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Salon
hören & sehen: Film

Bleib doch hier, dann essen wir dich!

von 
Daniel Kothenschulte
11. Dezember 2009
Foto: Warner Bros. Pictures
Unter Hippies
Dank Spike Jonzes Verfilmung feiert Maurice Sendaks schmales Bilderbuch «Wo die wilden Kerle wohnen» nun abendfüllend die Anarchie
Seite 1 von 2

Ein gutes Kinderbuch prägt fürs Leben, doch was ist mit denen, die man aus irgendeinem Grund nie in die Finger bekam? Irgendwann hört man wieder davon, meist im mitleidigen Ton verschworener Eingeweihter: «Was, das hattet ihr gar nicht? Das ist aber schade.» So ziehen sich rund um die weißen Flecken verpasster Kindheitserinnerungen merkwürdige Grenzen durch die Erwachsenenwelt. Denn Nachholen ist nicht dasselbe, auch wenn es im Falle von Maurice Sendaks «Wo die wilden Kerle wohnen» unaufwendig zu erledigen wäre: Dieses Bilderbuch umfasst nur zwanzig Seiten und neun Sätze.

Nein, auch wir besaßen das Buch mit den zotteligen Monstern nicht, und es wurde nie aus der Bibliothek ausgeliehen. Dennoch habe ich eine frühe und etwas einsame Erinnerung daran. Es muss in einem Wartezimmer gelegen haben, dort, wo Kindern ohnehin mulmig zumute ist. Dort also bin ich wohl mit Max auf diese Insel gefahren, wo ihn die großmäuligen Wesen erst zu ihrem König gemacht und dann beinahe doch gegessen hätten: «Oh, please don’t go – we’ll eat you up – we love you so.» Bei dieser einen Begegnung ist es geblieben, bis der ebenso schmale wie prachtvolle Band vor kurzem der Einladung zu einer Filmpreview beilag.

Wie verfilmt man zwanzig Buchseiten und neun Sätze Text? Spike Jonze, der Regisseur kunstvoller Popvideos und des surrealistischen Meisterwerks «Being John Malkovich», ging den gleichen Weg, den Walt Disney mit  «Schnee­wittchen» einschlug: Er suchte nach den Auslassungen im Original – und fand sie vor allem im Charakter der Zwerge oder in diesem Falle: der Kerle. Maurice Sendak verlor kein Wort über ihre individuellen Persönlichkeiten, aber er charakterisierte sie dennoch unzweifelhaft – mit seinem Zeichenstift. Und wenn man genau hinsieht, bemerkt man auch, dass zumindest einer dieser «Wild Things» eindeutig eine Kerlin ist. (Die deutsche Übersetzung, die sie zu Männchen machte, stammt von der damals 23-jährigen Kulturwissenschaftlerin Claudia Schmölders.)


Aus Kerlen wurden Monster

Im Film erinnern die von überlebensgroßen Puppen verkörperten Figuren an eine gealterte Hippie-Gemeinschaft. Sofern man das bei haarigen Monstern sagen kann, gehen sie wohl auf die sechzig zu und hängen seit Jahrzehnten buchstäblich aufeinander. Alle erdenklichen Themen haben sie bereits ausdiskutiert, sodass sie die Antworten auf ihre Fragen schon auswendig kennen. Einzig die offenbar in regelmäßigen Abständen eintreffenden «Könige» sorgen für etwas Abwechslung.

Doch bevor es dazu kommt, widmet sich Jonze zunächst den Frustrationen eines Jungen in der unglücklichen Zwischenphase zwischen Kindheit und Pubertät. Altväterlich nannte man so etwas früher Flegeljahre. Tatsächlich aber beginnt mit zehn Jahren der bedauerliche Lebens­abschnitt, in dem der Kredit der Niedlichkeit unerklärlicherweise plötzlich aufgebraucht ist, und man ahnt, dass die Zeit der Geschenke zu Ende geht. Beim Bilderbuch-Max ist schon wildes Rumgehopse vor dem Schlafengehen ein Grund, ohne Essen ins Bett geschickt zu werden. Im Film wartet der Junge das gar nicht erst ab, sondern macht sich mit einem Boot auf stürmischer See davon.

Auf einer Insel angekommen, erleben wir mit dem Helden einen aus den Fugen geratenen Kindertraum. Nicht von ungefähr stammen die übergroßen Puppen aus der Werkstatt des verstorbenen Jim Henson, der schon die Helden der Sesamstraße schuf. Und so wie die Serie ein Produkt der Hippie-Kultur gewesen ist, leben die Monster in diesem Film noch immer als Kommunarden. Nur, dass sie, im Unterschied zu Ernie und Bert, Krümel, Grobi und Lulatsch, sichtlich gealtert sind. Der Junge Max begegnet ihnen wie ein Erwachsener. Er gibt ihnen etwas zu tun und lenkt sie eine Zeitlang von ihren Problemen ab. Doch das ist wie im Buch nur von kurzer Dauer.

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