Castorfs „Siegfried“ - Vom Vögeln, Ballern, Krokodil-Schnappen und Buh-Rufen

Der Journalist und Wagner-Experte Axel Brüggemann berichtet für Cicero Online vom Grünen Hügel. Im sechsten Eintrag seines Bayreuth-Tagebuchs erklärt er sein Unverständnis für die vielen Verrisse an Frank Castorfs Wagner-Interpretation des „Siegfried“. Eine Beinahe-Liebeserklärung

„Siegfried“ - 102. Bayreuther Festspiele
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Autoreninfo

Axel Brüggemann ist Musikjournalist und lebt in Bremen. Zuletzt erschien der von ihm herausgegebene Band „Wie Krach zur Musik wird“ (Beltz&Gelberg-Verlag)

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Lesen Sie auch die weiteren Einträge aus Brüggemanns Bayreuther Tagebuch:

Teil 1: „Eine existenzielle Herausforderung“

Teil 2: Die Knackärsche haben gute Arbeit geleistet

Teil 3: Frank Castorf: oder Wild at Ring

Teil 4: Wie Angela Merkel mit Wotan flirtet

Teil 5: Wagner ohne Hitler, das ist echte Kunst

Teil 6: Vom Vögeln, Ballern, Krokodil-Schnappen und Buh-Rufen

Teil 7: Leserpost, die Totalkultur und der Antisemitismus

 

Es hat gewittert die letzten Tage in Bayreuth: Schwülluftentladung. Die Temperaturen sind von 33 auf 13 Grad gefallen. Und auch das Wagnerianer-Barometer ist heute schlagartig gesunken. Nach dem genialisch gemachten „Rheingold“ und der eher bieder-statischen „Walküre“ durfte das Opern-Brügertum im „Siegfried“ endlich Buh-Gewittern. Francoise-Pierre Castorf, the Artist formerly known as Fränkie, hat nun seine wahre Fratze gezeigt, sein ungestümes Wildhelden-Siegfried-Gesicht. Nennen wir ihn für heute einfach mal: den Genossen Castorf, oder besser noch: Frank-Herbert Wernicke, oder nein, lieber: den Teufelskerl.

Eigentlich müsste man mal eine Soziologie der Aufregung verfassen. Frank Castorf scheint sie schon geschrieben zu haben. Nun zelebriert er sie, mit perfekt gezirkelter Aufregungskurve von Abend zu Abend. Und, mit Verlaub, sie ist erschreckend einfach: Man nehme einen Klassiker der Weltkunst, zeige einen der Helden beim Geschlechtsverkehr oder verlege die mythologische Handlung in ein Ambiente, das dem Operngänger weitgehend fremd ist, und dessen reale Ästhetik rein gar nichts mit einem anderen Weltliteraturbestseller zu tun hat (etwa: Berlin, Alexanderplatz, Weltzeituhr), breche den Realismus durch einige exotische Requisiten (etwa: allesfressende Krokodile) - und fertig ist die Schwülluftentladung per wetternder Ausatmung bei wagnerianischen Leitmotivsüchtigen.

Nun mache ich seit Tagen kein Hehl daraus, dass ich diesen Fränkie-Francoise-Teufelskerl sehr schätze und bin von meiner Lebenspartnerin, der ich meine unwesentliche Meinung täglich bereits auf dem Weg vom Festspielhaus zu meiner Bleibe in Bischofsgrün durchtelefoniere, gefragt worden, ob ich ihm nicht zu nahe sei, nur weil wir einmal am gleichen Ort zur gleichen Zeit genau so besoffen waren. Heute hat sie mich gewarnt, dass ich nicht die Leni Riefenstahl der Festspiele werden solle, die Fränkie und Co. mit Buchstaben in den fränkischen Mount Rushmore meißeln will. Ich habe darüber nachgedacht. Und, sorry, aber die Inszenierung des Teufelskerls macht vollkommen Sinn. Und ich erlaube mir diese Meinung auch, wenn die Kollegen aus der hessischen Großstadt fauchend das Festspielhaus verlassen haben.

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Also Butter bei die Fische. Worüber regen wir uns heute auf?

Dass Wotan - einst Motel-Bordell-Besitzer und russischer Öl-Patriarch - inzwischen seinen Smoking angezogen hat, im unwirtlichen Ambiente des Alex' eine Zigarette nach der anderen qualmt, sich Rotwein hinter die Binde gießt und sich in aller Öffentlichkeit und unter der Funzel-Laterne in Berlin von Erda blasen lässt - bis der Kellner kommt, ihm die Rechnung präsentiert und er die Flucht ergreift? Nein, darüber kann ich mich nicht aufregen! Das ist lustig, macht Sinn, und vor allen Dingen ist es genau gelesen: Wagners Weltengott hat sich längst in Verträge verstrickt, wartet auf seinen Enkel Siegfried als Weltenretter und weiß, dass dieser Moment auch seinen Untergang bedeutet. Er pokert mit Mime um Leben und Tod, wird zum Fatalisten, zum Don Giovanni, dessen Charme darin besteht, dass er den Tod nicht fürchtet. Der einzigen wirklich zeitlosen Revolution. Der Teufelskerl zeigt all das. So sieht die private Apokalypse eines jeden von uns aus. Also worüber regen wir uns auf?

