Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels geht in diesem Jahr an den algerischen Schriftsteller Boualem Sansal. Anlässlich der Frankfurter Buchmesse veröffentlicht CICERO ONLINE ein Interview mit dem Laureaten. Die Verleihung findet am Sonntag in der Frankfurter Paulskirche statt.
Boualem Sansal lebt in einem unscheinbaren Familienhaus hinter einer Mauer mit Stacheldraht, eine Autostunde von der Hauptstadt Algier entfernt. Er trägt ein graues Leinenhemd und einen grauen Zopf. Sansal ist höflich und zurückhaltend, er wirkt schüchtern. Seine Stimme ist leise, aber fest. Der arabische Frühling hat viele Dampfplauderer hervorgebracht. Boualem Sansal gehört nicht dazu.
Herr Sansal, waren Sie überrascht über diesen Preis, den renommiertesten deutschen Literaturpreis?
„Überrascht“ ist ein zu schwaches Wort. Ich habe es nicht glauben können. Ich dachte, das wäre ein Witz, als ich die Email bekommen habe, dass ein Kumpel seinen Spaß mit mir treibt…. Der Friedenspreis hat mir nichts gesagt. Im Internet habe ich mir dann angeschaut, was es damit auf sich hat. Der „Preis des Friedens“ – Mann oh Mann! Da habe ich kalten Schweiß auf die Stirn bekommen. Wer seit 1950 alles diesen Preis bekommen hat! Ich bin doch kein Léopold Senghor, kein Václav Havel, kein Jorge Semprún!
Zu dieser eindrucksvollen Liste von Preisträgern gehören Sie jetzt dazu. Dabei waren sie vor 15 Jahren noch ein Beamter im algerischen Industrieministerium und haben über eher technische Themen geschrieben. Was hat Sie zur Literatur gebracht?
Ganz einfach: Die Lage, in der sich mein Land befunden hat. 1995 hatten wir hier Bürgerkrieg. Für uns war das das Ende der Welt. Wir haben das Haus nicht mehr verlassen, haben uns eingesperrt gefühlt. Ich wohne in Boumerdès, ungefähr 50 Kilometer von Algier entfernt. Morgens um 9 Uhr bin ich aus dem Haus gegangen, um zur Arbeit zu fahren. Erst um 11 Uhr war ich in Algier. Ich habe dann zwei Stunden gearbeitet und war um 14, 15 Uhr wieder zu Hause. Das ging über Jahre so. In solchen Zeiten stürzt alles ein. Die Begriffe Nation, Volk, Recht – all das fällt in sich zusammen. Man muss sich jeden Tag wieder aufbauen. In einem Bürgerkrieg tötet ein Bruder seinen Bruder, ein Bruder seine Schwester, ein Vater seinen Sohn – und ein Sohn seinen Vater. Alle Werte, die innere Architektur – paff, weg! Da kann man der beste Ingenieur, der beste Ökonom der Welt sein – in jenen Zeiten versteht man nichts mehr. Um zu verstehen, muss man in sich selbst suchen. In jenen Zeiten zu schreiben, ist eine Art „magischer Schritt“. Eine Art Exorzismus.
Schreiben als Exorzismus. Hat Sie das befreit?
Nein, es ging nicht darum, mich zu befreien. Sondern darum, zu verstehen, um zu handeln! Man will sich doch nicht einfach töten lassen, zusehen, wie sich das Land zerstört! Man muss handeln! Und da hilft dieser Exorzismus. Man findet in sich den Mut, um zu handeln – und auf einige Fragen zu antworten. Die erste Reaktion in einem Bürgerkrieg ist ja: Nur weg. Raus aus dem Land! Man will sich retten. Das ist nur natürlich. Aber dann denkt man nach, man „bewaffnet“ sich - und sagt sich: Alles, nur das nicht! Man muss bleiben und kämpfen. Es geht doch um unsere Brüder und Schwestern, unsere Familien, unseren Besitz, unser Leben! Man kann doch vor seinem eigenen Leben nicht wegrennen! Schreiben war eine Art, zu kämpfen, Kraft zu finden, sich im Inneren wieder aufzubauen.
Lesen Sie auch, wie Sansals Skripte an die Öffentlichkeit gelangten.










