Comic "Jimmy Corrigan" - One-Night-Stand mit Superman

«Jimmy Corrigan» ist ein Meisterwerk. Und sein Schöpfer Chris Ware der bedeutendste Bild-Erzähler seiner Generation

One-Night-Stand mit Superman
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Autoreninfo

Balzer, Jens

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Die Sonne scheint, da sie keine andere Wahl hat, auf nichts Neues. Seine Tage verbringt Jimmy Corrigan sprachlos in einer winzigen Wabe in einem großen Büro; seine Abende verbringt er sprachlos zu Hause und blickt aus dem Fenster auf die Ödnis seiner Vorstadt. Einmal am Tag klingelt das Telefon, dann ruft seine Mutter aus dem Altenheim an und zwingt ihn mit ihrer herrischen Sprache zurück in jene Rolle des unreifen Kindes, aus der Jimmy in Wahrheit nie ausbrechen konnte. «Jimmy Corrigan – der klügste Junge der Welt» heißt dieser auf geradezu barocke Weise nihilistische Comic-Roman von Chris Ware. «Der klügste Junge der Welt» ist Jimmy Corrigan natürlich nur in jenen wiederkehrenden Phantasien, in denen er sich als Superman sieht oder als sonst irgendein maskierter Rächer mit Superkräften und unwiderstehlicher erotischer Anziehungskraft. Er selbst hat mit fast vierzig Jahren noch nie eine Freundin gehabt, und der einzige Superman, den er jemals persönlich traf, war ein kostümierter Werbeträger in einem Billig-Kaufhaus, der das Staunen des naiven Knaben sogleich dazu nutzte, seine einsame Mutter zu einem One-Night-Stand abzuschleppen.

Seinen Vater hat Jimmy Corrigan nie kennengelernt – bis dieser, kurz vor dem eigenen Tod, doch noch den Kontakt zu seinem Sohn sucht. In einer tristen Flughafenhalle treffen sie erstmals aufeinander, eine nicht enden wollende Szene von quälender Sprachlosigkeit. Doch in der Leere zwischen seinen beiden Figuren entfaltet Chris Ware bald ein ganzes Panorama der Familien- und Gesellschaftsgeschichte. Jimmy Corrigan lernt auch den Vater seines Vaters kennen, der ebenfalls Jimmy Corrigan heißt; dessen Biografie führt zurück in die USA der vorletzten Jahrhundertwende, wo Jimmy der Ältere von seinem verwitweten Vater eines Tages sang- und klanglos verlassen wird.

So begegnen uns drei Generationen entfremdeter Männer, die um die Liebe und um das Geliebtwerden ringen. Einen Moment lang schimmert am Ende dieser herzzerreißenden Geschichte sogar so etwas wie Hoffnung auf. Und erlischt. In einem kunstvollen Geflecht aus Vor- und Rückblenden, aus scheinbar realistisch erzählter Geschichte und Gedankenbildern, Erinnerungen und Fantasien zeigt Chris Ware, wie die Schicksale seiner Figuren miteinander verbunden sind und warum diese Männer, bei aller Sehnsucht, doch nicht zueinander kommen können. Die lineare Abfolge von Szenen löst Ware dabei immer wieder auf; in ganzseitigen Bild-Architekturen verschränkt und verwirrt der Zeichner Vergangenheit und Gegenwart, die Wirklichkeit und die Wünsche. Seine Grundformen bleiben indes geometrisch: In den strengen, meist planvoll zu eng beschnittenen Szenen wirken die Figuren existenziell eingeklemmt und gefangen.

1967 in Nebraska geboren, wurde Chris Ware Ende der Achtzigerjahre von dem «MAUS»-Zeichner Art Spiegelman entdeckt; seine ersten kurzen Geschichten erschienen in dessen Comic-Avantgarde-Magazin «RAW». Die ersten «Jimmy Corrigan»-Folgen veröffentlichte Ware vor fast zwanzig Jahren in seiner Heftserie «ACME Novelty Library», 2000 wurden sie in gesammelter Form als Buch herausgebracht. Noch einmal dreizehn Jahre hat es gedauert, bis nun endlich eine deutsche Ausgabe erschienen ist. Und das lag nicht nur an der Mühsal der Übersetzung von Wares literarisch anspielungsreicher und komplexer Sprache (die Heinrich Anders und Tina Hohl kongenial ins Deutsche übertragen haben), sondern vor allem am Perfektionismus des Zeichners und Buchkünstlers. Bis in die winzigste Farbton-Nuance pflegt Ware den Verlegern die Gestaltung seiner Comics zu diktieren. Mit seinen winzigen, typografisch stets wechselnden Schriften verlangt er nicht nur dem Blick des Betrachters viel ab, sondern auch dem Talent seiner Grafiker und Layouter. Allein der kompliziert zusammengelegte Schutzumschlag ist ein Kunstwerk eigenen Rechts: Beim Entfalten enthüllt er ein gewaltiges Pfeildiagramm, in dem die Geschichte des Buchs wie in einem psychogeografischen Schaltplan zusammengefasst und gedeutet wird.

Seine Bilder, so hat Chris Ware einmal gesagt, seien wie Schriftzeichen zu sehen: Man solle sie nicht betrachten, sondern lesen. Auch die Physiognomien seiner Figuren hat er auf symbolhafte grafische Formen verkürzt. Vom psychologischen Realismus vieler jüngerer «Graphic Novel»-Adepten sind Wares Zeichnungen weit entfernt; gerade deswegen aber wirken sie so psychologisch detailgetreu und berührend. Das Innenleben seiner Protagonisten, ihre Gefühle und Schmerzen, ihre Hoffnungen und ihre Verzweiflung bringt Ware in der Form seiner Bilder zum Ausdruck: durch die Öffnung und Verengung der Räume, die seine Figuren umgeben; durch die Kadrierung der Szenen, durch Symmetrien und Asymmetrien, durch den Beschnitt von Körpern und die Verhüllung von Gesichtern durch darüber montierte Texte. Aus der Comic-typischen Verschränkung von Bild und Schrift, von räumlicher Darstellung und sequenziellem Erzählen schlägt er so die größten und feinsten Effekte: «Jimmy Corrigan» ist nichts anderes als ein Meisterwerk, und Chris Ware ist der bedeutendste Bild-Erzähler seiner Generation.

Chris Ware
Jimmy Corrigan – der klügste Junge der Welt
Reprodukt, Berlin 2013.
384 S., 39 €

 

 

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