Dass Siegfried unter den Konterfeis von Mao, Lenin, Marx und Stalin im sozialistischen Mount Rushmore nicht nur das Schwert Nothung (sein Großvater Wotan hat es vorgestern in der „Walküre“ seinem Vater Siegmund im Todeskampf in zwei Teile zerschlagen) zusammenschweißt, sondern auch zwei Kalaschnikows zusammensetzt und den Riesenwurm (der sich vom Goldschatz ein florierendes Zuhälter-Gewerbe am Alex aufgebaut hat) mit MG-Feuer erschießt? Zugegeben, all das entspricht nicht dem Ur-Mythos, doch wenn man sich, so wie der Teufelskerl, für eine Einordnung des Mythos' in unsere Welt entscheidet, wirkt es doch um so absurder, mit dem Schwert zu morden als mit der Knarre. Fast schon amüsant, dass die Bayreuther Festspiele den Effekt vorausgeahnt haben und auf dem Besetzungszettel ankündigten, dass es im zweiten Aufzug zu „lauten Bühneneffekten“ kommt. Trotzdem kollabiert, genau zum Geballer auf der Bühne, ein Zuschauer und wird stillschweigend abtransportiert. Das war kein Effekt des Teufelskerls. Also worüber regen wir uns heute auf?

Vielleicht darüber, dass Siegfried und Brünnhilde am Ende frühmorgens auf dem Alexanderplatz an einer Bierbank sitzen, dass der Enkel den Rotwein Wotans säuft, sie sich ein Brautkleid anzieht, während zwei Riesenkrokodile sich anschleichen, den Waldvogel fressen und Siegfried mal eben eine Heldentat erledigt, das Mädchen wieder aus dem Schlund des Tieres zieht - und seine Brünnhilde endlich küssen darf? Oder darüber, dass Siegfried zuvor schon den Waldvogel, eine Friedrichsstadt-Palast-Tänzerin mit Revue-Flügeln geküsst hat? Nein, auch darüber kann ich mich nicht aufregen: „Lachender Tod“ heißt es schließlich in dieser Szene, und die Waldvogelintimität (der Teufelskerl würde vielleicht vom Waldvogel Vögeln reden) ist Siegfrieds Naturumarmung. So what? Und ist „Siegfried“ nicht die wirklich lustigste aller Wagner-Opern, die „Meistersinger“ im „Ring“-Zyklus?

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Ja, Angela Merkel soll auch wieder da gewesen sein. Nein, ich habe sie nicht gesehen. Und, nein, zur Götterdämmerung kommt sie wohl nicht. Können wir dann jetzt weiter machen? Danke!

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Der Teufelskerl durchbricht auch in „Siegfried“ wieder Zeit und Raum. Weltenwanderer Wotan mag keine Umwege. Wenn er durch eine der beiden Höhlen im kommunistischen Mount Rushmore schreitet, landet er direkt auf dem realsozialistischen Alex mit Funkturm-Fuß, Damen- und Herrenfrisör, U-Bahn und Postbüro. Wieder besticht die Bühnenkonstruktion von Aleksandar Denic durch Opulenz und geheime Räume, in denen der Teufelskerl (dieses Mal sehr sparsam) seine Video-Live-Schnitte zeigt: Wir beobachten Erda, wie sie sich den Fummel aussucht, mit dem sie Wotan bezirzen will, sehen, wie dem hispanischen Kellner Geld zugesteckt wird, und er im Hintergrund die Strippen zieht, und wie sich die bereits etablierten Welten des Teufelskerls zusammenschweißen (natürlich mit bewussten Sollbruchstellen!). Frank Castorf denkt Wagner, wie er sich selbst gedacht hat: total global.

