

Wahr, aber unfruchtbar

So gut die Gedanken zwischen den Zeilen auch sein mögen, dient ihr Artikel doch leider nur der weiteren Eskalation und Frontenverhärtung.

In diesem Zusammenhang lesenswert:

C. Heller: Post-privacy
G. Lovink: Networks without a cause
A. Krommer: Fehlende Medienkompetenz (Telepolis)

  • Antworten
Christian Börner20.08.2012 | 08:45 Uhr

Selten so was schlecht

Selten so was schlecht recherchiertes gelesen.
Spitzer macht klar, das es um die Hirnentwicklung von Kindern geht, die losgelöst von realer Welterfahrung durch Computer nicht mehr genügend angereizt werden.
Heutige Erwachsene sind durch eine halbdigitale Sozialisation noch weitesgehend auf der sicheren Seite, weil ihre Hirnbildung abgeschlossen ist.
Das ändert sich nun. Die Kinder der jetzigen Digital-Natives sind gefährdet reale Reflexe zu verlernen.
(Beispiel: Bildschirm und Lautsprecher nicht auf einer Wahrnehmungsachse.).
Fazit: besser mal Wiese statt Desktop.

  • Antworten
Ralf Kappmeier21.08.2012 | 23:26 Uhr

Richtigstellung

Ich muss meinem Vorredner eindeutig Recht geben. Die Warnung Spitzers, dass der Umgang mit den digitalen Medien auch gefahren in sich birgen, gelten in seiner Studie für Kinder in der frühen Entwicklungsphase.
In diesem Radio-Interview erklärt er selbst seine Ansichten. http://detektor.fm/kultur/digitale-demenz-hirnforscher-kritisiert-soziale-netzwerke-und-digitales-ler/

  • Antworten
manuel22.08.2012 | 13:24 Uhr

Computer

In der heutigen Zeit sind Computer nicht mehr wegzudenken, somit wächst man damit auf.

  • Antworten
computertags.de28.08.2012 | 08:49 Uhr

Google als Wissensvermittler?

Dass digitale Demenz nicht nur in Südkorea beheimatet ist, lässt der Text von Herrn Jakubetz vermuten:
"Ist es schlimm, wenn man weiß, wie man sich Wissen besorgen kann (nämlich über Google)? Natürlich nicht. Das ist in etwa so, als würde man dem Brockhaus vorwerfen, den Menschen zu verdummen."

Google ist eine Firma, die mit Werbung Geld verdient und nicht mit Wissensvermittlung.

Die Diskussion um die Problematik von personalisierter Suche, Demand Media, Schwarmintelligenz und Werbung im Internet scheint an dem Verfasser vorbeigegangen zu sein.

  • Antworten
Günter K. Schlamp08.11.2012 | 14:06 Uhr

Replik greift zu kurz

Sich über einen Warner lustig machen und ihn als Ewiggestrigen hinstellen ist stillos. Zudem übersieht der Autor, dass Herr Spitzer vom kindlichen Gehirn spricht. Dieses kennt noch keine logischen Suchalgorithmen, weiss nichts über das Gewichten und Prüfen von Aussagen, kann schlecht planen. Komischerweise übersehen alle Kritiker des Buches diese Tatsache: Kinder haben nicht die gleichen Gehirne wie Erwachsene. Es greift also zu kurz, einfach von sich aus auf die Kleinen zu schliessen (dazu z.B. die Abschnitte über Frontalhirn nachlesen). Diesen Fehler machen die Reformpädagogen nun auch schon seit Jahren.
Natürlich mag Auswendiglernen im Google-Zeitalter out sein. Aber können Sie tatsächlich mit Sicherheit sagen, ob die Funktion "Auswendiglernen" für ein kindliches Gehirn keinen Stellenwert hat? Fakten aufnehmen, zuordnen, abspeichern, überprüfen... kann doch sein, dass diese Funktion für das Gehirn elementar ist. Jeden Tag eine Stunde durch den Wald rennen klingt ja auf den ersten Blick auch ziemlich unnütz, aber seit wir wissen, was dabei alles im Körper passiert, sieht das anders aus.
Ich teile die Meinung, dass Herr Spitzers Buch mit Ängsten jongliert und es ist mir streckenweise zu wirr und zu reisserisch. Auch habe ich keine Ahnung, welche Studien er mir verschweigt. Dass sich allerdings die Befürworter von digitalen Medien in der Bildung jetzt derart schwer tun, schlüssige Gegenbeweise zu liefern, erschreckt mich.

  • Antworten
Gian-Reto Theus27.01.2013 | 17:55 Uhr

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