Erbittert wird hierzulande über die richtige Bildungspolitik gestritten. Der Soziologe Heinz Bude analysiert in „Bildungspanik. Was unsere Gesellschaft spaltet“ die Lage – und bleibt dabei ein Advokat der Mittelschicht
Folgt man der Devise Pierre Bourdieus, dass Soziologie ein Kampfsport sei, dann tritt Heinz Bude mit seinem aktuellen Essay in der Schwergewichtsklasse an. Denn um das richtige Bildungssystem wird mit harten Bandagen gekämpft. Der in Kassel lehrende Soziologe verspricht nun „überraschende Lösungen für diesen „kulturellen Klassenkampf“.
Dass es die tatsächlich bräuchte, zeigt die Kompromisslosigkeit der Gegner. Auf der einen Seite stehen die Apologeten der Gesamtschule, die mit dem gemeinsamen Lernen die „institutionellen Ghettos im Bildungssystem“ abschaffen wollen. Auf der anderen eine bildungsbeflissene Mittelschicht, die zunehmend panisch um den Statuserhalt ihrer Kinder bangt. Gegen die Pläne der „Zwangsmischung“ von Charlotte und Kevin verteidigt sie das Gymnasium energisch als „Refugium der Selbstähnlichkeit“. Mit kühlem soziologischen Blick manövriert Bude zwischen den jeweiligen Positionen und analysiert prägnant und anschaulich, wo die Feinheiten und Fallstricke der meist allzu verkürzten Bildungsdebatte liegen. So zeigt er beispielsweise am PISA-Gewinner Japan, dass auch ein egalitär konzipiertes System nicht vor enormen Distinktionskämpfen schützt.
Denn obwohl es dort eine Art Einheitsschule gibt, ist der Wettbewerb um gute Abschlüsse und begehrte Studienplätze unerbittlich. Viele ambitionierte und wohlhabende Eltern lassen ihren Nachwuchs nämlich obendrein auf einem riesigen privaten Bildungsmarkt unterrichten. Da wird dann für bis zu 500 Euro monatlich selbst in den Ferien gepaukt. Dieses Beispiel passt zum basso continuo in Budes Argumentation: Soziale Ungleichheit schlage sich auch in der Bildung immer nieder.
Der Autor warnt deshalb vor Strukturreformen, die nur noch mehr leistungsbereite Schüler aus den öffentlichen Schulen fliehen lassen. Gleichzeitig weiß Bude aber auch um die sozialen und ökonomischen Verheerungen, die die Hauptschule als „Parkbank der Unterklasse“ anrichtet. Deswegen plädiert er schließlich für den „dritten Weg“ einer „aktiven Bildungspolitik“. Was dies genau bedeutet, bleibt leider schwammig. Die wenigen konkreten Reformvorschläge, darunter eine Verbesserung des Lehramtsstudiums und eine Stärkung der Berufsausbildung, sind zudem wenig originell. Etwas zu originell scheint hingegen die optimistische Prognose, dass der Arbeitsmarkt durch die demografische Entwicklung bald sowieso jeden brauche.
Bude ist zwar eine luzide Analyse des bildungspolitischen Status Quo gelungen, doch bleibt er dabei allzu sehr Advokat der Mittelschicht. Wie man deren Ängste ernst nehmen, gleichzeitig aber auch verhindern kann, dass am Ende der Bildungsskala fortlaufend eine Schicht Deklassierter produziert wird, vermag dieses Buch deshalb nicht schlüssig zu beantworten.