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Übrigens, wer die letzten Tagebucheinträge gelesen hat: Mit meiner Sitznachbarin von der Haarez habe ich mich nun endgültig überworfen. Wie nach allen bisherigen Aufzügen fragte sie nun auch nach dem ersten „Siegfried“-Aufzug, noch in den Applaus hinein: „Excuse me, could you please explain...“ Da habe ich freundlich, aber bestimmt geantwortet, dass ich ja auch erst fertiggesehen habe und noch ein bisschen nachdenken müsse. Als wir nach der Pause dann wieder nebeneinander saßen, sagte sie „Sorry“, aber sie hätte gedacht, dass ein Deutscher einer Ausländerin doch wohl den „Ring“ erklären könne, weil er doch die Sprache verstehe. Und dass sie es schade fände, dass ich das nicht täte. Ich war sprachlos. Dann habe ich ihr gesagt, dass wir doch Journalisten seien und uns vorbereiten müssten, und dass ich mich bei Verdi ja auch mit dem Inhalt auseinandersetzen müsse und die Sprache der Regie entschlüsseln müsse. „But why does that play on Alexanderplatz?“, wollte die Dame nun wissen, „and why in our time?“ Ich habe einen letzten Versuch unternommen und sie gefragt, ob sie lieber die Inszenierung von 1890 sehen würde. „That is the problem“, hat sie geantwortet, „no...“ Seither schweigen wir.

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Heute habe ich keine Lust mehr, das Gleiche über Kirill Petrenko zu schreiben, wie ich es schon in den letzten Tagebucheinträgen getan habe. Ich verstehe den Hype noch immer nicht, auch weil das alles so ruppig, so laut, so uneinheitlich ist. Gleichsam ist alles groß, irgendwie richtig und stets verblüffend, besonders, wenn der Dirigent seine Geigen und Celli zum Rutschen auf den Saiten beflügelt, seine Bläser zum Jazz aufruft und Stimmen hörbar werden lässt, bei denen man erst einmal in der Partitur nachschlagen muss, um zu merken: Jau, steht genau so da! Vielleicht ist er auch ein Teufelskerl. Aber anders als bei unserem Regie-Teufelskerl lässt mich Herr Petrenko nur wenig fragen - er lässt mich staunen, aufhorchen, neuhören - aber am Ende auch das ungebrochene Pathos vermissen. Und Pathos, das kann der Fränkie.

Schade, dass Richard Wagner den Wotan in der „Götterdämmerung“ nicht mehr auftreten lässt. Ich hätte diesen unglaublichen Wolfgang Koch so gern noch einmal gehört. Gestern der Brünnhilden-Abschied, heute die große Spielszene mit dem ungeheuer spielerischen Spieltenor Burkhard Ulrich (Mime) und vor allen Dingen seine befriedigende (ja: Kalauer!) Szene mit Erda (wie an den anderen Abend souverän irdisch, ohne überirdisch zu sein, Nadine Weissmann).

Ah, es gab ja noch einen Neuen: Lance Ryans Siegfried. Nun, der Mann – vom Teufelskerl nicht als Naturbursche per se, sondern eher als Halbstarker, der sogar mit Büchern aufwächst, angelegt – ist auch ein vokaler Kraftmeier. Und das ist nicht böse gemeint. Ein Siegfried, dessen Tenorkraft nicht zu versagen droht, der Höhen und Fortissimi liebt, der zwischen Kopf- und Bruststimme nach Belieben wechselt - und doch manchmal ein Quentchen mehr Feinsinnigkeit erhoffen lässt. Toll übrigens das Changieren zwischen körperlichen Action-Szenen und ergreifenden Ruhemomenten.

Martin Winkler kehrt als kerniger Alberich zurück, Sorin Coliban als etwas dünner Fafner, Mirella Hagen taucht als sexy, aber etwas schriller Waldvogel auf - Siegfried auf jeden Fall scheint die Dame aus dem Cabaret, dieses künstliche Natursymbol, zu gefallen, wenn er sie aus dem Krokodilsschlund befreit.

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Und was will der Regisseur uns nun nach Zweidritteln des „Ringes“ sagen? Vielleicht, dass Richard Wagner so groß war, dass selbst der alte, abgewrackte Volksbühnen-Recke, der an seinem eigenen Haus in den letzten Jahren eher zum Wotan wurde, noch eine Herausforderung findet. Sein „Ring“ ist ein kluger Kreis aus Versatzstücken, dessen Rundheit sich nicht an der Oberfläche des Skandals und Effekts offenbart, sondern in seinen Lücken. Dort, wo er uns auffordert, zum Amboss zu greifen, um Zeiten und Räume zu zertrümmern oder zu einem ganzen zu schmieden. Das Bestechende dieses „Ringes“ ist seine archaische Freiheit. Und damit ist der „Siegfried“ wahrscheinlich der Kern des Teufelskerls-„Ringes“. Keiner von Wagners Operncharakteren ist Fränkie-Francoise-Frank Castorf so nahe wie dieser. Deshalb lässt er seinen Siegfried sogar lesen: Das ungeschriebene Buch über die Soziologie der Aufregung. Aber Frank Castorf hat ja auch keinen Ventilator. Also lässt er es gewittern.

 

 

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