Bora Ćosić erzählt voller Sinnlichkeit und durchaus nicht ohne Selbstironie von seiner Kindheit im Zagreb der dreißiger Jahre. Eine Rezension seines Buches „Eine kurze Kindheit in Agram“
„Alles war bequem und richtig, nur schrecklich traurig.“ Ein Zitat von Boris Pasternak stellt der serbische Schriftsteller und Intellektuelle Bora Ćosić seiner Autobiografie „Eine kurze Kindheit in Agram“ voran, die seine ersten fünf Lebensjahre beschreibt. War der kleine Bora vielleicht ein Trauerkloß? Hat man die knapp 160 Seiten gelesen, wird man hier eher Ironie vermuten. Denn der verhältnismäßig friedlichen Ćosić’schen Urzeit zwischen 1932 und 1937 folgen Jahre, die für „schrecklich traurige“ Kindheiten ganz neue Maßstäbe setzten. Und ist außerdem nicht jede Kindheit in gewisser Weise „schrecklich traurig“, voller Verluste, Verwirrungen und Veränderungen in einer Welt, von deren Unumstößlichkeit und Eindeutigkeit das Kind überzeugt war?
Bora Ćosić wächst in Zagreb in einer grauen, kleinbürgerlichen Handlungsgehilfen-Welt auf, ohne Haustiere, Märchen und antike Sagen, ohne ein „Quentchen Allegorie“ oder „metaphysische Zugabe“, jedoch durchaus geliebt, nah an den Dingen, die er auf passionierte Weise erforscht. Er schafft sich „mit viel Geduld und Nachdenklichkeit“ seine „eigene Zivilisation, ganz wie ein Schiffbrüchiger auf einer fernen Insel das gesamte Weltwissen neu erfinden muss“.
Absurde und doch einleuchtende kindliche Vorstellungen wie die, dass die Schütten im Tante-Emma-Laden bodenlos seien und man sich mit den länglichen Löffeln durch Salz, Zucker oder Mehl bis zum Erdmittelpunkt durchgraben könne, beschreibt Ćosić ebenso plastisch wie seine frühe Faszination durch Buchstaben. Die Rechnung beim Kaufmann wird zum „Führer, Schutzbrief, Reisepass ins Leben der eingepackten Sachen“ – zu etwas, das der Existenz der Dinge erst Gültigkeit verleiht. Als seine Großmutter ihn lesen lehrt, reagiert er auf die Expansion seiner Welt mit dem heftigen Gefühl zu platzen. Die kindliche Obsession, „in den Keller des Pfirsichs“ vorzudringen, wo die „verborgenen, tief eingegrabenen Fundamente“ liegen, wird ebenso von der Sehnsucht nach Verbindlichkeit innerhalb einer metaphysischen Ordnung wie von physischem Eroberungsdrang gespeist: „Stufe für Stufe entferne ich heute erst oder damals schon die pelzige Haut des Pfirsichs, seine samtige Schale, die mich auf der Zunge kitzelt; das ganze Fleisch verwertend entdecke ich den Stein, der wie ein rauer Felsbrocken am Weg liegt.“ Ihn zertrümmernd, den hellen Samen entdeckend – „wer könnte behaupten, dass hier Schluss wäre?“ –, findet er jedoch einen Wurm.
Ein Autobiograf steht immer vor dem Dilemma, dass das erinnernde Ich viel mehr weiß als das erinnerte. Das weiß Ćosić natürlich auch: „Wenn du später anfängst, in deinen Erinnerungen zu kramen, kommt es vor, dass du von völlig irrealen Tatsachen redest, als hätte es sie wirklich gegeben.“ Außerdem ist hier zu bedenken, dass ein Drei- oder Vierjähriger zwar einschneidende Erfahrungen macht, daraus jedoch noch nicht allzu viel abzuleiten, geschweige denn etwas davon mitzuteilen vermag. Mit bildreicher Sprache dicht an den Dingen gelingt es Bora Ćosić jedoch, der Lebenswelt des kleinen Bora über weite Strecken so viel Eigenständigkeit zu verleihen, dass sie nicht von den darüber getürmten, kurzweiligen Gedankengewölben des Herrn Ćosić erdrückt wird.










