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 > Briefe aus den Bergen

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erfahren: Reportage

Briefe aus den Bergen

von 
Hans-Peter Kunisch
16. Juni 2011
Musik machen, botanisieren, wandern, schreiben: Mit dem Flüchtling Jean-Jacques Rousseau im Val de Travers
Seite 1 von 3

Am 8. Juni 1762 um Mitternacht: ein Bote mit einem Billet der Herzogin von Luxemburg. Rousseau solle bitte sofort zu ihr kommen.  Es ist nicht weit von Mont-Louis bis zum Petit Palais in Montmorency. Rousseau macht sich auf und erfährt die Nachricht aus dem nahegelegenen Paris, der «Emile» sei verboten, gegen dessen Verfasser laufe ein Haftbefehl. Jean-Jacques, wie er sich selbst tituliert und von seinen französischen Anhängern noch heute genannt wird, kehrt nicht in seine Unterkunft zurück. Noch am selben Tag verlässt er die Region – Genf, seine geliebte Heimatstadt, schließt sich dem Pariser Urteil an.

Er ist auf der Flucht. Nach fünf Tagen erreicht Rousseau mit einer Kutsche des Herzogs von Luxemburg das über 500 Kilometer entfernte Yverdon – auf Berner Gebiet. Dort findet er Unterschlupf bei seinem alten Freund Daniel Roguin. Doch am 1. Juli untersagt ihm auch Bern den Aufenthalt. Wohin jetzt? Zufällig kommt eine Nichte von Roguin vorbei. Sie habe einen Sohn, der im Val de Travers, einem abgelegenen Tal hinter Neuchâtel, ein Haus besitze. Sechs Stunden dauere die Wanderung über die Berge. Neuchâtel, deutsch Neuenburg, ist 1707 durch Erbschaft an Friedrich II. von Preußen gefallen, und der ist als Freigeist bekannt.

Rousseau geht, obwohl dauerkränklich, sein Leben lang gern zu Fuß. Am 9. Juli 1762 verlässt der Philosoph und Romanautor, eben fünfzig geworden, Yverdon, trifft am 10. Juli nach dreißig Kilometern Wanderung und anderthalb Jura-Hügelzügen in Môtiers ein: ein recht städtisches, mittelalterliches Dorf mit Grand Rue und ein paar hundert Einwohnern. Es ist der Hauptort des Val de Travers, mit Klostersteinen aus dem 11. und 12. Jahrhundert. Drei Kilometer weiter, in Couvet, wird der französische Revolutionsflüchtling und Arzt Dr. Ordinaire dreißig Jahre später den Künstler-und Dichter-Schnaps Absinth erfinden, der nach der Aufhebung des Verbots im Jahr 1908 heute in unzähligen Formen floriert: in Gestalt von Absinth-Schokolade selbstverständlich, auch Absinth-Eis. Aber 1762 ist das noch Zukunftsmusik. Rousseau, ein geistiger Vorreiter der Revolution, wendet sich schon am Ankunftstag an Lord Keith, den schottischen Gouverneur Friedrichs II. in Neuenburg, der ihm am 16. August mitteilt, dass der Aufenthalt gestattet sei.

Möbel gibt es im von Madame vermittelten Haus kaum. Man muss sie sich leihen, aber fürs Erste ist Rousseau wenigstens in Sicherheit; auch Thérèse Levasseur, die langjährige Haushälterin und Geliebte, ist seit dem 20. Juli da. Rousseaus ländliches Stadthaus steht, etwas verkleinert, noch heute. Historische Abbildungen zeigen, dass es einst bis zur Grand Rue reichte. Nach neuen Forschungen stammt es vom Anfang des 16. Jahrhunderts, wie das prächtige «Hôtel des Six Communes», die historische Markthalle.

Rousseau bewohnte das unansehnlichste Zimmer, mit Fenster zum Hof, Thérèse hatte ihr
eigenes, für Besucher gab es ein drittes; am wichtigsten war Rou­s­seau allerdings die überdachte Balkonveranda. So scheint es im Juli 1762, dass er es nicht schlecht getroffen hat. Lord Keith ist ein ruhiger, weitgereister und gescheiter alter Herr. Die beiden sind einander sofort sympathisch. Auch mit dem Ortsgeistlichen Montmollin lässt sich offenbar auskommen. Und die Umgebung, in der das karge, aber recht weite Hochtal liegt, das sich hinter dem schluchtartigen Vallon de Noirvaux plötzlich öffnet, und dessen Handvoll Dörfer vom Flüsschen Areuse mit Wasser versorgt werden, ist dem Asylsuchenden nicht unbekannt. Dreißig Jahre zuvor war er in Neuchâtel gewesen, als junger Musiklehrer, der sich auf die Wochenenden freute, an denen er sich in der Natur bewegen konnte.

In einem Brief an den berühmten Enzyklopädisten D’Alembert schilderte Rousseau 1758 seine Jugend-Eindrücke, erzählte von einem freien, glücklichen Volk «in selbstgebauten Chalets»: «einzigartige Menschen», bei denen er eine «Mischung von Vornehmheit und Ein­fachheit» beobachtete, «wie ich sie nirgendwo sonst gesehen hatte». Da ist es konsequent, dass ausgerechnet die Verfolgung des «Emile» Rousseau wieder in die Nähe führt. Die angefochtenen Passagen dieser wuchernden Mischung aus pädagogischem Traktat, philosophischem Essay und schwärmerischem Roman sind von einer autoritätsvergessenen Natur-Hingabe geprägt, die sich nicht darum kümmert, wer die Natur geschaffen hat. Sie mussten die Kirche beunruhigen. Rousseau wurde vom Erzbischof von Paris, Christophe de Beaumont, und Dr. Gervaise, dem Anwalt der Sorbonne, zum «Monster» und Boten des «Antichrist» gemacht – das war der Auftakt zu seiner Verfolgung. Im Val de Travers aber ist noch alles in Ordnung. Es dauert eine Weile, bis die Intrigen ins Tal finden. «Das mit den Steinen, die bis in die Zimmer geflogen sein sollen, ist Unsinn», sagt Roland Kaehr, der Kurator des kleinen Rousseau-Museums, das in Môtiers eingerichtet wurde. «Es gibt die Schilderung einer alten Frau, die als Mädchen Rousseaus Thérèse geholfen hat, die Steine hochzutragen. Ich glaube, das Problem war, dass Thérèse eine spitze Zunge hatte und sich mit den Frauen des Dorfes nicht verstand.»

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