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 > Ein Spiel wie Elvis Presley

Salon
Andreas Tönnesmann über Monopoly

Ein Spiel wie Elvis Presley

von 
Philipp Felsch
6. November 2011

Ein Kind der Wirtschaftskrise und der Horror aller Kommunisten: Mit Monopoly ließ sich der Raubtierkapitalismus üben. Andreas Tönnesmann hat es jetzt in „Monopoly. Das Spiel, die Stadt und das Glück"

Man wüsste gern, was Johan Huizinga zu Monopoly eingefallen wäre. Hätte er ein ähnlich hartes Urteil wie über Bridge gefällt: „bindet und verbraucht eine Menge von Intellekt und geistiger Spannung, die besser hätte verwendet werden können“? Oder wäre ihm Monopoly als Spielform des Kapitalismus aufgefallen, der gerade mit Pauken und Trompeten zusammengebrochen war? Die Antwort auf diese Fragen bleibt ungewiss. Denn der große Historiker und Spiel-Anthropologe besuchte die USA in den zwanziger Jahren, während das Patent für Monopoly aus der Zeit nach dem Börsencrash stammt, nämlich aus dem Jahr 1935.

Diese Art von Gedankenexperiment, das Huizinga in Amerika einem Monopoly-Brett begegnen lässt, macht den Reiz – und mitunter die Schwäche – von Andreas Tönnesmanns Buch aus: Er schreibt Kulturgeschichte mit geschärftem Möglichkeitssinn und erlaubt sich, auch dort Zusammenhänge zu vermuten, wo die historischen Evidenzen schwach sind. Wichtige Fakten können jedoch als gesichert gelten: Charles Darrow, der Monopoly in den frühen Dreißigern erfand, war ein Heizungsinstallateur, also kein bloßer Handwerker, sondern ein Engel jener städtebaulichen Moderne, die dieses Spiel im Couchtischformat miniaturisierte. In Zeiten der Wirtschaftskrise zum Dazuverdienen gezwungen, zog sich Darrow in seinen Bastelkeller zurück und kam mit Monopoly wieder heraus – das Spielbrett ein blassgrünes Stück Wachstuchdecke, die hölzernen Immobilien eine Laubsägearbeit. 1935 patentiert und gegen Gewinnbeteiligung an die New Yorker „Parker Brothers“ verkauft – so machte Monopoly Darrow binnen weniger Jahre zum Millionär.

Anders als die Longseller Schach oder Mühle war Darrows Spiel stark von den Zeitläufen infiziert – ein Kind der Great Depression und des New Deal, mit dem Präsident Roosevelt der Krise ab 1933 durch Staatsinterventionen entgegenzusteuern versuchte. „We’re off the Gold Standard“, verkündet eine der Gemeinschaftskarten aus Darrows Originalversion in Anspielung auf Roosevelts umstrittene Entkopplung des Dollars vom Goldstandard, von der unsere Finanzmärkte bis heute gezeichnet sind. Der glückliche Spieler durfte fünfzig Dollar aus der Bank einziehen, jener utopischen Institution, die im Gegensatz zu allen real existierenden Banken pure Interesselosigkeit und Verlässlichkeit repräsentierte.

So sicher Charles Darrow den Nerv der Dreißiger traf – seine vermeintliche Erfindung war ein Plagiat. Bereits im Jahr 1904 ließ sich die Chicagoer Stenografin Elizabeth Magie Phillips „The Landlord’s Game“ patentieren, ein Spiel, das Monopoly in allem vorwegnimmt. Bis in verräterische Leitfehler hinein kann Tönnesmann nachweisen, dass Darrow schamlos kopiert haben muss. Was ihm abging, war Lizzie Magies politischer Hintergrund. Sie bewegte sich im Dunstkreis des Gesellschaftstheoretikers Henry George, der zwar erfolglos für das New Yorker Bürgermeisteramt kandidierte, mit seiner Idee der „single tax“ auf Landbesitz aber einen festen Platz in der Ideengeschichte der Finanzpolitik behauptet. Womit sich die Ursprünge von Monopoly nicht im Manchesterkapitalismus, sondern im utopischen Sozialismus des 19. Jahrhunderts verlieren.

Seine goldene Ära erlebte das Spiel allerdings im Kalten Krieg – es wurde zum Botschafter weltweiter Amerikanisierung. „In der Welt des Spiels“, schreibt Tönnesmann, „nimmt es die Stelle James Deans oder Elvis Presleys ein.“ Auf der „U.S. Exhibition“ in Moskau im Jahr 1959 gehörte auch ein Monopoly-Brett zum Inventar des typischen amerikanischen Wohnzimmers. Doch obwohl sich Chruschtschow beim Pepsi-Trinken fotografieren ließ, blieb Monopoly in den sozialistischen Ländern streng verboten. Als Experte für Renaissance-Kunst interessiert sich Tönnesmann weniger dafür, was Monopoly als Spiel unter Spielen auszeichnet. Im Kern unternimmt er den Versuch, es in die lange abendländische Tradition der Idealstädte einzuordnen, die von Filaretes „Sforzinda“ über Thomas Morus’ „Amaurotum“ bis zu Frank Lloyd Wrights „Broadacre City“ reicht.

Unter der längst ikonisch gewordenen Oberfläche des Monopoly-Bretts gräbt der Autor nach der Utopie einer Idealgesellschaft – so wie Architekten und Projektemacher sie stets aufs Neue den Straßenzügen erträumter Städte eingeschrieben haben. Und entgegen der spätestens seit den siebziger Jahren landläufigen Meinung, Monopoly stelle eine erschreckend unverhohlene Einübung in den Raubtierkapitalismus dar, wird er dabei auch fündig: Im „ökonomischen Dualismus“ von Monopoly halten sich zwei entgegengesetzte wirtschaftliche Grundüberzeugungen in der Wage: der Glauben an den interventionistischen Staat, der seine Bürger pro Runde mit einem gesicherten Grundeinkommen versorgt, und die Wette auf ungezügeltes Gewinnstreben, das seinen reinsten Ausdruck in den Wuchermieten der Schlossallee findet.

Vielleicht erklärt das auch, warum Monopoly inzwischen unwiderruflich im Zeitalter seiner Historisierbarkeit angekommen ist. Eine Welt, die gelernt hat, dass der unsichtbaren Hand des Marktes ebenso wenig zu trauen ist wie ihrem klassischen Gegenspieler, dem Staat, muss sich, wenn überhaupt, ganz andere Idealstädte bauen.

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